„Das Glas glüht und das Zinn glüht“
Ein bunter Reigen an Ausstellungen flankiert das hundertjährige Jubiläum vom Bauhaus Dessau, eine davon: Soda | Linsen | Fluff.
Text: Hartung, Leonie, Berlin
„Das Glas glüht und das Zinn glüht“
Ein bunter Reigen an Ausstellungen flankiert das hundertjährige Jubiläum vom Bauhaus Dessau, eine davon: Soda | Linsen | Fluff.
Text: Hartung, Leonie, Berlin
Vor hundert Jahren zog das Bauhaus nach Dessau. Die Ausstellung „Soda I Linsen I Fluff“ ist Teil des umfänglichen Jubiläumsprogramms „An die Substanz“ der Stiftung Bauhaus Dessau, das die materiellen Grundlagen vom Bauhaus neu in den Blick nimmt. In den Fokus rücken Verflechtungen mit Industrie- und Umweltgeschichte sowie räumliche und ökologische Auswirkungen der Abbau - und Produktionsprozesse.
Die Künstlerin Antje Schiffers und ihr Partner Thomas Sprenger reisten für die Ausstellung „Soda I Linsen I Fluff“ zu den historischen Abbau- und Produktionsstätten der Baumaterialien, aus denen die Moderne gemacht ist: Zement, Ziegel, Stahl und Glas. Sie waren vor allem in Sachsen-Anhalt unterwegs, aber ihre Recherche führte sie von Ostdeutschland bis nach Äthiopien, Kuba und in die Türkei. Dabei ging es Schiffers weniger darum, die Vergangenheit der Industriearbeitsstätten umfänglich zu rekonstruieren, sondern vielmehr um die Gegenwart und das, was bleibt: In welchem Zustand befinden sich die Werke? Wie und wo wird noch produziert? An was erinnern sich die Menschen, die dort gearbeitet haben? Sie nutzten dabei das Medium der Malerei und Zeichnung, um die Orte künstlerisch zu erfassen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Zwei überdimensionierte Wandgemälde in der Eingangshalle des Bauhaus-Museums bilden den Auftakt der Ausstellung. Sie zeigen einen Kies- und Sandtagebau in Zettweil sowie ein Zementwerk in Karsdorf, schwarz auf weiß, schemenhaft. Es wird jedoch schnell ersichtlich, dass die auf den Reisen entstandenen Gemälde und Zeichnungen nicht den wichtigsten Kern der Ausstellung bilden. „Antje und Thomas laden Menschen ein. Sie machen die Ausstellung zusammen“, steht klein auf dem Boden neben den Exponaten geschrieben. Diese spielerischen, simplen Kommentare von Schiffers und Sprenger begleiten die Besucherinnen und Besucher durch den Raum. Auf ihren Reisen kommt das Duo in Kontakt mit ehemaligen Betriebsleitern, Rohstoffgeologen, Arbeiter und Arbeiterinnen, einer Archivarin, über Umwege auch mit der türkischen Luftwaffe. Das geteilte Wissen, die Leihgaben und Gedanken dieser Menschen stehen im Vordergrund der Ausstellung, ebenso wie der Prozess der Recherche selbst. Assoziativ werden die Verflechtungen mit Biographien, Landschaft und globaler Ökonomie nachvollzogen.
Räumlich gliedert sich die Ausstellung nach Materialien, von der Ziegelproduktion zu Sand- und Kieswerken, über Glas- und Sodaherstellung zum Stahl und Zement. Auch die Regale und Tische selbst, auf denen die Ausstellung installiert ist, sind analoge Fundstücke aus ehemaligen Betrieben. Die kurz angebundene Erklärung: „Die hellblauen Tische kommen aus einer Kantine. Die Kantine ist in einem Zementwerk. Im Zementwerk arbeiten heute weniger Menschen. Darum kann man manche Tische ausborgen.“ Die Regale hingegen stammen aus einer ehemaligen Ziegelei und wurden zur Trocknung der Ziegel verwendet. In ihnen befinden sich Eimer mit Sand und Kies, ein Stück Glasschmelze, eine Schnapsflasche, ein Mundstück für Ziegel, in dem Ton gepresst wurde. Jedes Exponat bringt seine eigene Geschichte mit.
Dass es keine Übersichtskarte der Orte gibt, die die beiden Künstlerinnen besucht haben, oder eine chronologische Struktur, passt zur tatsächlichen Verworrenheit und Undurchsichtigkeit der Materie. Wer entscheidet, wo abgebaut werden darf? Welche Handelsbeziehungen sind heute noch nachvollziehbar? Wie stand es um die Rohstoffexploration der DDR? Was bleibt, sind assoziative Eindrücke und Anekdoten, Bilder von Betrieben, von innen und von außen sowie skurrile Erkenntnisse. Beispielsweise, dass Fluff kein Kosewort ist, sondern dass es sich um „flugfähige Fraktionen“ handelt, also Ersatzbrennstoffe der Zementindustrie. Oder dass die VEB Zementanlagenbau Dessau ganze Werke nach Äthiopien exportierte, die damals mit Linsen bezahlt wurden. Der Zugang bleibt dabei leicht und humorvoll, aber nicht verkürzt.
Material fungiert als wesentlicher Kern dieser Ausstellung, so wie es auch im Bauhaus selbst immer eine zentrale Rolle spielte. Der gegenwärtige Blick auf die historischen Orte des Abbaus und der Produktion sowie die Lebens- und Arbeitsrealitäten beteiligter Menschen ergänzen die Lesart des Bauhauserbes um eine bisher wenig erfasste Perspektive. So verschiebt sich der Fokus vom Mythos Bauhaus weg, um die zumeist männlichen Autoren und ihren kanonischen Werken, hin zu den materiellen und globalen Verwebungen der Schule mit den Bereichen Arbeit, Ökonomie und Ressourcen.
Die Künstlerin Antje Schiffers und ihr Partner Thomas Sprenger reisten für die Ausstellung „Soda I Linsen I Fluff“ zu den historischen Abbau- und Produktionsstätten der Baumaterialien, aus denen die Moderne gemacht ist: Zement, Ziegel, Stahl und Glas. Sie waren vor allem in Sachsen-Anhalt unterwegs, aber ihre Recherche führte sie von Ostdeutschland bis nach Äthiopien, Kuba und in die Türkei. Dabei ging es Schiffers weniger darum, die Vergangenheit der Industriearbeitsstätten umfänglich zu rekonstruieren, sondern vielmehr um die Gegenwart und das, was bleibt: In welchem Zustand befinden sich die Werke? Wie und wo wird noch produziert? An was erinnern sich die Menschen, die dort gearbeitet haben? Sie nutzten dabei das Medium der Malerei und Zeichnung, um die Orte künstlerisch zu erfassen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Zwei überdimensionierte Wandgemälde in der Eingangshalle des Bauhaus-Museums bilden den Auftakt der Ausstellung. Sie zeigen einen Kies- und Sandtagebau in Zettweil sowie ein Zementwerk in Karsdorf, schwarz auf weiß, schemenhaft. Es wird jedoch schnell ersichtlich, dass die auf den Reisen entstandenen Gemälde und Zeichnungen nicht den wichtigsten Kern der Ausstellung bilden. „Antje und Thomas laden Menschen ein. Sie machen die Ausstellung zusammen“, steht klein auf dem Boden neben den Exponaten geschrieben. Diese spielerischen, simplen Kommentare von Schiffers und Sprenger begleiten die Besucherinnen und Besucher durch den Raum. Auf ihren Reisen kommt das Duo in Kontakt mit ehemaligen Betriebsleitern, Rohstoffgeologen, Arbeiter und Arbeiterinnen, einer Archivarin, über Umwege auch mit der türkischen Luftwaffe. Das geteilte Wissen, die Leihgaben und Gedanken dieser Menschen stehen im Vordergrund der Ausstellung, ebenso wie der Prozess der Recherche selbst. Assoziativ werden die Verflechtungen mit Biographien, Landschaft und globaler Ökonomie nachvollzogen.
Räumlich gliedert sich die Ausstellung nach Materialien, von der Ziegelproduktion zu Sand- und Kieswerken, über Glas- und Sodaherstellung zum Stahl und Zement. Auch die Regale und Tische selbst, auf denen die Ausstellung installiert ist, sind analoge Fundstücke aus ehemaligen Betrieben. Die kurz angebundene Erklärung: „Die hellblauen Tische kommen aus einer Kantine. Die Kantine ist in einem Zementwerk. Im Zementwerk arbeiten heute weniger Menschen. Darum kann man manche Tische ausborgen.“ Die Regale hingegen stammen aus einer ehemaligen Ziegelei und wurden zur Trocknung der Ziegel verwendet. In ihnen befinden sich Eimer mit Sand und Kies, ein Stück Glasschmelze, eine Schnapsflasche, ein Mundstück für Ziegel, in dem Ton gepresst wurde. Jedes Exponat bringt seine eigene Geschichte mit.
Dass es keine Übersichtskarte der Orte gibt, die die beiden Künstlerinnen besucht haben, oder eine chronologische Struktur, passt zur tatsächlichen Verworrenheit und Undurchsichtigkeit der Materie. Wer entscheidet, wo abgebaut werden darf? Welche Handelsbeziehungen sind heute noch nachvollziehbar? Wie stand es um die Rohstoffexploration der DDR? Was bleibt, sind assoziative Eindrücke und Anekdoten, Bilder von Betrieben, von innen und von außen sowie skurrile Erkenntnisse. Beispielsweise, dass Fluff kein Kosewort ist, sondern dass es sich um „flugfähige Fraktionen“ handelt, also Ersatzbrennstoffe der Zementindustrie. Oder dass die VEB Zementanlagenbau Dessau ganze Werke nach Äthiopien exportierte, die damals mit Linsen bezahlt wurden. Der Zugang bleibt dabei leicht und humorvoll, aber nicht verkürzt.
Material fungiert als wesentlicher Kern dieser Ausstellung, so wie es auch im Bauhaus selbst immer eine zentrale Rolle spielte. Der gegenwärtige Blick auf die historischen Orte des Abbaus und der Produktion sowie die Lebens- und Arbeitsrealitäten beteiligter Menschen ergänzen die Lesart des Bauhauserbes um eine bisher wenig erfasste Perspektive. So verschiebt sich der Fokus vom Mythos Bauhaus weg, um die zumeist männlichen Autoren und ihren kanonischen Werken, hin zu den materiellen und globalen Verwebungen der Schule mit den Bereichen Arbeit, Ökonomie und Ressourcen.







0 Kommentare