Der Spezialist für das Ganze

Nach 55 Jahren: Der Partner schreibt über Meinhard von Gerkan

Text: Marg, Volkwin, Hamburg

    Foto: gmp Archiv

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Der Spezialist für das Ganze

Nach 55 Jahren: Der Partner schreibt über Meinhard von Gerkan

Text: Marg, Volkwin, Hamburg

Immer schneller fliegen die Jahrzehnte dahin. Meinhard hat am 3. Januar das 85. Lebensjahr vollendet, und noch in diesem Jahr erlebt unsere Architektenpartnerschaft ihr 55-jähriges Jubi­läum. Was für eine überreiche Lebens- und Berufsspanne wird uns bewusst!
Die ersten drei Jahrzehnte waren für Meinhard geprägt vom Inferno des Krieges, dem Verlust von Vater und Mutter, der Herausforderung zur Selbstbehauptung als verwaistes Kind, der anthroposophischen Einflüsse der Pflegeeltern und durch das Pendeln des vielseitig begabten Jünglings zwischen Physik, Jura, Schauspiel schließlich hin zur Architektur. Und dann folgten über fünf Jahrzehnte prall ausgefüllt mit seiner Selbstberufung zum Architekten, ein von Aktivität strotzendes halbes Jahrhundert lang.
Wir hatten uns in Berlin Ende der 50er Jahre getroffen, an der Technischen Universität beim studium generale. Der Mauerbau 1961 führte uns von Berlin zum abschließenden Studium an der TU Braunschweig. Dort hausten wir gemeinsam in einer ruinösen Abbruchvilla, fließendes Wasser fanden wir als Hilfsassistenten bei Dieter Oesterlen im Lehrstuhl-Fotolabor und Zeichentische im Zeichensaal von Friedrich Wilhelm Krämer. Das reichte zum Lernen, aber nicht für den Lebensunterhalt. Meinhard importierte und vertrieb geschäftsklug Luxo Zeichentischlampen und beide verdingten wir uns bei Architekten, für die wir an der Uni erfolgreich Wettbewerbsentwürfe zeichneten.
Als wir 1964/65 das Examen machten waren wir schon geübte Entwerfer und hatten für unsere Auftraggeber inkognito etliche Preise gewonnen, für uns war besonders der 3. Preis für Titus Taeschner beim Wettbewerb Theater Wolfsburg sensationell. Scharoun gewann den 1. Preis, Aalto den 2. Preis, aber unser Idol Jørn Utzon kam erst nach uns auf den 4. Platz.
In der Liga unserer Vorbilder so erfolgreich mitspielen zu können beflügelte unser Selbstvertrauen. Meinhard und ich mieteten sofort in Hamburg ein 1-Zimmer-Büro ohne auch nur einen Tag angestellt gewesen zu sein. Naiv inserierten wir im Hamburger Abendblatt „Architektenzeichnungen fertigen billigst, Tel.: 451026“. Darauf meldete sich immerhin ein Taxifahrer für seinen Garagenumbau. Aber bauen konnten wir noch gar nicht. Das lernten wir erst durch Rolf Störmer aus Bremen, der uns mit zwei Wettbewerben beauftragte, die wir auch gewannen. Er war so fair uns namentlich zu nennen und mit uns nach dem Erfolg eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden. So entstanden nach dem Motto learning by doingdie Pläne für das Sportforum Diekirch in Luxemburg unter Meinhards Verantwortung und das Max-Planck-Institut für Aeronomie und Stratosphärenphysik im Harz unter der meinen.
Auf den Geschmack des Erfolgs gekommen machten Meinhard und ich, ohne Scheu vor Risiko, auf eigene Rechnung Wettbewerbe für uns selbst, unterstützt von helfenden Freunden. Das Resultat war wie ein Rausch, sieben 1. Preise im ersten Berufsjahr – als Start unserer Partnerschaft. Wir entwarfen im baumeisterlichen Selbstverständnis. Das Ziel war stets die Synthese von Funktionserfüllung, vernünftiger Konstruktion und angemessen deutender Gestaltung im Dialog mit dem Genius loci, immer mit besonderen Angeboten für die soziale Güte nach dem Motto ‚Cui bono‘. Diese Haltung wurde verstanden und fand Anerkennung, damals wie heute. Diese Gesinnung blieb unser stilbildendes Kontinuum über Jahrzehnte und Generationen hinweg.
Als junge Architekten wollten Meinhard und ich in den BDA aufgenommen werden, um als freiberufliche Architekten wahrgenommen zu werden. Unser Aufnahmeantrag beim BDA Hamburg gestaltete sich delikat. Wir wurden gefragt, ob wir es nicht für ehrenrührig hielten, inkognito für andere Architekten als Entwurfs-U-Boote zu agieren. Wir waren in unserer Arglosigkeit zu verblüfft, um die Gegenfrage bezüglich der uns beauftragenden BDA-Mitglieder zu stellen.
Es gibt immer mehr zu tun als Zeit verfügbar ist, und so haben Meinhard und ich schon seit Studentenzeiten fast immer parallel entworfen, frei nach General Blüchers Devise: „Getrennt marschieren, vereint schlagen“. Das war nicht nur produktiver, sondern entsprach auch der Unterschiedlichkeit unserer Charaktere. Bei gleicher Entwurfsgesinnung weiß sowieso jeder von uns, wie der andere denkt und es ähnlich oder anders machen würde.
Mit den Projekten wuchs unser junges Büro. Meinhards unternehmerische Begabung half dem extemporierten Architekturbetrieb organisatorisch schnell aus den Kinderschuhen. Der Flughafen Berlin-Tegel brachte für uns den ersten Quantensprung. Der spektakuläre Wettbewerbserfolg war die Weiterentwicklung der Erkenntnisse aus Meinhards Diplomarbeit für den Flughafen Hannover-Langenhagen. Das weiterentwickelte „Drive-in“-Entwurfskonzept war derart überzeugend und unser Auftritt bei den folgenden Vertragsverhandlungen so selbstbewusst, dass es uns Anfängern sogar gelang schrittweise den Auftrag für den Gesamtkomplex zu ergattern. Heute ist er trotz aller entstellenden Erweiterungen ein Baudenkmal – sogar schon unser fünftes.
Mit dem Bauen erweiterte sich unsere Partnerschaft, Rolf Niedballa war der erste von zunächst drei Partnern. Als Mitarbeiter von Bauwirt­schafts­professor Enderlein und Hilfsbauleiter bei Scharouns Philharmonie brachte er Erfahrung aus der Baupraxis mit. Meinhard organisierte unser Filialbüro und steuerte Berlins größtes Bauprojekt, das nach nur drei Jahren Bauzeit in Betrieb ging. Wenig Scheu, wie vor unserem Wettbewerb in Berlin-Tegel, hatte Meinhard vor dem internationalen Wettbewerb für die iranische Nationalbibliothek 1978. Eine globale Herausforderung und ein 1. Preis – in Konkurrenz zu mehreren hundert Architekten. Er war alsbald eine Enttäuschung, denn die islamische Revolution stoppte das Projekt.
Später in China verlief es günstiger. Sein Wettbewerbserfolg für die Deutsche Schule in Peking im Auftrag der Bundesrepublik wurde zum Start unserer noch heute andauernden Wettbewerbserfolge und vielen Bauten unserer Niederlassungen in Peking, Shanghai und Shenzhen. Die Chancen des chinesischen Kooperationswunsches mit ausländischen Architekten zur Adaption zeitgemäßer guter Architektur wahrgenommen und genutzt zu haben, ist Meinhards unternehmerischem Weitblick zu danken. In China und Vietnam sind sehr viele unserer Bauten zu architektonischen Inkunabeln geworden – das Ergebnis einer Teamarbeit mit enthusiastischen Partnern und engagierten Mitarbeitern, die in die Führung unseres Büros hineinwachsen.
Zur Architektentätigkeit war längst Lehrtätigkeit gekommen. Meinhard war der erste von uns beiden, der berufen wurde: er an die TU Braunschweig in Nachfolge von Friedrich Wilhelm Krämer, ich später an die RWTH Aachen in Nachfolge von Gottfried Böhm. Lehren erfordert gegenüber Studenten Selbsterklärung in allen Fragen persönlichen entwurflichen Ermessens. Das hat den Dialog zwischen den Generationen bereichert, auch den Zustrom engagierter Studenten, Diplomaten und Assistenten.
Wir verstehen uns als Generalisten. Meinhard hat das mit der Bezeichnung „der Spezialist für das Ganze“ auf den Punkt gebracht: vom eigenen Möbeldesign bis hin zur Stadtplanung. Dem Wachsen unseres Werkes folgten Ehrungen: Großer BDA-Preis, Schumacher Preis, Medaille der Freien Akademie der Künste, Bundesverdienstkreuze, Ehrendoktorwürden usw., für ihn sogar der Ehrendoktor der Theologie. Das Pflegekind eines Pastorenehepaares hatte mit unserem Partner Joachim Zais für die Expo 2000 in Hannover den ökumenischen Christuspavillon geschaffen, dessen Hauptbau heute – ab- und wieder aufgebaut – die Kirche des evangelischen Klosters Volkenroda bildet.
Erfolgen stehen auch ärgerliche Fehlschläge gegenüber, die wir verschmerzen müssen. Das betrifft nicht nur viele ungebaute Wettbewerbs­projekte, sondern auch Bauten, die verstümmelt wurden oder nicht rechtzeitig in Betrieb gehen konnten. Meinhards mit dem Bahnchef Heinz Dürr gestartete Serie von Projekten und Ausstellungen „Renaissance der Bahnhöfe“ hatte u.a. den Bau des Berliner Hauptbahnhofes zur Folge, gegen dessen ebenso vertragswidrige wie unnö­tige Verstümmelungen er vors Gericht gezogen ist und Recht bekam. Richtig ärgerlich wurde das Management Desaster der Berliner Flughafengesellschaft bzw. ihres Aufsichtsrats infolge der Fehlplanung der digitalisierten Feuersicherheitsanlage durch die von ihr beauftragten Fachplaner und ausführenden Branchenriesen Siemens und Bosch für den neuen Flughafen BER, das an das noch immer strittige milliardenteure Verspätungsdesaster der Toll Collect Elektronik für die Autobahnmaut durch die Konzerne Siemens und Daimler Chrysler erinnert. Meinhard ist streitbar. Die infame „haltet den Dieb-Methode“ des von sich selbst ablenkenden und uns beschuldigenden Auftraggebers hat ihn dazu gebracht, diese in seinem Buch „Black Box BER“ zu demaskieren. Inzwischen wurden die Schuldzuweisungen aufgehoben.
Mit vollendeten 85 Jahren schaut Meinhard auf sein und unser Lebenswerk und befindet sich nach wie vor im Unruhestand, den ich mit ihm teile. Unsere Partnerschaft verjüngt sich und erweist sich im Wettbewerb weltweit erfolgreich und produktiv. Im September nahm er in China den bedeutenden Liang-Sicheng-Preis als erster Ausländer entgegen.
Unsere aus Gewinnen finanzierte gmp Stiftung mit ihrer Fortbildungsakademie aac Academy for Architectural Culture war sein besonderes Anliegen. Die Freude an dem, was in einem halben Jahrhundert entstanden ist und an dem, was daraus wächst, ist eine schöne Frucht und eine Animation für die Zukunft unserer Partner und Mitarbeiter. Das Leben hat Meinhard und uns reich beschenkt. Dafür sind wir dankbar.

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