Klemmbrett

„Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zeigen eine sprunghafte Zunahme, die Bedürf­nisse werden immer vielfältiger, die Produktion beschleunigt ihr Kommen und Gehen, und schließlich ermangeln die Wörter, um alle mit Namen zu benennen.“ Jean Baudrillard, Das System der Dinge, 1974

Text: Mausbach, Therese, Berlin

Foto: Jasmin Schuller

Foto: Jasmin Schuller


Klemmbrett

„Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs zeigen eine sprunghafte Zunahme, die Bedürf­nisse werden immer vielfältiger, die Produktion beschleunigt ihr Kommen und Gehen, und schließlich ermangeln die Wörter, um alle mit Namen zu benennen.“ Jean Baudrillard, Das System der Dinge, 1974

Text: Mausbach, Therese, Berlin

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, um den Alltag zu strukturieren. Als besonders treue Diener gelten Notizpläne: handschriftlich skizziert prägen sich die eigenen Vorhaben mithilfe aktiver feinmotorischer Schreibbewegungen in das Gedächtnis des Menschen ein. Während sich heutzutage eine Vielzahl digitaler Alternativen von Exceltabelle bis Trainings-App den individuellen Wünschen der Notierenden anpassen, wird das einst beliebte Klemmbrett zur raren Ware. Von einzelnen Billigprodukten abgesehen, bestimmen hochpreisige Sonderanfertigungen das Angebot für diese analoge Form der Datensammlung.
Warum also nicht selbst ein Klemmbrett herstellen? Auch hier hat bereits das Internet die Sache fest im Griff. Auf Pinterest ploppt neben Bas­telanleitungen usergenerierte Werbung auf. Kleine Firmen warten ebenso wie Hobbybastler auf Lob und Verbreitung ihrer Ideen in der Community. Kein Geselle auf der Walz könnte jemals für die Verfeinerung seines Handwerks solch eine enorme Strecke zurücklegen, wie sie das Netz inzwischen abdeckt. Der selbst generierte und massenhaft konsumierbare Content entzieht sich jeder redaktioneller Prüfung und so orientiert sich der Dilettant anstelle von qualitativen an quantitativen Beispielen.
In der Welt von heute wird mit nur wenigen Klicks die (Selbst-)Präsentation zum Lifestyle. Eigenschaften wie Mühe, Geduld, Verzicht oder Bescheidenheit werden selbst Offline zum Phänomen. Anderes spricht aus der Sammlung des Berliner Kunstgewerbemuseums. Im Jahr 1867 – zu Zeiten aufkommender industrialisierter Massenware als das erste seiner Art in Deutschland gegründet – beförderte es mit seiner Vorbilder- und Mustersammlung das allgemeine wie fachbezogene Bewusstsein für hochwertige Handwerksarbeit.
Auch das Brett, das diesem Text seinen Anstoß gab, ist ein Handwerksstück. Es ist 35 x 24 Zentimeter groß, furniert in hellem, gemasertem Birnbaum, fein umrahmt von Mahagonileisten. Oben ist eine muschelförmige Klemme angebracht, ihre Patina verweist auf das lange Vorleben dieses exquisiten Gegenstands. Dort, wo die Klemme zuschnappt, bewahrt ein Streifen buntgemustertes Japanpapier das Holz vor Druckspuren. Das von mir bewunderte Brett ist nicht mein eigen, es gehört einem befreundeten Paar. Er baute für sie aus dem verzogenen Klemmbrett ihres Vaters ein neues, indem er die über 60 Jahre alte Klammer gekonnt auf das neue, liebevoll verarbeitete Holzbrett montierte. Seitdem erfüllt es zuverlässig seinen Zweck und bereichert ihren Alltag mit seinem handlichen Charme und den darauf notierten großen Herausforderungen des Lebens.

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