Ostmoderne. Denkmal Wert?

Eine Tagung des BHU (Bund Heimat und Umwelt) stellte Fragen und Forderungen zur Zukunft der „Ostmoderne“. Das Interesse des Nachwuchses an diesem Erbe sollte nicht zu spät kommen.

Text: Brinkmann, Ulrich

    Baudenkmal „Plaste-Block“? Der Experimentalbau im 1. Wohnkomplex von Ha-Neu harrt der Zukunft.
    Foto: ub

    Baudenkmal „Plaste-Block“? Der Experimentalbau im 1. Wohnkomplex von Ha-Neu harrt der Zukunft.

    Foto: ub

Ostmoderne. Denkmal Wert?

Eine Tagung des BHU (Bund Heimat und Umwelt) stellte Fragen und Forderungen zur Zukunft der „Ostmoderne“. Das Interesse des Nachwuchses an diesem Erbe sollte nicht zu spät kommen.

Text: Brinkmann, Ulrich

Und dann stehe ich plötzlich im Nirgendwo. Eben noch habe ich mich an der wohlerhaltenen Platzanlage der Sangerhausener Westsiedlung erfreut (Bauwelt 15–16.2011), eine ab 1950 im Sinne der „Nationalen Tradition“ gestaltete Wohnbebauung, doch schon wenige Schritte weiter in Richtung Süden ist jeder räumliche Zusammenhang verloren. Rechts und links der Straße: Brachland. Nichts zu sehen von der Bebauung, die der Architekturführer DDR, Bezirk Halle, hier verzeichnet. „Stadtumbau Ost“, denke ich mir, und laufe weiter, in Richtung der ab 1966 entstandenen Südwestsiedlung. Auch hier existieren etliche, im alten Lageplan verzeichnete Zeilenbauten nicht mehr, und der 1969 gebaute Pavillon-Kindergarten, der mich angelockt hat – ein Stahlskelettbau von Brandstädter und Jacob –, steht zwar noch, allerdings vollkommen überformt mit Schrägdach, Thermohaut und viel Farbe. Das Traurigste aber, was mir in den drei Siedlungen West, Südwest und Süd heute begegnet, sind die ohne jede Rücksicht auf die ursprüng­liche Erscheinung mit Thermohaut verpackten Großblock- und Großtafelfassaden, deren Moosbefall beim bloßen Anblick schon an häusliche Gewalt, billigen Alkohol und schlechtes Fernsehprogramm denken lässt. Es ist eine Stadtlandschaft, aus der jede gestalterische Sorgfalt, jedes Gefühl von Verantwortung herausgesaugt worden ist, und nun herrschen nur noch sture Gleichgültigkeit und Trostlosigkeit. Welch ein Kontrast zur sorgsam sanierten und – zumindest an diesem Freitag Ende September – lebendigen Altstadt von Sangerhausen.
Anlass der Reise war eine Tagung. „Ostmoderne. Denkmal Wert?“, fragte der Bund Heimat und Umwelt (BHU) mit der Veranstaltung am 25. und 26. September in Sangerhausen und Halle-Neustadt. „Baukulturelle Betrachtung der Nachkriegsarchitektur in der DDR – damals und heute“, lautete ihr Untertitel, so dass die doppelte Blickrichtung der Veranstaltung gleich deutlich war: Während einige Beiträge unmissverständlich retrospektiv angelegt waren und etwa das Werk von Josef Kaiser Revue passieren ließen oder die Besonderheiten von Halle-Neustadt reflektierten, zielten die meisten Referenten durchaus auf die Frage des Umgangs mit diesem Erbe. Ist es überhaupt bewahrenswert?
Die allgemeine Einigkeit über diese Frage („Natürlich!“) konnte nicht überraschen, waren es doch überwiegend Bauhistoriker und Denkmalpfleger, die vortrugen und miteinander diskutierten. Schwieriger zu beantworten waren andere Fragen: Wie lässt es sich bewahren für die Zukunft, wie neu oder weiternutzen, wie pflegen oder sanieren? Es braucht die Vermittlung ins bürgerschaftliche Bewusstsein. Es braucht eine produktive Rolle in der jeweiligen Gesamtstadt dafür. Es braucht Geld.
So wenig die Antworten überraschen konnten, an der Berechtigung der Forderungen besteht kein Zweifel. Im Fall der Siedlungen von Sangerhausen etwa mag die Öffentlichkeit vielleicht noch mit Wilhelm Busch die Achseln zucken: „Wat geit meck dat an?“, die drei Siedlungen sind doch bloßer Lokalkolorit, Resultat der kurzen Periode des erblühenden Bergbaus dort, das nun, nach dessen Ende, eben wieder verschwindet. Mit Halle-Neustadt aber, die wie kaum ein zweiter Ort in der DDR über sich wandelnde Planungsleitbilder, Verantwortlichkeiten und Verfahren des industriellen Bauens in der DDR erzählt, hätte so nie verfahren werden dürfen. Der Befund dort ist der gleiche wie in der nahen Kleinstadt: Abrisse selbst wichtiger Gebäude in den Zentren der Wohnkomplexe, gestalterische Devastierung des verbliebenen Bestands, architektonisch fragwürdige Ergänzungen, die die über zwei Jahrzehnte als selbständige Stadt geführte Großsiedlung in keiner Weise als Bezugspunkt und mithin als Ort zum Leben ernst nehmen. Dabei gibt es in Halle doch eine Designschule, Studenten, die für die Coolness der sechziger Jahre-Architektur mit Sicherheit gewonnen werden könnten, wenn man diese nur gescheit behandelte. Eine Initiative wie das jugendliche Dresdener „Netzwerk ostmodern“, dass seine Bemühungen um den Erhalt der Robotron-Kantine auf der Tagung vorstellte, zeigt ja, dass die Wertschätzung der DDR-Architektur sich längst frei gemacht hat vom Vorwurf biologisch abbaubarer Ostalgie, mit dem noch vor zwanzig Jahren jede Aufmerksamkeit dafür in den Wind geschlagen wurde. Immerhin, in Ha-Neu steht der experimentelle „Plaste-Block“ im WK I noch da, leergezogen zwar, aber eingemottet, mit versiegelten Eingängen, und hoffentlich einer irgendwann erfolgenden denkmalgerechten Sanierung harrend. Wenn die Unzufriedenheit im Osten, die sich politisch so vehement Bahn gebrochen hat in den letzten Jahren, irgendwann einmal aufgelöst werden soll, braucht es Zuwendung, Fürsorge, Aufmerksamkeit – für die Menschen, aber auch für den architektonischen Rahmen ihres Lebens. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Zeit dafür überfällig. Der BHU hat daran erinnert.

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