Stadtregionen transformieren

Learning from „Ruhrbanity“? Zollverein war kongenialer Konferenzort des dritten Symposiums der Initiative „Transforming City Regions“.

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Stadtregionen transformieren

Learning from „Ruhrbanity“? Zollverein war kongenialer Konferenzort des dritten Symposiums der Initiative „Transforming City Regions“.

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Es liegt im Trend, den Blick auf den regionalen Kontext zu lenken; sogar der Chinesische Pavillon der diesjährigen Biennale in Venedig widmet sich dem ländlichen Raum (Bauwelt 10). Transformationen im regionalen Maßstab sind ein polyvalenter Prozess, bei dem regionale Parameter diejenigen einzelner Quartiere überlagern und umgekehrt. Die universitäre Veranstaltungsreihe „Transforming City Regions“ ist Statusbericht, Handlungsauftrag, Analyse, Reflexion – ist Theorie und Praxis gleichermaßen und wurde angestoßen von Christa Reicher und der Fakultät für Raumplanung der TU Dortmund.
2015 fand die Auftaktkonferenz auf dem Welterbe Zollverein in Essen statt – selbst ein Paradigma für den mühsamen Wandel von der monostrukturellen Großzeche zum vielfältigen Ort für Arbeit, Forschung, Bildung und Kultur. Nach Konferenzen in Aman und New York traf man sich jetzt wieder auf Zollverein für ein Symposium mit dem Untertitel „Urban Integration – From Walled City to Integrated City“. Dabei war das „walled“ ebenso vieldeutig zu verstehen wie das „integrated“ – und die englischsprachige Formulierung war nicht modische Effekthascherei, sondern praktische Verständigungsebene für Lehrende und Studierende aus drei Kontinenten.
Angesichts zunehmender Verstädterung zu Lasten der ländlichen Räume bei wachsender sozialer Polarisierung, beschleunigt durch den digitalen Wandel, stehen im Gesamtprojekt drei Ziele im Vordergrund: erstens die Relevanz von „Integration“ aus der internationalen Perspektive zu untermauern; zweitens die Wissensbasis zu nationalen und internationalen Best-Practice-Projekten zu erweitern; und drittens eine Plattform für den internationalen Austausch von Wissenschaft und Praxis zu Fragen der Transformation aufzubauen. Der konkrete Anwendungsfall im Ruhrgebiet ist u.a. das Siedlungsprojekt „Glückauf Zukunft“ mit dem Wohnungsunternehmen VIVAWEST und dem Grundstückseigner RAG Montan Immobilien.
Die Analysemodelle diesseits und jenseits des Atlantiks ergänzen sich. Laut Michael Wegener, Professor emeritus der Raumplanung an der TU Dortmund, sind disparate Erscheinungen nur in „multi scale“- und „multi level“-Modellen fassbar – mit dem Ziel, eine qualitative aus der rein quantitativen Argumentation zu entwickeln. Multi scale ist auch „Infra Eco Logi Urbanism“ der University of Michigan, um Wege zur Transformation aufzuzeigen in einem hierzulande eingeübten, in den USA bisher aber ungewohnten Dialog mit den Kommunen. Jonathan Massey, Architekt, Historiker und Dekan der University of Michigan wagte auf die Schlussfrage „Was wäre wenn?“, sogar die Idee, das Entwicklungsformat der IBA Emscherpark aus dem Ruhrgebiet in die Metropolregion der Großen Seen zu exportieren.
Maarten Gheysen, Universität Leuven, zeigte, dass die „urbane“ Sprache für eine verstreut besiedelte Landschaft wie Flandern die falschen Vorbilder liefert. Und Kiyoko Kanki, Kyoto University, berichtete von dem Versuch der Legalisierung der illegal gewachsenen Vorstadt Fushimi mit einer dort völlig neuen, integrativen Strategie. Neben den Auswirkungen von Polyzentrik standen „resilience“ (Belastbarkein, Elastizität) und Inklusion auf der Agenda, eingeleitet von Jan Polivka, RWTH Aachen, mit einem Schleifenmodell des Wechsels von Bestand und Veränderung, Ausbeutung von Ressourcen, Niedergang und radikaler Innovation.
33 Referierende an einem halben Tag machten das Symposium selbst zu einem dichten, „integrierten“ Netz von Information und Anregung, begünstigt durch das „Pecha Kucha“-Format mit knapp gehaltenen Präsentationen. Der große Bogen führte sichtbar zu der Erkenntnis, dass die Fragestellungen globale Bedeutung haben und man Städte nicht einfach sterben lassen kann, auch nicht Detroit. „Ruhrbanity“ könnte Blaupause für Transformationsprozesse anderswo werden – und münden in „Transforming Landscape“, wie es der Landschaftsplaner und Abschlussredner Andreas Kipar als Aufweitung des Denkens von der begrenzten Stadt in die unbegrenzte Landschaft forderte.
Der Dialog wird weitergehen. Parallel ist der Aufbau eines internationalen Austausch-Studiengangs auf Zollverein in Vorbereitung, dessen Botschaft attraktiv genug ist, um Wissenschaftler von überallher anzuziehen.

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