Die Architektur sprechen lassen
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe widmet die Schau „Archistories. Architektur in der Kunst“ ihrer jüngst sanierten Orangerie. Bauen, Geschichte und bildende Kunst stehen im Mittelpunkt.
Text: Reinfant, Christina Marie
Die Architektur sprechen lassen
Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe widmet die Schau „Archistories. Architektur in der Kunst“ ihrer jüngst sanierten Orangerie. Bauen, Geschichte und bildende Kunst stehen im Mittelpunkt.
Text: Reinfant, Christina Marie
Seit geraumer Zeit ist das Thema Bauen für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe zentral. Während nebenan das Hauptgebäude des Museums mitten in der Generalsanierung steckt, ist die Orangerie im November mit der Sonderausstellung „Archistories. Architektur in der Kunst“ wiedereröffnet worden. Das ehemalige Pflanzenhaus im Botanischen Garten, in Sichtweite des Karlsruher Schlosses, wird bis Ende der Sanierung zum Hauptstandort.
Passend zur gegenwärtigen Situation der Kunsthalle setzt sich die neue Schau mit dem Verhältnis von Architektur und bildender Kunst auseinander. Mit insgesamt rund hundert Werken von siebzig Künstlern und Künstlerinnen kann eine große Vielfalt betrachtet werden. Von händischer, bereits vergilbter Zeichnung bis KI-Generierung, die Ausstellung verbindet verschiedene Formate wie Videoarbeiten, Fotografie, Grafiken, Gemälde und Skulpturen aus dem 17. Jahrhundert bis heute. Wer für den nächsten Museumsbesuch humorvolle, vor Leichtigkeit strotzende, aber auch bewegende, kritische Werke sucht, wird hier fündig.
Am Beginn der Ausstellung steht das Haus. Der alltägliche und zugleich private Gebäudetypus wird von Skulpturen über Gemälde bis hin zu Videoarbeiten ausgestellt. Ein sehr spezifisches Objekt stand 2016 für rund 15 Millionen Euro in Los Angeles zum Abriss zur Disposition – das einstige Exildomizil Thomas Manns. Trotz der gesellschaftspolitischen Bedeutung dieses Ortes, kümmerte es die Immobilienanzeige nicht, wer der ursprüngliche Bauherr war. Die Videoarbeit 1550 San Remo Drive (Niklas Goldbach, 2017) verknüpft Aufnahmen des Gebäudes kurz vor seiner Renovierung in einem Layering mit Manns Tagebucheinträgen aus der Zeit von 1940–43 und mit Zitaten der Immobilienanzeige.
In Archistories sind viele weitere Geschichten zu entdecken. So fällt der Blick beim Ausstellungsspaziergang auf Kerker und Brücken, Straßen und Plätze. Eine der wenigen weiblichen Stimmen der Ausstellung findet sich bei den Orten des öffentlichen und politischen Austauschs. Wer Zeit mitbringt, sollte sich den einstündigen Dokumentarfilm „Die leere Mitte“ (1998) der Künstlerin Hito Steyerl nicht entgehen lassen. Darin treffen am Potsdamer Platz, als symbolischem Ort Berlins, historische auf gegenwärtige Konflikte. Ein paar Schritte weiter fängt Michael Wesely in Langzeitbelichtung den flüchtigen Moment der Gay Pride Parade in New York City ein. Die Masse wirkt fast schwebend, wie Dunst inmitten der Hochhäuser.
Intime Einblicke gibt unter anderem Armin Goeck. Der Karlsruher Künstler bringt die lokale Ebene mit seinen Zeichnungen zum Karlsruher Dörfle ein. Die problematische Sanierungspolitik im Viertel ist auf viele Orte in ganz Deutschland übertragbar.
Laurent Goldrings herzzerreißendes Video „Le Platz“ (2015) zeigt die Räumung und Zerstörung einer Roma-Siedlung bei Paris im letzten Abschnitt der Schau mit dem Titel Ruinen. Auch Isa Melsheimer glasierte Keramik gehört dazu. Ihre Betrachtung der gebauten Welt des Tierreichs regen zum Nachdenken über die des Menschen an.






