Alexander Tzonis
(1937–2026)
Text: Frampton, Kenneth, London & New York
Alexander Tzonis
(1937–2026)
Text: Frampton, Kenneth, London & New York
1967 hatte ich das Privileg, Alexander Tzonis kennenzulernen. Er nahm gerade die Lehre an der Graduate School of Design (GSD) der Universität Harvard auf, als er gemeinsam mit dem Architekten und Intellektuellen Serge Chermayeff sein erstes Buch verfasste: „Shape of Community: Realization of Human Potential“, erschienen 1971 bei Penguin. Tzonis wurde am 8. November 1937 in Athen geboren. Seine Eltern waren beide in der Wissenschaft tätig und während des Zweiten Weltkriegs im griechischen Widerstand aktiv. Während der Militärjunta wurde sein Vater 1968 inhaftiert, kam nach Einschreiten von John Kenneth Galbraith und US-Botschafter Phillips Talbot jedoch frei.
Tzonis wurde Privatschüler bei zwei besonders einflussreichen Vertretern des Regionalismus, der Griechenland erfasste: dem Architekten Dimitris Pikionis und dem Maler Spiros Papaloukas. 1960 beendete er sein Studium am Polytechnikum in Athen mit einem Diplom in Ingenieurswissenschaften. Geboren als vielseitig begabter Mensch, interessierte er sich zunächst ebenso sehr für Bühnenbild wie für Architektur. Mit Anfang 20 entwarf er daher die Kulissen für Jules Dassins berühmten Film „Sonntags… nie!“ von 1960 mit Merlina Mercouri in der Hauptrolle. 1961 schrieb er sich mit einem Stipendium des Ford Fund an der Schauspielschule der Universität Yale ein, wechselte jedoch bald an die Fakultät für Architektur, wo er zwei Abschlüsse erwarb.
Von 1967 bis 1981 arbeitete und lehrte Tzonis an der GSD in Harvard. Ursprünglich hatten ihn die Fachbereichsleitung Jerzy Sołtan und der Dekan Josep Lluís Sert angeworben. Sein 1972 erschienenes Buch „Toward a non-oppressive environment“ (deutscher Titel: Das verbaute Leben) wurde in fünf Sprachen übersetzt und entwickelte sich zu einem zentralen Bezugspunkt in den damaligen Diskussionen über die Politik des Bauens. Im folgenden Jahr heiratete er Liane Lefaivre, die seine lebenslange Forschungspartnerin und Co-Autorin werden sollte. Ihr zeitgemäßes und einflussreiches Buch „Classical Architecture: The Poetics of Order“ (1986, deutscher Titel: Das Klassische in der Architektur: die Poetik der Ordnung), mittlerweile ein Standardwerk, wurde in sieben Sprachen übersetzt und elfmal neuaufgelegt.
Tzonis veröffentlichte mehr als 80 Bücher und über 360 Artikel, die meisten davon gemeinsam mit Lefaivre. Ihre Zusammenarbeit hatte einen immensen Einfluss auf die Geschichte und Theorie der Architektur. Das Konzept des „Kritischen Regionalismus“, das erstmals in ihrem wegweisenden Aufsatz „The Grid and the Pathway“ von 1981 ausgearbeitet wurde, beeinflusste meine eigene Kritik an der zeitgenössischen Architektur radikal. In dieser Hinsicht bin ich ihnen für den Rest meines Kritikerdaseins zu Dank verpflichtet.
1981 wurde Tzonis zum Professor an die Technischen Universität Delft berufen, wo er bis zu seinem Ruhestand 2005 einen Lehrstuhl für Entwurfsmethodik innehatte. Er lehrte außerdem an der Tsinghua-Universität, der Nationalen Universität von Singapur, der Tongji-Universität, der Columbia-Universität, dem MIT, der McGill Universität, der Universität Montreal, der Technischen Universität Eindhoven, der Technischen Universität Istanbul, der Universität Straßburg, der Universität Kapstadt und am Collège de France. Er war ein begeisterter Lehrer, nicht nur außergewöhnlich belesen und von großem Intellekt, sondern auch überaus großzügig gegenüber seinen Kolleginnen und Schülern. In der Architekturszene werden wir seine Gegenwart schmerzlich vermissen. Dies gilt insbesondere für seine Frau und wissenschaftliche Co-Autorin. Alexander Tzonis verstarb am 1. März 2026 in Paris.
Aus dem Englischen übersetzt von Nele Kirstein






