Bauwelt

Wiener Tropenmoderne

Im Architekturzentrum Wien beleuchtet „Global – Neutral“ Österreichs exotische Architektur-Exporte zwischen den Blöcken des Kalten Krieges

Text: Novotny, Maik , Wien

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    Walter Jaksch: Fertighaus Typ „Beyrouth“ für Thermobau Wien
    Abb.: Az W, Sammlung

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    Abb.: Az W, Sammlung

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    BANU Consulting Architects, Bibliothek und Gemeindezentrum, Lotfabad, Iran, 70er Jahre
    Abb.: Az W, Sammlung

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    Abb.: Az W, Sammlung

Wiener Tropenmoderne

Im Architekturzentrum Wien beleuchtet „Global – Neutral“ Österreichs exotische Architektur-Exporte zwischen den Blöcken des Kalten Krieges

Text: Novotny, Maik , Wien

Die österreichische Neutralität erlebt im derzeitigen weltpolitischen Bedrohungsszenario eine ihrer wiederkehrenden Phasen intensiver Diskussion. Seit dem Staatsvertrag 1955 ist das Land offiziell bündnisfrei, de facto jedoch bis heute Teil der westlichen Welt, wie auch immer man diese definiert. Immer wieder war der Vorwurf zu hören, man habe es sich in dieser Ambivalenz sehr gemütlich eingerichtet.
Es ließe sich jedoch argumentieren, dass die Situation schon immer ambivalent war. Schließlich waren die beiden eisigen Blöcke im Kalten Krieg viel weniger klar konturiert als gedacht. Gerne übersehen wird in der Geschichtsschreibung die Rolle der blockfreien Staaten, von Jugoslawien über Irak und Iran bis Indien. Eine politische Karte aus den 50er Jahren im Ausstellungsraum des Architekturzentrum Wien (Az W) zeigt die Komplexität sich überschneidender Bündnisse jener Zeit. Nach dem afrikanischen Unabhängigkeitsjahr 1960 traten neue Akteure auf die Bühne, die von West und Ost umworben wurden und sich gleichzeitig eigenständig-stolz präsentieren wollten.
Dies verlangte nach entsprechenden Bauten, und ist der Grund, warum die weltpolitische Karte in einem Architekturmuseum hängt. Kuratiert von Monika Platzer und Susanne Rick beleuchtet die Ausstellung „Global – Neutral“ die Rolle von Österreichs Architekten als Schmiermittel einer Wirtschaftsdiplomatie, die sich elegant tänzelnd zwischen den Blöcken bewegte.
Begab sich Bundeskanzler Bruno Kreisky auf Reisen um lukrative Großaufträge für die heimische Bauwirtschaft zu akquirieren, waren einzelne Architekten mit im Gefolge. Hannes Lintl, der in Wien den Donauturm entworfen hatte, war hier besonders agil: Auf Fotos sieht man ihn mit Playboy-Sonnenbrille beim Skifahren mit Jordaniens König Hussein; für Indonesien und den Irak durfte er schlanke Kopien seines Fernsehturms entwerfen. Andere wie Eva Mang-Frimmel, Karl Mang und Wilhelm Cermak schufen Pavillons für Österreichs Auftritte auf internationalen Messen: Bangkok 66 und Nairobi 75 prangt als eleganter Schriftzug auf schwarz-weißen Plänen.
Während manche Architekten sich damit begnügten, ihre mitteleuropäischen Entwürfe leicht abzuwandeln und auf den Zeichnungen mit der einen oder anderen Palme zu dekorieren, setzten sich andere ernsthafter mit der vernakulären Bautradition vor Ort und der Adaption an das tropische Klima auseinander. Ein kleines, aber hervorragendes Beispiel dafür ist das würfelförmige „Haus am Libanon“ von Eugen Gross (1957), das feinfühlig mit Schatten und Luftzirkulation arbeitete. Roland Rainer tat beides: Er variierte 1976 seine Wiener Stadthalle für den Wettbewerb zum Kulturzentrum Bahrain ohne Rücksicht auf das Wüstenklima und publizierte 1977 seine ernsthafte Feldforschung zum anonymen Bauen im Iran. Carl Auböck und Carl Pruscha wiederum waren für die in Wien ansässige UNO auf dem Feld der Entwicklungshilfe tätig und realisierten ihre Projekte in Kathmandu in einer lokal angepassten Moderne erstaunlich zeitgemäß.
In vielen Fällen blieb es jedoch beim Entwurf. Pläne und Skizzen dominieren daher die Ausstellung, für die sich die beiden Kuratorinnen der inzwischen stattlich angewachsenen und ansonsten im Depot verborgenen Sammlung des bedienen konnten. Liebhaber von Architekturzeichnungen kommen hier ganz auf ihre Kosten. Die teils enorm großformatigen Blätter, die mit archivalischer Lässigkeit gerahmt auf dem Boden stehend präsentiert werden, transportieren die großen globalen Dimensionen und neu erschlossenen Landschaften vom Euphrat bis zum Niger und reichern das vermeintlich eher spröde Thema mit reichlich Eye Candy an.
Durch die in sieben Kapitel gegliederte Schau lässt es sich zwanglos navigieren. Es stehen weniger nationale Zuschreibungen im Zentrum als die Komplexität internationaler Netzwerke, regionale Variationen mehr als eine linear chronolo-gische Erzählung. Dem globalen Süden im Kalten Krieg hat sich Łukasz Stanek in seiner grundlegenden Publikation „Architecture in Global Socialism“ aus östlicher Perspektive gewidmet, mit der Ausstellung in Wien fügt das Az W eine wichtige blockfreie Perspektive hinzu. Das stets unschuldig wirkende Österreich klinkt sich in den postkolonialen Diskurs ein. Nicht aufdeckend oder anklagend, sondern mit einem erhellenden Korrektiv, das die Asymmetrien einer vermeintlich ausbalancierten Weltordnung zeigt – und illustriert, dass Neutralität nie neutral ist.

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