Bauwelt

Zukunftsfähige Lebensräume

Grundlagen für urbane Transformation

Text: Minet, Paulina, Konstanz

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Zukunftsfähige Lebensräume

Grundlagen für urbane Transformation

Text: Minet, Paulina, Konstanz

Seit 1950 wurde mehr gebaut als in der gesamten Kulturgeschichte zuvor. Angesichts von Klimawandel und Ressourcenknappheit sollte das Ziel sein, den Bestand zu transformieren, statt weiter neuzubauen. Doch wie kann dies gelingen?
Robert Braissant widmet sich dieser Frage in seiner Publikation „Zukunftsfähige Lebensräume – Grundlagen für urbane Transformation“. Sein Buch wird zu einem Planungsleitfaden für urbane Transformation und dient der strategischen und fachlichen Befähigung der Prozessbeteiligten – ob Studierende, Planer oder Entscheidungsträgerinnen.
Braissants Ansatz ist klar: Die Zukunft des Bauens liegt in der Weiterentwicklung des Vorhandenen. Der Umgang mit bestehenden Siedlungsstrukturen erfordert jedoch eine veränderte Denkweise und neue Methoden. Tabula rasa ist keine Option. Transformation heißt nicht Abriss und Neubau, sondern behutsame Anpassung, Inklusion und Wertschätzung des Vorhandenen unter Beteiligung der Menschen. Sein Werk führt außerdem vor Augen, dass die Lösungen von heute die Probleme von morgen sein werden und daher eine vorausschauende, reflektierte Planung notwendig ist.
Fünf Prinzipien vermitteln die Definition von zukunftsfähigen Lebensräumen. Zunächst gilt es, die eigenen Werte zu überprüfen, die dem Entwurf zugrunde liegen. Anschließend lohnt der Blick über die Parzellengrenze hinaus. Dieser ermöglicht, das Ensemble im Blick zu behalten, um Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Gebäuden, Freiräumen und Infrastrukturen berücksichtigen zu können. Ein weiteres zentrales Prinzip ist die Wertschätzung des Vorhandenen und das Weiterbauen. Besondere Aufmerksamkeit sollte den Freiräumen gelten. Sie sind nicht nur unverzichtbar für das Stadtklima, sondern auch für soziale Interaktionen. Schließlich plädiert Braissant für den Einsatz poröser Strukturen, die Veränderungen zulassen.
Doch wie kann diese Art des Planens und Bauens aussehen? Braissant beantwortet diese Frage mit der Entwurfsmethodik des integralen Planens und Entwerfens. Sein vierstufiger Prozess verdeutlicht, wie Planung als iterativer, kollaborativer Prozess gelingen kann. Drei Betrachtungsebenen – Ort, Gebäude, Gesellschaft – werden dabei übergeordnet betrachtet.
Zunächst müsse der Ort als Fundament der Planung analysiert werden. Ziel ist es, neben bestehenden Bauten auch Werte wie soziale Beziehungen und Erinnerungen auszumachen. Im Anschluss werden die Möglichkeiten der Transformation evaluiert, bei der Defizite und Potenziale in Vorher-Nachher-Szenarien erprobt werden. Dabei wird das Vorgehen in iterativen Schlaufen empfohlen, bei denen zwischen Analyse und Synthese gependelt wird, um Ziele zu schärfen und Möglichkeiten zu prüfen. Darauf aufbauend wird ein Leitbild entworfen, das die besten Aspekte aller Szenarien zusammenführt und eine Grundlage zur Ausarbeitung darstellt. Diese Phase sei die „generalistische Schlüsselleistung“ von Architektinnen, die das große Ganze im Blick behalten müssen, während sie gleichzeitig Teil des Prozesses sind. Auch werden die zu berücksichtigenden Parameter hinterfragt. Sollten sich diese etwa von baulichen Zuständen, Siedlungsstrukturen und Gebäudetypologien hin zu Aspekten des Zusammenlebens, soziökonomischen Faktoren und Nachhaltigkeit entwickeln? Entscheidend ist, dass das Leitbild anschlussfähig bleibt und weiterentwickelt werden kann. Denn im vierten und letzten Schritt werden Lebensräume geformt. Die bewusste Wahl der Prozesssteuerung sowie die Beteiligung geeigneter Investoren spielen hier eine zentrale Rolle, ebenso wie niederschwel-lige Partizipationsmöglichkeiten für die Bevölkerung, damit gemeinschaftliche Räume bottom-up entstehen. Das abschließende Kapitel bietet Einblicke in aktuelle Schweizer Fallstudien und reflektiert Chancen sowie Risiken durch die Rückkopplung der Methode in die Praxis.
Die Publikation ist ein Grundlagenwerk für alle, die den planerischen Horizont erweitern und eine zukunftsfähige Baukultur etablieren wollen. Eine Navigationshilfe für Planung, die im Prozess statt am Schreibtisch entsteht.
Fakten
Autor / Herausgeber Robert Braissant (Hg.)
Verlag Birkhäuser Verlag, Basel, 2023
aus Bauwelt 5.2026
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