Pristina als Projekt der Moderne

Einleitung

Text: Luzhnica, Donika, Zürich; König, Jonas, München

Pristina Die Wanddekoration eines Cafés zeigt die Stadt wie im Kaleidoskop: Bilder aus osmanischer und sozialistischer Zeit.
Foto: Filippo Romano

Pristina Die Wanddekoration eines Cafés zeigt die Stadt wie im Kaleidoskop: Bilder aus osmanischer und sozialistischer Zeit.

Foto: Filippo Romano


Pristina als Projekt der Moderne

Einleitung

Text: Luzhnica, Donika, Zürich; König, Jonas, München

Zwischen der Gründung des sozialistischen Jugoslawien 1945 und seinem Zerfall in den Neunzigerjahren entwickelte sich Pristina von einer Kleinstadt mit etwa 15.000 Einwohnern zu einem urbanen Zentrum mit der zehnfachen Bevölkerungszahl. Pristinas Wachstumspfad lässt sich dabei jedoch nicht nur auf allgemeine Urbanisierungstendenzen, sondern vor allem auch auf die politische Programmatik Jugoslawiens zurückführen: Die planmäßige Überformung und Erweiterung Pristinas ab den Fünfzigerjahren war ein kollektives Projekt, das beitragen sollte, ein als rückständig empfundenes osmanische Erbe hinter sich zu lassen; Konflikte der Vergangenheit sollten im Geist der Moderne überwunden und eine neue Identität geschaffen werden. Einen zentralen Impuls für dieses Unterfangen lieferte die Änderung der jugoslawischen Verfassung 1974, die dem Kosovo (als autonome Provinz innerhalb der Serbiens) ein hohes Maß an Eigenständigkeit garantierte und in seiner Hauptstadt die Gründung – und den Bau – neuer Institutionen vorsah.
Eine kosovarisch-jugoslawische Architekturschule konnte sich allerdings nur in Ansätzen entwickeln. Zwar gab es eine erste Generation kosovarischer Architekten um Bashkim Fehmiu (1930–2008), die in Zagreb, Ljubljana, Belgrad oder Sarajevo ausgebildet waren, und seit 1978 eine eigene Architekturfakultät. Bis zu ihrer Schließung für albanische Studierende und Lehrende durch das Milošević-Regime vergingen allerdings nur dreizehn Jahre. Pristina spiegelt das Erbe Jugoslawiens in seiner ganzen Ambivalenz wider: den Aufbaugeist und die Überzeugung, Gegensätze durch Fortschritt und mit Hilfe von Architektur überwinden zu können, aber auch das Scheitern dieser Ansprüche im Schatten des Nationalismus.
Bis heute ist Pristina ein einzigartiges – allerdings von Vernachlässigung und Überformung bedrohtes – Kaleidoskop der jugoslawischen Moderne: Auf engem Raum finden sich öffentliche Gebäude, Wohnquartiere und Monumente aus unterschiedlichen Phasen und regionalen Schulen. Die Qualität dieser Strukturen zeigt, dass die jugoslawische Architektur trotz ihres politischen Anspruchs Raum für individuelles Talent und regionale Besonderheiten bot und letztlich eher dem Gemeinwohl und professionellen Standards als ideologischen Zielen verpflichtet blieb.

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