John Cranko Schule in Stuttgart


Die John Cranko Schule in Stuttgart gehört zu den aktuell faszinierendsten Neubauten Süddeutschlands. Raffiniert an die Topographie angepasst, präsentiert sich der plastisch strukturierte Baukörper aus edel gefertigtem Sichtbeton auf einem prominenten Hanggrundstück unmittelbar oberhalb der Alten und der Neuen Staatsgalerie.


Text: Schittich, Christian, München


    Das Gebäude treppt sich mit fünf Blöcken am Hang ab. Den oberen Abschluss bildet der Gebäuderiegel mit dem Internat.
    Foto: Brigida González

    Das Gebäude treppt sich mit fünf Blöcken am Hang ab. Den oberen Abschluss bildet der Gebäuderiegel mit dem Internat.

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Das große offene Rund des Patios öffnet sich zum Speisesaal des Internats.Im Hintergrund der ober-
    ste Block der vier kleineren Ballettsäle.
    Foto: Brigida González

    Das große offene Rund des Patios öffnet sich zum Speisesaal des Internats.Im Hintergrund der ober-
    ste Block der vier kleineren Ballettsäle.

    Foto: Brigida González

    Eingang mit Foyer der Probebühne am Urbansplatz und die Abfolge der vier seitlichen Ballettsäle zur Nordseite.
    Foto: Brigida González

    Eingang mit Foyer der Probebühne am Urbansplatz und die Abfolge der vier seitlichen Ballettsäle zur Nordseite.

    Foto: Brigida González

    Eingang an der Werastraße mit dem Internat.
    Foto: Brigida González

    Eingang an der Werastraße mit dem Internat.

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Foto: Brigida González

    Blick in eines der 40 Zimmer
    Foto: Brigida González

    Blick in eines der 40 Zimmer

    Foto: Brigida González

    Die Architekten nennen die durchlaufende Haupterschließungsachse Magis­trale. Sie führt durch das Gebäude mit geschossweise angeordneten Treppenläufen. Schiebetüren öffnen sich zu den Loggien.
    Foto: Brigida González

    Die Architekten nennen die durchlaufende Haupterschließungsachse Magis­trale. Sie führt durch das Gebäude mit geschossweise angeordneten Treppenläufen. Schiebetüren öffnen sich zu den Loggien.

    Foto: Brigida González

    Einer der vier großen mittigen Ballettsäle mit Spiegel, Fensterband und Oberlicht.
    Foto: Brigida González

    Einer der vier großen mittigen Ballettsäle mit Spiegel, Fensterband und Oberlicht.

    Foto: Brigida González

    Die Probebühne des Württembergischen Staatstheaters mit 200 Zuschauerplätzen.
    Foto: Brigida González

    Die Probebühne des Württembergischen Staatstheaters mit 200 Zuschauerplätzen.

    Foto: Brigida González

    Das Foyer zum Urbansplatz mit Garderobe und elliptischer Deckenöffnung.
    Foto: Brigida González

    Das Foyer zum Urbansplatz mit Garderobe und elliptischer Deckenöffnung.

    Foto: Brigida González

    Lageplan
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Lageplan

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Vier Bänder gliedern den Bau: Zwei Reihen mit den Sälen, die Magistrale und das schmale Band mit
    Verwaltung, Technik und Lager
    Ebene 01
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Vier Bänder gliedern den Bau: Zwei Reihen mit den Sälen, die Magistrale und das schmale Band mit
    Verwaltung, Technik und Lager
    Ebene 01

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 05
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 05

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 06
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 06

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 07
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 07

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 08
    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Ebene 08

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

    Abb.: Burger Rudacs Architekten

Mit der 1971 von dem legendären Choreographen und Intendanten John Cranko gegründeten Einrichtung verfügt Stuttgart über eine der weltweit renommiertesten Ausbildungsstätten für Ballett. Heute sind etwa zwei Drittel der gleichermaßen angesehenen Ballett-Kompanie des Stuttgarter Staatstheaters Absolventen der Schule, die bislang in einem dafür viel zu kleinen umgebauten Druckereigebäude untergebracht war.
Der Neubau geht auf einen Wettbewerb im Jahr 2011 zurück, den die damals kaum bekannten Münchner Architekten Burger Rudacs mit ihrem geschickt auf die Hanglage reagierenden Entwurf gegen eine Riege namhafter Konkurrenten wie Zaha Hadid, Nieto Sobejano, Snøhetta oder Lederer Ragnarsdóttir Oei für sich entscheiden konnten. Schon die Auslobung damals verlangte wegen der enormen Reputation der Institution sowie der prominenten Lage des Grundstücks auf dem Areal des ehemaligen Wasserwerks direkt oberhalb von Stuttgarts „Kultur­meile“ eine „architektonisch besonders qualitätvolle Lösung“. Stefan Burger und Birgit Rudacs waren im Wettbewerb die einzigen, denen es tatsächlich gelang, Charme und Eigenheit der Topographie überzeugend für ihren Entwurf zu nutzen. Schließlich war ein Höhenunterschied von 21 Metern mit einem umfangreichen Raumprogramm von mehr als 13.000 Quadratmeter Fläche in Einklang zu bringen. Denn neben der Ballettakademie und dem dazugehörigen Internat beherbergt das Haus die Probebühne des Württembergischen Staatstheaters, die auch für kleinere Aufführungen mit bis zu 200 Zuschauern ausgelegt ist. Diese beiden Hauptfunktionen im Programm nutzen die Architekten, um der Einrichtung zwei Adressen zu geben – unten, am talseitigen Urbansplatz und damit nahe am Staatstheater, verorten sie die Probebühne, an der höher gelegenen Werastraße auf der anderen Grundstücksseite die Schule. So entstehen zwei entsprechend ihrer Funktion unterschiedlich gestaltete Eingangsseiten. An beiden gelingt es die jeweilige stadträumlich wirksame Gebäudeflucht aufzunehmen und den Baukörper vom Maßstab her in seine jeweilige Umgebung einzufügen.
Den östlichen Abschluss oben bildet ein viergeschossiger Kopfbau, der die Räume der Akademie und des dazugehörigen Internats beherbergt. Angegliedert an den Eingangsbereich sind das Schulfoyer, der Speisesaal mit einem vorgelagerten Patio und die Küche. In den drei Geschossen darüber befinden sich die Gemeinschafts-, Schul- sowie die 40 Wohnräume des Internats. Von den Architekten ausgestaltet und mit Stockbetten versehen, werden diese überwiegend als Doppelzimmer genutzt.
Auf der gegenüberliegenden Seite unten am Hang bildet der 30 x 24 Meter große und über zehn Meter hohe Raum der Probebühne mit Foyer und einem angrenzenden, direkt anfahrbaren Kulissenlager quasi den Sockel. Zwischen diesen beiden Endpunkten verorten die Architekten vier Regelgeschosse, die sich als Terrassen im Hang abzeichnen. Auf jedem davon (nur im obersten gibt es eine kleine Variation im Grundriss) befinden sich ein großer und ein kleiner Ballettsaal sowie ein angrenzender Patio als Außenraum. Diese stets wiederkehrende Anordnung schafft einen lebendigen Rhythmus, wobei nicht zuletzt der Höhenversatz zu spannungsreichen Raumfolgen führt, die den Baukörper außen wie innen plastisch formen. Hervorzuheben sind dabei die vielfältigen Einblicke in die (jeweils tiefer liegenden) Ballettsäle, die „kleinen Bühnen des Hauses“ wie sie die Architekten bezeichnen. Gleichzeitig ergeben sich aus der Höhenstaffelung spannungsvolle und vielfältige Möglichkei­ten der Belichtung. So erhalten die an der nördlichen Außenwand angeordneten kleinen Ballettsäle Tageslicht durch die großen Nordfenster, die auch den Raum ins Grüne öffnen sowie ein Oberlichtband auf ihrer gegenüberliegenden Seite.
Das zentrale Verbindungselement zwischen den einzelnen Regelgeschossen bildet eine durchaus inszenierte, durchlaufende Haupterschließungsachse, Magistrale genannt, mit geschossweise angeordneten Treppenläufen und den Verwaltungsräumen an ihrer südlichen Längsseite. Die Magistrale beginnt direkt am oberen Eingang an der Werastraße. Pro Ebene sind raumhohe Schiebetüren, die Licht in den Flur lassen. Auf drei Ebenen erreicht man über diese Öffnung die jeweils dahinterliegende ausgedehnte Terrasse, von welcher sich ein grandioser Ausblick über die Stadt bietet. Zusätzlich findet sich an dem Erschließungsweg pro Ebene gegenüber der Treppe eine kleine in den Baukörper eingeschnittene Südloggia. Nutzbare Freibereiche an der frischen Luft sind für die Ballettschüler und ihre Betreuer also reichlich und in vielfältiger Ausprägung vorhanden.
Viel Licht prägen die Atmosphäre der Innenräume, dazu farblich dezent gehaltene Materialien. Da ist zunächst der überall präsente hellgraue Sichtbeton sowie in zwei dunkleren Grautönen gebeizte, kieferfurnierte Holzpaneele, die teilweise – mit mikroperforierter Oberfläche – auch akustische Anforderungen erfüllen. In den Ballettsälen bestimmen darüber hinaus ganz wesentlich die raumhohen Spiegel den Raumeindruck.
Nach außen zeigt sich der Baukörper dem Betrachter strukturiert und weitgehend einheitlich, trotz unterschiedlich ausgeprägter Fassaden. Die Ostseite, oben an der Werastraße, bildet ei­ne wohlproportionierte Rasterfassade, aus der akzentuiert der Eingang zur Schule hervortritt und die gegenüberliegende Seite unten am Urbansplatz lässt ihre Funktion als Theaterentree deutlich erkennen. Am meisten plastisch ausgeprägt aber wirkt die Nordseite, die sich fast 100 Meter terrassenartig über den Hang zieht. Hier zeichnen sich die Ballettsäle als Abfolge einzelner Kuben ab – der unterste davon endet effektvoll als auskragendes Volumen über dem Pausenbalkon. Diese Nordfassade ist zu einem Grünbereich orientiert, der als Frischluftschneise von der Bebauung freizuhalten war, aber auch, weil sich im Boden noch zwei unterirdische, denkmalgeschützte Wasserspeicher verstecken. Am Rand zum Grünbereich haben die Architek­ten einen von Treppen durchzogenen Weg entlang der Schule angelegt, den sie wie Stefan Burger betont, gern der Allgemeinheit zugänglich machen würden. Stuttgart erhielte dann eineweitere attraktive Fußgängerverbindung, die dazu beitragen könnte, die Einrichtung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Da aber die Schulleitung Zuschauer vor den Fenstern ihrer Übungssäle fürchtet, bleibt die Entscheidung zu diesem Punkt vorläufig noch offen.
Während die drei genannten Fassaden durchwegs überzeugen, erscheint die weniger akzentuierte Südansicht dagegen etwas karg, beinahe abweisend. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass sie der Betrachter auf Grund der räumlichen Enge von oben her perspektivisch stark fluchtend wahrnimmt. Hier wirken auch die „Tapetentüren“ aus Beton, die als seitliche Fluchttüren dienen und die sich auf der gegenüberliegenden Seite harmlos ins Gesamtbild integrieren, leicht störend. Denn statt sich wie beabsichtigt möglichst unauffällig einzufügen, fallen sie wegen ihrer nicht unerheblichen Fuge, vor allem aber aufgrund ihrer abweichenden Betonstruktur ins Auge. Das rührt auch daher, dass sich der Sichtbeton ansonsten von insgesamt hoher Qualität und Einheitlichkeit zeigt. Er ist es, der die Großstruktur zusammenbindet und ihr innen wie außen ihren besonderen Charakter verleiht.
Für den Sichtbeton der SB-Klasse 4 mit sorgfältig gesetztem Schalungsbild und Ankerlöchern wählten die Planer eine einheitliche Rezeptur deren Zementanteil aus grauem Portland- sowie Hochofenzement gemischt und mit vier Prozent Titandioxid-Slurry aufgehellt ist. Alle Außenwände sind zweischalig ausgebildet und vor Ort gegossen, mit innenliegender Tragkon­struktion, Kerndämmung und einer außenliegenden, 22 Zentimeter starken Vorsatzschale.
Eine besondere Herausforderung stellte die Integration der Haustechnik im Sichtbeton dar. Neben unzähligen Elektroleerrohren mussten die Sprinkleranlage, die Betonkernaktivierung und die Unterdruckentwässerung der Dachflächen überwiegend in den Decken untergebracht werden. Der Großteil der notwendigen Versorgungsleitungen aber verläuft in den Doppelböden.
So selbstverständlich und charakterprägend der Sichtbeton heute wirkt, wurde er doch während der Planungszeit von Bauherrenseite in Frage gestellt – vor allem mit dem Argument der Mehrkosten – und nur mit großer Hartnäckigkeit gelang es den Architekten diesen letztendlich durchzusetzen. Um etwa 900.000 Euro zu sparen– ein eher kleiner Betrag im Verhältnis zu den Gesamtkosten von 66 Millionen (die je zur Hälfte die Stadt und das Land tragen) – wurde ernsthaft ein Wärmedämmverbundsystem in Betracht gezogen. Kaum auszudenken, welche negativen Auswirkungen das auf Anmutung und Erscheinungsbild des Gebäudes gehabt hätte. So aber erhält Stuttgart einen neuen Kulturbau von außergewöhnlicher Ausstrahlung.



Fakten
Architekten Burger Rudacs Architekten
Adresse Urbanstraße 94, 70190 Stuttgart


aus Bauwelt 20.2020
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