Bauwelt

Gaudí und das Xalet de Catllaràs

Barcelona gedenkt zum 100. Todestag Antoni Gaudís mit großen Feierlichkeiten dem Architekten. Nördlich der katalanischen Hauptstadt, an einem abgelegenen Ort in den Pyrenäen, wirft nun sein wiederentdecktes Frühwerk Fragen nach Urheberschaft und Originalität auf.

Text: Gómez-Moriana, Rafael, Barcelona

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    Spielerisch markiert eine Wendeltreppe den Eingang der Berghütte.
    Foto: Oficina de Turisme de la Pobla de Lillet

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    Spielerisch markiert eine Wendeltreppe den Eingang der Berghütte.

    Foto: Oficina de Turisme de la Pobla de Lillet

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    Die 1903 fertiggestellte Unterkunft ist lange Zeit verfallen, ...
    Foto: Sammlung Josep Casals, 1971

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    Die 1903 fertiggestellte Unterkunft ist lange Zeit verfallen, ...

    Foto: Sammlung Josep Casals, 1971

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    ... bis es, als erkanntes Original von Gaudí restauriert, ...
    Foto: Arxiu Càtedra Gaudí

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    ... für Wanderer als Berghütte in diesem Jahr eröffnen soll.
    Foto: Arxiu Càtedra Gaudí

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    ... für Wanderer als Berghütte in diesem Jahr eröffnen soll.

    Foto: Arxiu Càtedra Gaudí

Gaudí und das Xalet de Catllaràs

Barcelona gedenkt zum 100. Todestag Antoni Gaudís mit großen Feierlichkeiten dem Architekten. Nördlich der katalanischen Hauptstadt, an einem abgelegenen Ort in den Pyrenäen, wirft nun sein wiederentdecktes Frühwerk Fragen nach Urheberschaft und Originalität auf.

Text: Gómez-Moriana, Rafael, Barcelona

Es ist offiziell: Antoni Gaudí (1842–1926) wurde als Urheber des Xalet de Catllaràs, einem abgelegenen Bergchalet in den bewaldeten Ausläufern der katalanischen Pyrenäen, bestätigt. Zwar haben Anwohnende von La Pobla de Lillet dies schon seit Langem vermutet, doch gab es bisher keine Beweise. 2023, also drei Jahre vor Gaudís 100. Todestag, beauftragte die katalanische Regierung die Càtedra Gaudí, eine Forschungsabteilung der Polytechnischen Universität Kataloniens unter Leitung von Galdric Santana Roma, der Sache nachzugehen.
Das Bauwerk entstand zwischen 1901 und 1903 unter der Leitung von Eusebi Güell, Gaudís wichtigstem Mäzen. Das Chalet sollte Ingenieure beherbergen, die in der Gegend Kohlebergwerke betrieben, um wiederum Güells Zementfabrik mit Brennstoff zu versorgen. Gaudí wurde schon immer als Urheber der Unterkunft vermutet, nicht zuletzt wegen der Kettenbogen-Gewölbeform, der engen Zusammenarbeit Gaudís mit Güell und der Tatsache, dass er 1906 im Auftrag des Textil-Magnaten Joan Artigas einen Garten in der Nähe von La Pobla de Lillet entwarf.
In einem 1946 erschienenen Artikel in der Zeitschrift Cortijos y rascacielos schreibt der Autor, er habe von Domènec Sugrañes, einem ehemaligen Schüler Gaudís, erfahren, dass Gaudí der Architekt des Chalets sei. Gaudí hat die Bauleitung nie persönlich überwacht, was eher untypisch für ihn war und wahrscheinlich mit der entfernten Lage des Hauses im Zusammenhang stand. Für seinen Entwurf bedeutet das, dass er womöglich im Bau abgewandelt wurde. Erklärt das Gaudís Distanzierung von dem Projekt?
Abgelegen und mitten im Wald befindet sich das Chalet an einem Berghang auf einer Höhe von 1371 Meter und zwölf Kilometer von La Pobla de Lillet entfernt. Das Gebäude zeichnet sich durch ein spitzbogenförmiges Dach aus. Es verfügt über drei Geschosse, die sich nach oben hin verschlanken. Im Erdgeschoss befinden sich eine Küche und ein Speisesaal sowie zwei Wohnungen für das Personal. In den oberen zwei, über eine Außentreppe erreichbaren Geschossen sind jeweils zwei Wohneinheiten untergebracht. Die äußere Wendeltreppe gehört zu den markantesten Eigenschaften des Gebäudes. Sie besteht aus zwei symmetrisch verlaufenden Treppen, die sich auf Zwischenebene im ersten Obergeschoss verbinden. Von dort aus windet sich eine Wendeltreppe ins zweite Obergeschoss.
Abgesehen von der Treppe ist das Xalet de Catllaràs ein äußerst schlichtes und zweckgebundenes Bauwerk, aus dem hervorgeht, wie gut Gaudí es verstand, sich auf die unterschiedlichen topografischen und klimatischen Bedingungen einzulassen. Gaudí war bekannt für seine Liebe zur Natur und fügte seinen Gebäuden gern Verzierungen hinzu, die auf die Tier- und Pflanzenwelt anspielen. Hier, an einem Ort tief im Wald, braucht es keinen bildlichen Verweis auf die Natur. Das Xalet de Catllaràs stellt Gaudís minimalistischstes und nüchternstes Werk dar.
1932 wurde das Chalet der Gemeinde von La Pobla de Lillet vermacht. Nach langjährigem Verfall funktionierte es der Ort 1971 schließlich in eine Ferienunterkunft für Kinder um. Ab 1989 stand das Gebäude wieder leer, bis ab 2015 Restaurierungsarbeiten begannen.
Der bebilderte 85-seitige Bericht von Santana Roma konzentriert sich auf die Geometrie, die Struktur, Bautechnik und die funktionelle Anordnung des Chalets. Hierbei werden ausreichend Ähnlichkeiten zu anderen Werken Gaudís aus der Zeit festgestellt, sodass der Schluss, es handele sich um seine Arbeit, naheliegt. Weitere Elemente, wie das spitzbogenförmige Gewölbe und die 45-Grad-Verteiler im Grundriss, zeugten eindeutig von Gaudís Handschrift, so der Bericht.
Doch inwiefern kann die Urheberschaft einem Architekten zugesprochen werden, wenn der Entwurf im Bau deutliche Änderungen erfuhr? Der Architekt Orio Bohigas (1925–2021) argumentierte beispielsweise, dass alles, was nach der Geburtsfassade an die Sagrada Família angebracht wurde, nicht als authentisches Werk Gaudís gelte (und gar zerstört werden müsse, schrieb er). Doch wann ist erbaute Architektur je das exklusive Werk eines Einzelnen? Selten. Ein Gebäude ist in der Regel immer das Projekt eines Kollektivs.
Gaudís Chalet wird nach aufwendigen Restaurierungen voraussichtlich noch dieses Jahr als Berghütte für Wanderer zugänglich. Somit zählt das nicht-museale Werk Gaudís zu den wenigen, das weder von Souvenirshops noch von Touristenbussen umzingelt sein wird.
Aus dem Englischen übersetzt von Nele Kirstein
Fakten
Architekten Gaudí, Antoni (1842–1926)
aus Bauwelt 8.2026
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