Was wird aus dem „Kongreß“?
Mit dem Hochhaus des einstigen Interhotels in Chemnitz steht ein weiteres ikonisches Beispiel der DDR-Architektur vor einer ungewissen Zukunft
Text: Kassner, Jens, Chemnitz
Was wird aus dem „Kongreß“?
Mit dem Hochhaus des einstigen Interhotels in Chemnitz steht ein weiteres ikonisches Beispiel der DDR-Architektur vor einer ungewissen Zukunft
Text: Kassner, Jens, Chemnitz
Für die Beschäftigten des Chemnitzer Hotels, das zuletzt unter dem Namen „Congress“ geführt wurde, war es ein Schock, Mitte Januar mitgeteilt zu bekommen, dass ihr Haus Ende des Monats schließt. Am Abend des 30. Januars bildeten beleuchtete Zimmer ein Herz an der Fassade. Gehen 51 Jahre Tradition abrupt zu Ende, nachdem 2025, als Chemnitz den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ trug, die Auslastung des Hotels außergewöhnlich gut war?
Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz ab 1953 hieß, sollte wie andere wieder aufzubauende Städte einen zentralen Platz mit einer Stadtkrone erhalten. Während dafür in Rostock oder Magdeburg lokale Spezifika herangezogen wurden, galt dies nicht für die Industriestadt an der Chemnitz. Auch die von dem Chef der Bauakademie Kurt Liebknecht mit diktatorischen Vollmachten verkündete Leitlinie „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“ galt nach Chrustchovs Abrechnung mit dem Stalinismus nicht mehr. Da sich die heftig geführten Debatten über den Rahmenplan zur Neugestaltung des Stadtzentrums bis Ende der 50er Jahre hinzogen, öffneten sich Freiräume für eine Architektur, die sich an internationalen Entwicklungen orientieren konnte.
Peter Koch, Jahrgang 1937, war nach dem Architekturstudium und kurzen Zwischenstationen in seine Heimatstadt zurückgekehrt und fand bald eine Anstellung im Büro von Rudolf Weißer, dem leitenden Architekten von Karl-Marx-Stadt. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte gleich die Mitarbeit in einem Team von vier Leuten, um den Komplex Stadthalle/Hotel zu konzipieren. „Es sollte eigentlich ein Haus der Kultur werden“, erinnert sich Koch im persönlichen Gespräch. „Doch wir konnten verhindern, dass es ein Treff für Hobbyvereine wird.“ Stattdessen wurde die multifunktionale Stadthalle in Einheit mit dem Hochhaus des Hotels entworfen. Ein Dreieckraster gewährleistet im Komplex der Stadthalle hohe Flexibilität. Ursprüngliche Gedanken, dieses Schema auch beim Hotel anzuwenden, wurden verworfen. Stattdessen entstand ein monolithisches Hochhaus in Fischgrätenform, zur Mühlenstraße hin ausgerichtet. „Das Ensemble sollte keine Vor- und Rückseiten haben, sondern wie eine freistehende Plastik wirken“, erinnert sich Koch. Von der Planung an wurden Künstler in die Konzeption einbezogen.
1974 wurde das Interhotel „Kongreß“ mit 380 Zimmern auf 28 Etagen eingeweiht. Mit 93 Metern Höhe blieb man knapp unter der Hundertermarke, welche zusätzliche technische Auflagen, darunter Signalleuchten, bedingt hätte. Vor allem Dienstreisende übernachteten hier. Kulturtouristen wie in Dresden oder Messegäste wie in Leipzig gab es in der Industriestadt kaum.
Zwanzig Jahre später war Peter Koch wieder mit dem Haus beschäftigt, das unterdessen zu der Kette „Mercure“ zählte. Das Berliner Büro Studioinges wurde mit der Veränderung im Inneren beauftragt, Koch sollte die Fassade neugestalten. Der Sichtbeton erhielt eine freundliche Verkleidung aus hellem Aluminium, die die Struktur durch die vertikalen Glasbänder in den Rippen unterstreicht. Das war schon beim Bau vorgesehen, aber nicht umgesetzt worden.
Bei der Umgestaltung wurde eine Auffahrtsrampe an der Theaterstraße abgerissen, deren Statik prekär geworden war. Dabei verlegte man den Haupteingang vom ersten Stock in das Erdgeschoss und gestaltete das gesamte Foyer um.
Das Hochhaus wurde mit einer gleitenden Schalung errichtet. Diese Technologie kannte man von Silos oder Schornsteinen, für ein Hotelhochhaus war sie neu. „Wir haben mit Trial and Error gearbeitet“, sagt Koch. Noch im Bau musste die Zusammensetzung des Betons verändert werden.
Was zu Beginn der 70er Jahre revolutionär war, erweist sich heute als Hindernis. Die Raumstruktur entspricht nicht den zeitgemäßen Anforderungen eines Hotels. Die tragenden Wände können aber nur minimal verändert werden. Eine Umnutzung wird damit erschwert. Nicht erst jetzt mit der Schließung denkt Peter Koch über Varianten neuer Nutzungen nach. Für ein Altersheim – Chemnitz hat den höchsten Altersdurchschnitt deutscher Großstädte – sind die Sanitärzellen nicht optimal. „Kleine Wohnungen für Singles und Studenten erscheinen möglich“, meint er. Auch die Verbindungen zwischen zwei Einheiten durch einen Türdurchbruch hält er für machbar.
Wie es weitergeht mit dem früheren Hotel „Kongreß“, ist gegenwärtig unklar. Der Bedarf an Übernachtungskapazitäten ist in Chemnitz nach dem Kulturhauptstadtjahr wieder rückläufig, und andere Häuser bieten mehr Komfort.







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