Industrielles Halbzeug und delikate Balance

In Bremen wird Wilhelm Wagenfelds ikonischer Bauhausleuchte eine Aus­stellung gewidmet

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Wilhelm Wagenfeld vor den verschiedenen Modellen der Lindner-Leuchte in seiner Stuttgarter Werkstatt, 1964
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019/BrücknerAping, Büro für Gestaltung

    Wilhelm Wagenfeld vor den verschiedenen Modellen der Lindner-Leuchte in seiner Stuttgarter Werkstatt, 1964

    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019/BrücknerAping, Büro für Gestaltung

    Das Titelmotiv der Ausstellung
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019/BrücknerAping, Büro für Gestaltung

    Das Titelmotiv der Ausstellung

    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2019/BrücknerAping, Büro für Gestaltung

Industrielles Halbzeug und delikate Balance

In Bremen wird Wilhelm Wagenfelds ikonischer Bauhausleuchte eine Aus­stellung gewidmet

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Wohl keine der aktuellen Bauhaus-Ausstellungen zum 100-jährigen Jubiläum der Institution, keine Sammlung, die das Bauhaus darstellen möchte, kommt ohne sie aus: die kleine Tischleuchte auf runder Fußplatte, ein schmaler Zylinder als Schaft, ein Kugelsegment aus weißem Opalglas als Schirm. Sie ist vielleicht die Ikone des Bauhauses, 1924 in Weimar entworfen, und wird gemeinhin als „Wagenfeld-Leuchte“ bezeichnet sowie, seit 1980 in autorisierter Re-Edition, heute so vermarktet. Zieht man jedoch aktuelle Literatur zum Bauhaus zu Rate, werden der Schweizer Carl Jakob Jucker (1902–1997) und der gebürtige Bremer Wilhelm Wagenfeld (1900–1990) gemeinsam als Entwerfer genannt.
Allerdings verließ der gelernte Silberschmied Jucker nach nur einem Jahr Aufenthalt bereits 1923 wieder das Bauhaus, während sich Wagenfeld erst im Oktober 1923 dort einschrieb. Wagenfeld griff auf die Experimente und Vorstudien Juckers mit industriell gefertigten Glaselementen für Fußplatte und Schaft einer Tischleuchte zurück. Auf Anraten von László Moholy-Nagy (1895–1946) – künstlerischer Leiter der Metallwerkstatt und experimentierfreudiger „Form‑meister“ – überführte sie Wagenfeld 1924 dann in eine Variante aus Stahlteller und handelsüblichem Messingrohr, beides warmsilbrig schimmernd vernickelt. Der weiße Kugelschirm war ein Fertigprodukt der Jenaer Glaswerke.
Dieses Zusammenspiel aus industriellem Halbzeug und delikater Balance stereometrischer Grundformen traf genau den Geist des Kurswechsels, den Bauhausgründer Gropius 1923 proklamiert hatte: „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Mancher Zeitgenosse unkte zwar, die Leuchte erinnere an eine altmodische Petroleumfunzel, ihr Siegeszug zur Inkunabel der Bauhausästhetik aber war nicht aufzuhalten. Dabei musste – und muss man auch heute noch – gnädig darüber hinwegsehen, dass die Leuchte in Wirklichkeit kein Industrieprodukt ist, sondern teures, manuell gefertigtes Einzelstück. Ihr ak­tueller Preis: circa 500 Euro. Wagenfeld ernüchterten bereits 1924 die ersten Reaktionen auf vier Prototypenvarianten während der Leipziger Herbstmesse: Die Leuchte erntete den Spott der Händler und Fabrikanten, denn sie sähe zwar billig aus wie ein Maschinenprodukt, sei aber kostspieliges Kunsthandwerk. Es fand sich folglich kein industrieller Produzent, die Leuchte wurde in Kleinserie, zudem mit veraltetem Gerät am Bauhaus hergestellt. Zur Metallversion kam eine Ausführung mit Glasfußplatte und gläsernem Rohr, Wagenfeld verpackte Juckers noch sichtbar belassene Kabel in ein feines Metallröhrchen im transparenten Schaft.
Im Gegensatz zur überschaubar gebliebenen Produktion stand die mediale Verbreitung der Leuchte. Sie wurde zum It-Piece moderner Raumkultur der 20er Jahre, fehlte in keiner einschlägigen Veröffentlichung. Gropius stellte sie, so leger beiläufig wie fotogen, neben seine zwei Telefone ins Weimarer Direktorenzimmer oder ans Bett seiner Dessauer Meistervilla, der Publizist Walter Müller-Wulckow und der Frankfurter Architekt Ferdinand Kramer verorteten sie in Arbeitszimmern.
Die Bremer Wilhelm Wagenfeld Stiftung verfügt über ein sehr frühes Exemplar der Leuchte in Metall, das Wagenfeld einst seinen Eltern geschenkt hatte. Es bildet den Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung, die neben Entstehungsgeschichte, zeitgenössischer und aktueller Rezeption der Leuchte den Bogen spannt zu Beleuchtungskörpern, die Wilhelm Wagenfeld ab den 1950er Jahren, nun bereits international bekannter Formgestalter, entwickelte. Auch der Inspirationsquell der Leuchte für nachfolgende Gestaltergenerationen kommt in der Schau nicht zu kurz.
Neben die Diskrepanz zwischen handwerklicher Fertigung und suggerierter industrieller Perfektion trat Wagenfelds Unbehagen gegenüber der zunehmend geometrischen Stilisierung des Formenkanons am Bauhaus. Er ging 1925/26 nicht mit nach Dessau, sondern blieb in der Nachfolgeinstitution in Weimar – und beschäftigte sich systematisch mit dem Material Glas. In flüssigem Zustand, so erkannte er, formt es sich lieber zu weichen Kurven statt zur Idealform Kugel oder Zylinder. Um 1953 entstanden dann eine tropfenförmige Pendelleuchte aus Opalglas oder unten offene, organisch geformte Leuchten. Das erleichterte ein Wechseln der Glühlampe, ermöglichte zudem vertikalen Dekor aus geschlif­fenen Linien, der ohne geometrische Zwänge am Rand auslaufen konnte.
Moholy-Nagy witterte bereits 1931 Verrat an den Idealen des Bauhauses, Gropius hingegen schrieb 1964, dass er befriedigt sehe, wie konsequent Wagenfeld die Bauhausidee zu überzeugender Realität gebracht habe: „Niemand ist so weit gegangen.“ Wagenfelds schuf flache Deckenleuchten für niedrige Nachkriegsbauten, Spiegelleuchten fürs moderne Badezimmer oder modular frei kombinierbare Leuchtelemente aus Porzellan. Einem anderen Ideal des Bauhauses blieb Wagenfeld dabei stets treu: Er entwickelte in der eigenen Werkstatt, dem „künstlerischen Labor“ im Sinne Gropius‘, das er 1954 in Stuttgart gründete, alle seine Entwürfe bis zur Serienreife für die Industrie. Darunter waren fast 150 Leuchten.

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