Bauwelt

Life, Spaces, Buildings

In Brüssel fand vom 9.-13. Juni das New European Bauhaus Festival statt

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Life, Spaces, Buildings

In Brüssel fand vom 9.-13. Juni das New European Bauhaus Festival statt

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

„Europa von oben, Europa von unten“ stand über unserem Editorial der Bauwelt 13.2022, die sich dem Neuen Europäischen Bauhaus widmete. Vier Jahre ist das jetzt her, und es stellt sich die Frage, was diese Initiative der Europäischen Kommission unter Ursula von der Leyen seither auf den Weg gebracht hat – den Weg in die überregionale Berichterstattung jedenfalls eher selten. Das NEB-Festival in Brüssel bot Mitte Juni die Gelegenheit, sich einen Überblick zu verschaffen: Vor allem im Musée Art & Histoire im Park Cinquantenaire, dem Zentrum des Festivals, aber auch in der Stadt selbst und auf ihren Baustellen der Transformation.
Kurz zur Erinnerung: Das NEB soll dem „Green Deal“ der EU den Weg in die Bauwirtschaft ebnen, die Veränderung hin zu einem emissions- und abfallärmeren Bauen anstoßen. Insofern: top-down, wie man es von der EU und ihren Vorstößen erwarten darf, verpackt in eine in unzähligen Abstimmungsrunden aller Ecken und Kanten bereinigten, aber immer auch an der Grenze des Floskelhaften balancierenden Kommunikation. Die Reden von Kommissionspräsidentin von der Leyen, Ratspräsident Costa und EU-Parlamentarierin Riehl zur Eröffnung des Festivals am Abend des 9. Juni boten denn auch wenig Überraschungen und rissen auch niemand zu Begeisterungsstürmen hin. Mitzuteilen sind die für Ende des Jahres anvisierte Verabschiedung des Circular economy act, der Weggeworfenes in Werte verwandeln soll, die Eröffnung des ersten NEB Hub in der Ukraine, der den Wiederaufbau des Landes im Sinne der Nachhaltigkeit unterstützen will, und zusätzliche 50 Millionen Euro für die NEB Akademie in den nächsten zwei Jahren. Als größte Aufgabe in der EU wurde die Bekämpfung der Wohnungskrise benannt – seit vergangenem Oktober steht diese auf der Agenda der Europäischen Kommission, da die derzeitige Situation die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts bedroht, wie António Costa betonte. Auch von der Leyen und Riehl verlangten, dass es nicht nur um mehr und bezahlbaren, sondern auch besseren Wohnraum gehen muss – eine bemerkenswerte Erweiterung des Fokus für Zuhörende aus Deutschland, wo viel über Quantitäten gesprochen wird (x tausend Wohnungen in y Jahren zu z tausend Euro pro Quadratmeter), aber nie thematisiert wird, was denn da eigentlich gebaut werden soll und inwiefern das zu Bauende auch einen Beitrag zur „Europäischen Stadt“ darstellt, ihrer sozialen und funktionalen Mischung.
Vielleicht wirkt der im Rahmen des Festivals präsentierte NEB-Katalog für Architekturbüros und Wohnungsunternehmen in diesem Punkt als Hilfestellung und Förderprogramm. Nela Riehl jedenfalls unterstrich die große Stärke des NEB, unterschiedliche Disziplinen für die Stadtentwicklung zusammenzuführen: Stadtplanung, Architektur und Design mit der Industrie, Klimaexperten und Aktivistinnen für Partizipation.
Womit wir beim „Europa von unten“ wären. Denn scheinen die großen Worte gelegentlich hoch im Himmel zu schweben, wächst doch das Gras aus dem Boden des NEB: Über 700 Projekte sind es inzwischen, die im Rahmen der Initiative gefördert werden, und über 2000 Organisationen sind an deren Gelingen beteiligt. Rund ein Zehntel davon präsentierten sich im „Messesaal“ des Museums, und wenn die zwar sympathische, aber auch etwas behelfsmäßige Low-Budget-Ästhetik dieser Messe nicht gerade beeindrucken mochte, war die Bandbreite des Präsentierten doch überraschend. Dem Publikum, das den Weg in die Halle während des Festivals gefunden hat, dürfte jedenfalls klar geworden sein, dass das NEB für die jeweilige Situation vor Ort durchaus wirksam wird: Sei es in Irland, wo es um die Sanierung und Revitalisierung historischer Ortskerne geht (Thrive – Town Centre First Heritage Revival Scheme), sei es auf Zypern, wo Abfälle der Olivenölproduktion zu Oberflächenmaterialien für Ausbau und Produktdesign entwickelt werden (Pit-board), sei in Kroatien, wo „unsichtbare“, sprich leerstehende Gebäude kartiert und für neue Nutzungen bereit gemacht werden (Transforming invisible buildings).
Die musikalische Eröffnung des Festivals durch das Jazz Sailor Quintet endete mit der Einspielung eines einsamen Rettungsrings an einer Mittelmeerküste – mit ihm hatte es niemand an Land geschafft. Das Neue Europäische Bauhaus sendet zumindest Hoffnung auf Rettung, diesen Eindruck konnte man aus der Messehalle und ihren enthusiastischen Projekten mitnehmen.


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