Bauwelt

Wir dachten lange, viele gesellschaftliche Veränderungen seien selbstverständlich, fast unumkehrbar

Joanna Mytkowska, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Warschau, über das Museum als Ort gesellschaftlicher Aushandlung – eine Rolle, die sich angesichts des Ukrainekriegs und der politischen Fragilität Polens zuspitzt

Text: Heinich, Nadin, München

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Joanna Mytkowska
ist Kuratorin, Kunstkritikerin und seit 2007 Direktorin des Museums für Moderne Kunst Warschau. Das Haus war mit der Ausstellung „Near East, Far West“ einer der Austragungsorte der Kyiv Biennial 2025 (Porträtfoto: Marta Ejsmont).

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Joanna Mytkowska
ist Kuratorin, Kunstkritikerin und seit 2007 Direktorin des Museums für Moderne Kunst Warschau. Das Haus war mit der Ausstellung „Near East, Far West“ einer der Austragungsorte der Kyiv Biennial 2025 (Porträtfoto: Marta Ejsmont).


Wir dachten lange, viele gesellschaftliche Veränderungen seien selbstverständlich, fast unumkehrbar

Joanna Mytkowska, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Warschau, über das Museum als Ort gesellschaftlicher Aushandlung – eine Rolle, die sich angesichts des Ukrainekriegs und der politischen Fragilität Polens zuspitzt

Text: Heinich, Nadin, München

Kaum ein Museumsbau in Warschau ist so eng mit Stadtgeschichte, Politik und Öffentlichkeit verknüpft wie dieser.
Die Geschichte dieses Museums beginnt 2004, im Jahr des polnischen EU-Beitritts. In Warschau entstand damals der politische Wille, mit neuen Kulturinstitutionen auch ein neues Bild der Stadt zu entwerfen. In dieser Phase wurden mehrere große Museumsprojekte angestoßen, darunter auch unseres. Daher rührt der Name „Museum für Moderne Kunst“ – auch wenn wir inhaltlich natürlich ein Museum für zeitgenössische Kunst sind. Der erste Wettbewerb wurde Ende 2005 ausgeschrieben, scheiterte jedoch fast sofort: Die Ausschreibung war für ein internationales Verfahren ungeeignet, Teile der Jury traten zurück. Immerhin löste das in Polen eine ernsthafte Debatte darüber aus, wie internationale Architekturwettbewerbe organisiert werden sollten. Im zweiten Wettbewerb setzte sich 2007 Christian Kerez durch. Sein Entwurf war radikal reduziert und stand damit im Kontrast zu den Erwartungen vieler, die sich eher ein ikonisches Gebäude vorstellten. Die Diskussion war entsprechend heftig.
Sie kamen in dieser aufgeheizten Situation aus Paris nach Warschau.
Ich hatte die Foksal Gallery Foundation mitgegründet und arbeitete damals als Kuratorin am Centre Pompidou mit einem Schwerpunkt auf Kunst aus Osteuropa. Nach Warschau kam ich in einem Moment, in dem der damalige Direktor zurückgetreten war und das Projekt politisch wie institutionell festgefahren schien. Dann zeigte sich das nächste Problem, ein sehr typisches für Warschau: die Eigentumsfrage. Wegen offener Reprivatisierungsansprüche auf Teile des Grundstücks ließ sich keine Baugenehmigung erwirken. 2012 wurde das Kerez-Projekt aufgegeben. Das Museum zog daraufhin zunächst in das ehemalige Möbelhaus „Dom Meblowy Emilia“, später in den Pavillon an der Weichsel. Wir haben zuerst die Institution aufgebaut und sehr viel später das Gebäude.
Das Projekt wurde neu aufgesetzt, das Verfahren diesmal sehr viel präziser organisiert. 2014 wurde Thomas Phifer ausgewählt. Eröffnet hat das Museum schließlich am 25. Oktober 2024. Dieses Haus ist deshalb nicht nur das Ergebnis eines architektonischen Prozesses, sondern auch eines langen institutionellen Lernens.
Wie sah die Kunstszene in Polen während des Sozialismus aus?
Sie war erstaunlich lebendig, in Polen gab es innerhalb des sozialistischen Systems vergleichsweise große Freiräume. Neben der offiziellen Kultur existierte eine dichte Off- und Underground-Szene. In unserer Ausstellung zeigen wir etwa das Archiv von KwieKulik: eine private Wohnung als Ort des Austauschs und der Selbstorganisation. Als Mitgründerin der Foksal Gallery Foundation komme ich selbst aus einem ähnlichen Umfeld. Die historische Foksal-Galerie war eine öffentliche Institution, die Stiftung dagegen eine unabhängige Plattform – eine der ersten dieser Art in Polen.
Polen wurde in den vergangenen Jahren von der nationalkonservativen PiS regiert. Was bedeutete das für Sie?
Wir waren immer eine politisch sensible Institution: mit nationalem Auftrag, aber zugleich tief in Warschau verankert. Unter PiS wuchs der Druck auf progressive Kultureinrichtungen spürbar. An vielen Häusern wurden Leitungen ausgetauscht, Programme ideologisch neu gerahmt. Für uns hieß das vor allem: permanent verhandeln – über Zuständigkeiten, Spielräume und Autonomie. Vielleicht hat uns geholfen, dass wir noch im Aufbau waren. Es gab nicht viele, die die Verantwortung für einen so komplexen Prozess übernehmen wollten. Dass die Stadt Warschau als verlässlicher, liberaler Partner hinter uns stand, war in dieser Phase entscheidend. Zeitweise war das Museum ausschließlich kommunal organisiert.
Inwieweit prägt der benachbarte Kulturpalast Ihr Programm? Das von der Sowjetunion errichtete stalinistische Hochhaus ist ein ambivalentes Symbol: offiziell ein „Geschenk“ an Polen, für viele jedoch ein Monument sowjetischer Macht.
Wir sind uns des Gewichts dieses Ortes sehr bewusst. Unser Ziel war nie, mit dem Kulturpalast architektonisch zu konkurrieren. Unsere Antwort ist institutionell. Als der Kulturpalast entstand, bedeutete „Gegenwart“ in Polen vor allem offizielle, staatlich gelenkte Kultur: Sozialistischer Realismus, Propaganda, Zensur. Kultur war ein Instrument der Formung und Kontrolle. Wir stehen für das Gegenteil – für freie Meinungsäußerung, kri-tisches Denken und eine offene, internationale Gegenwartskultur.
Zugleich wollten wir den Kulturpalast nie einfach negieren. Im ersten Stock zeigen wir Alina Szapocznikows Skulptur Friendship, die ursprüng-lich für den Kulturpalast geschaffen wurde und dort fast vier Jahrzehnte stand. Nach 1989 wurde sie im Zuge der Entkommunisierung entfernt und beschädigt. Für uns ist sie ein Schlüsselwerk, weil sie daran erinnert, dass auch der Sozialistische Realismus Teil dieser Geschichte ist. Wir können ihn politisch zurückweisen – aus unserem kulturellen Gedächtnis löschen können wir ihn nicht. Für viele Jüngere ist der Kulturpalast heute nicht mehr nur ein Symbol sowjetischer Herrschaft, sondern längst Teil des urbanen Alltags: ein Ort, an dem man sich trifft, Zeit verbringt. Die historische Last ist nicht verschwunden, aber sie wird anders gelesen.
Wie würden Sie die Rolle eines zeitgenössischen Museums beschreiben?
Mir wurde früh klar, dass ein Museum für Gegenwartskunst nicht einfach Ausstellungen machen und darauf warten kann, dass das Publikum schon folgen wird. Deshalb haben wir „Warsaw Under Construction“ gegründet, ein langfristiges Recherche- und Diskursformat zu Stadt, Architektur und Öffentlichkeit. Ein zeitgenössisches Museum ist für mich nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern auch ein Ort der gesellschaftlichen Übersetzung. Es versucht, Gegenwart lesbar zu machen. Dazu gehören Fragen von Urbanität, Migration, Grenze, Krieg und Demokratie ebenso wie die klassischen Aufgaben eines Museums.
Hat der Krieg in der Ukraine Ihr Verständnis dieser Aufgabe verändert?
Er hat sie radikal konkretisiert. Natürlich darf man die eigene Rolle nicht überschätzen: Ein Museum ist kein politischer Akteur im engeren Sinne. Es verändert die Realität nicht unmittelbar. Aber es kann Sichtbarkeit herstellen und Solidarität organisieren.
Für Warschau war 2022 eine Zäsur. Innerhalb kürzester Zeit kam eine enorme Zahl von Menschen in die Stadt. Die Gesellschaft reagierte mit einer bemerkenswerten Form der Selbstorganisation. Auch wir mussten uns fragen, was wir als Kulturinstitution praktisch leisten können. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Repräsentation, sondern um Infrastruktur. In unseren Räumen entstand eine Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine: Es wurden Lebensmittel und Medikamente verteilt, bei Dokumenten geholfen und rechtliche Unterstützung vermittelt.
Welchen Austausch gab es vorher mit der Ukraine und Russland?
Mit der Ukraine arbeiteten wir schon lange vor 2022 eng zusammen – mit Künstlerinnen, Künstlern, Kuratorinnen und Institutionen. Die Aufmerksamkeit für die Region war keine Reaktion auf den Krieg, sondern Teil unseres institutionellen Selbstverständnisses. Mit Russland gab es ebenfalls Versuche des Austauschs. 2011 initiierten wir „Auditorium Moscow“, einSonderprojekt der 4. Moskauer Biennale. Lange glaubten viele von uns, dass sich in Russland eine unabhängige Kunstszene mit offeneren Institutionen herausbilden könnte. Rückblickend war das eine Fehleinschätzung – oder zumindest eine Hoffnung, die sich nicht eingelöst hat.
Wie sehen Sie die polnische Gesellschaft heute und wie beurteilen Sie die Rolle Polens in Europa?
Wir dachten lange, viele gesellschaftliche Veränderungen seien selbstverständlich, fast unumkehrbar. Dann haben wir gemerkt, dass das nicht stimmt. Für viele Institutionen wie unsere war das eine ernüchternde Erfahrung: Wir hatten das Gefühl, Teil eines positiven Aufbruchs zu sein – und plötzlich wurde deutlich, dass ein großer Teil der Gesellschaft dieses Fortschrittsversprechen gar nicht teilt. Heute geht es für mich deshalb weniger darum, das nur zu beklagen, als zu verstehen, warum das so ist: warum populistische Parteien so viel Zustimmung bekommen und wa-rum das Misstrauen gegenüber Eliten so groß ist.
Gleichzeitig spielt Polen in Europa heute eine besondere Rolle. Das Land hat die Gefahr, die von Putins Russland ausgeht, sehr früh sehr klar benannt. Diese Erfahrung ist in Europa wichtig. Umso schwieriger ist es, dassPolen innenpolitisch zugleich so angespannt bleibt. Vielleicht ist genau das der Widerspruch, in dem wir heute leben: Polen ist nach außen wichtiger geworden, aber im Inneren bleibt vieles fragil. Als Institution versuchen wir, darauf zu reagieren – nicht mit schnellen Antworten, sondern indem wir Räume schaffen, in denen sich solche Spannungen zeigen und verhandeln lassen.

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