Die Flüsse zurückerobern

Was Berlin, Paris und London von Basel, Zürich und Genf lernen sollten, weiß eine Ausstellung im SAM

Text: Paul, Jochen, München

    Filminstallation in der Ausstellung: Fahrt mit dem Kamerafloß auf dem Rhein durch Basel.
    Fotos: Tom Bisig

    Filminstallation in der Ausstellung: Fahrt mit dem Kamerafloß auf dem Rhein durch Basel.

    Fotos: Tom Bisig

    Schwimmen in der Limmat vor dem Jugendkulturhaus Dynamo in Zürich.
    Fotos: Lucía de Mosteyrín Muñoz

    Schwimmen in der Limmat vor dem Jugendkulturhaus Dynamo in Zürich.

    Fotos: Lucía de Mosteyrín Muñoz

Die Flüsse zurückerobern

Was Berlin, Paris und London von Basel, Zürich und Genf lernen sollten, weiß eine Ausstellung im SAM

Text: Paul, Jochen, München

Eine Schweizer Tradition nimmt diese Schau in den Blick: Die von Barbara Buser, Andreas Ruby und Yuma Shinohara kuratierte Ausstellung „Swim City“ zeigt, wie die Menschen die Flüsse und Kanäle ihrer Heimatstädte als Freizeit- und Begegnungsorte entdeckten, und welchen Beitrag ihre Rückgewinnung zur Lebensqualität einer Stadt leisten kann. Dabei haben Schweizer Städte eine Vorreiterrolle gespielt, indem sie etwa die Aare, die Limmat, den Rhein und die Rhône über Jahrzehnte hinweg peu à peu als natür­lichen öffentlichen Raum in der gebauten Umwelt erschlossen haben.
„Swim City“ beleuchtet erstens die historische Entwicklung und die gegenwärtige Kultur des Phänomens Flussschwimmen, und verdeutlicht zweitens seine Relevanz für die Schaffung lebenswerter Städte, ist doch der öffentliche Raum für das Wohlbefinden der Menschen in einer Stadt mindestens genauso wichtig wie ihre Gebäude. Diese Bedeutung konnten die Flüsse nur durch einen fundamentalen Funktionswandel erlangen, nachdem sie seit Beginn der Industrialisierung hauptsächlich für die Schifffahrt und zur Abwasserentsorgung genutzt worden waren: Im Neckar, im Rhein ab Ludwigshafen oder in der Ruhr war Schwimmen noch Mitte der 1980er Jahre gesundheitsgefährdend.
Auch in der Schweiz, wo Flussschwimmen heute eine Selbstverständlichkeit ist, ging die Erschließung der städtischen Flüsse auf bewusste politische – etwa das landesweite Verbot von Phosphat in Reinigungsmitteln – und gestalterische Interventionen wie den Bau von Treppen für den Ein- und Ausstieg zurück: In Basel wurde das Kleinbasler Ufer erst 1978 im Rahmen der Gartenschau „Grün 80“ erschlossen, die erste Abwasserreinigungsanlage der Stadt ging 1982 in Betrieb.
Beeindruckend ist der Perspektivwechsel, den man beim Schwimmen im Fluss vornimmt: Dadurch, dass die Schwimmer diesen Stadtraum aktiv einnehmen, erleben sie die Stadt auf eine vollkommen andere Art und Weise – während es normalerweise das Wasser ist, das an einem vorbeizieht, ist es beim Flussschwimmen die Stadt. Wie sich das aus dem Blickwinkel der Schwimmer anfühlt, verdeutlicht eine raumgreifende Filminstallation mit Aufnahmen aus Basel, Bern, Genf und Zürich. Sie wurden mit einem eigens dafür angefertigten Kamerafloß gemacht, das in der Lage ist, gleichzeitig über und unter Wasser zu filmen.
Komplettiert wird die Ausstellung in Kooperation mit der Future Architecture Platform durch weitere internationale Flussbadprojekte aus Berlin, Boston, Brüssel, London, Paris und New York, die es sich ebenfalls zum Ziel gesetzt haben, ihren Fluss für die Stadt zurückzuerobern. Wobei die meisten der vorgestellten Projekte auf im Wasser verankerte Pontons, künstliche Inseln und schwimmende Pools setzen. Einzig Jan und Tim Edlers „Flussbad Berlin“ schlägt vor, einen ganzen Flussarm, den Spreekanal auf der Fischerinsel, zu regenerieren.

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