Architektur und Alltagsfaschismus
Global Fascisms im HKW
Text: Strothmann, Hannah, Berlin
Architektur und Alltagsfaschismus
Global Fascisms im HKW
Text: Strothmann, Hannah, Berlin
„We hope this message finds you well“ – mit diesem Satz auf einem Banner des Künstlerduos Mona Vătămanu und Florin Tudor begrüßt die Ausstellung „Global Fascisms“ im Foyer des Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW). Diese Floskel steht für den Spagat zwischen individueller Alltagsbewältigung und einer politischen Realität, in der Rechtsextrismus wieder in der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft angekommen ist – falls er je verschwunden war. Can we be well? Wenn, dann wohl nur durch Dissoziation oder Verdrängung. Die von Cosim Costinaș kuratierte Ausstellung bietet ein Gegenprogramm. Sie konfrontiert mit den vielen Spielarten des Faschismus, der „in uns allen, in unseren Köpfen und unserem alltäglichen Verhalten“ wirkt, zitiert Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Leiter des HKW, Michel Foucault in der Begleitpublikation. Dementsprechend ist der Ausstellungstitel auch im Plural formuliert. Man erfährt viel über Gewalt und Gräueltaten, die Menschen einander antaten und immer noch antun, stets unter der Prämisse eines proklamierten „Wir“ gegen die „Anderen“, sei es im „hochfaschistischen“ Nazi-Deutschland, in Guatemala, Chile, der Türkei, Indien, oder im aktuellsten Beispiel des Gazakriegs, um nur einige der vertretenen Werke zu nennen.
Architektur und sozial gelebte Räume spielen bei der Konstituierung von Faschismus eine zentrale Rolle. Wer eine präzise Analyse der ästhetischen Dynamiken erwartet, wird allerdings enttäuscht. Doch kann man die Werke als Indikatoren verstehen, die in ihrem Zusammenspiel einen kuratorischen Versuch bilden, das Wesen des Faschismus anhand seiner Erscheinungsformen zu begreifen. In diesem Geflecht kommt auch die Architektur zum Tragen. So ist Architektur auch gelebter Raum, ein soziales Gefüge, das Menschen formen. Immer wieder konfrontiert die Schau dementsprechend mit Körpern. Bereits am Eingang zur Mrinalini Mukherjee Halle sitzt in einer seltsamen Verdoppelung neben der „wirklichen“ Wärterin die Skulptur eines schlafenden chinesischen Guards des Künstlers aaajiao – wird man hier überwacht oder widersetzt sich der Schlafende der Kontrollgesellschaft?
Niklas Goldbach widmet sich in „A State of Happiness“ der politischen Ökonomie von Architektur und deren ideologischer Dimension anhand der Center-Park-Ferienanlagen. In seinen Fotomontagen geht die gläserne Freizeitarchitektur in einer KI-(de)generierten tropischen Umgebung auf. Inmitten einer exotisierenden Hallenbadlandschaft steht ein Junge mit Gewehr – ein Verweis auf die Reproduktion von Gewalt und toxischen Rollenbildern in dieser „geschützen“ Welt, deren Gewinne kolonial-kapitalistische Missionierungskampagnen finanzierten: Center-Parks-Gründer Piet Derksen investierte in Projekte der katholischen Rechten, die ein ultra-konservatives Weltbild in ehemals kolonisierten Gebieten verbreiteten. Auch Andrew Esiebo untersucht in seinen Fotoserien diesen Zusammenhang. Er dokumentiert die räumlichen Infrastrukturen der evangelikalen Mega-Kirchen in Nigeria. Riesige Industriehallen dienen als Versammlungsorte für Gläubige und sind Orte der Propaganda für ultrakonservative Rollenbilder. Diese Massenbewegung kann an Aufmärsche erinnern, standardisierte Reihenhäuser an eine unformierte Existenz, in der die individuelle Identität unterdrückt wird.
Bobitza, eine Kunstfigur von Vătămanu und Tudor, spannt den Bogen noch einmal weit, bringt dabei aber die zentrale Rolle von Architektur als Mittel der Machtinszenierung auf den Punkt: Die Videoarbeit „Ornament is Crime“ zeigt Bobitza als Karikatur eines white pride Maskulinisten, die sich vor dem unter Victor Orbán renovierten Burgpalast in Budapest filmt. In einer karikierten Hasstirade verbindet sie die Ornamente der monarchischen Repräsentationsarchitektur mit philosophischen Überlegungen Walter Benjamins, der Wirkungsweise des Ceaușescu-Regimes sowie Musks interstellaren Kolonialismusvisionen. – Ähnlich kaleidoskopisch geht die Ausstellung selbst vor, die einen nachdenklich und auch verstört zurücklässt. Die Fassung der Faschismen bleibt uneindeutig und fasst viele Phänomene unter einen Begriff, der dadurch seine Kontur verliert. Doch stellt vielleicht gerade diese von Costinaș „amöbenhaft“ genannte Eigenschaft des Faschismus die größte Gefahr dar.







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