Der Transdisziplinäre

Friedrich Kiesler (1908–1965) war Architekt, Künstler, Bühnenbildner, Ausstellungsmacher. Das MAK in Wien widmet sich der ungebrochen aktuellen, disziplinübergreifenden Arbeit des Austro-Amerikaners

Text: Drewes, Frank F., Berlin

    Steht im Zentrum der MAK-Ausstellung: ein 1:1-Nachbau von Friedrich Kieslers Installation „Raumstadt“ aus dem Jahr 1925.
    Foto: © MAK/Georg Mayer

    Steht im Zentrum der MAK-Ausstellung: ein 1:1-Nachbau von Friedrich Kieslers Installation „Raumstadt“ aus dem Jahr 1925.

    Foto: © MAK/Georg Mayer

    Modell für ein „Endless House“, New York, 1959.
    Foto: © 2016 Österrei­chische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

    Modell für ein „Endless House“, New York, 1959.

    Foto: © 2016 Österrei­chische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Der Transdisziplinäre

Friedrich Kiesler (1908–1965) war Architekt, Künstler, Bühnenbildner, Ausstellungsmacher. Das MAK in Wien widmet sich der ungebrochen aktuellen, disziplinübergreifenden Arbeit des Austro-Amerikaners

Text: Drewes, Frank F., Berlin

„Dear Mr. Kiesler, I want your help.“ Mit diesen Worten wandte sich Peggy Guggenheim im Sommer 1942 an Friedrich Kiesler. Er half ihr: Im Oktober desselben Jahres eröffnete auf der 57. Straße in Manhattan Guggenheims Galerie Art of This Century – mit einer Installation, in der Kies­-ler die rahmenlosen Bilder vor gebogenen Wandschalen scheinbar zum Schweben brachte. (Im Jahr darauf beauftragte Peggys Onkel Solomon Frank Lloyd Wright mit dem Entwurf des Guggenheim-Museums, das 1959 eröffnete.)
Der Originalbrief Peggy Guggenheims ist eines von unzähligen Exponaten der Ausstellung im Wiener MAK über die „Lebenswelten“ Friedrich Kieslers. Mit dem 1890 in Czernowitz (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine) geborenen Architekten, bildenden Künstler, Designer und Bühnenbildner setzt das Museum – nach der Retrospektive über Josef Frank in der ersten Jahreshälfte (Bauwelt 14) – seine Bemühungen um eine „zeitgenössische Neubetrachtung der großen Visionäre der Wiener Moderne“ fort. Ab 1908 studierte Kiesler Architektur und Malerei an der Technischen Hochschule und der Akademie der bildenden Künste in Wien, ohne seine Studien abzuschließen. Bald machte er sich einen Namen mit Theater- und Ausstellungsprojekten in Ber­-lin, Wien und Paris, bevor er 1926 nach New York ging, wo er bis zu seinem Lebensende 1965 blieb.
Ein Rekonstruktionsmodell im Maßstab 1:3 ­gewährt den Ausstellungsbesuchern auf Augenhöhe Zutritt in die längst zur Legende gewor­denen Galerieräume von Art of This Century. Eine weitere Ikone Kieslers, das Endless House, das er 1950 im Auftrag der Kootz Gallery in New York konzipierte, ist ebenfalls als Modell (ein kleinmaßstäbliches aus dem Jahr 1959) im MAK zu sehen; der biomorphe Entwurf fasziniert und in­spiriert Architekten bis heute.
Kernstück und Highlight der Ausstellung aber ist eine Rekonstruktion der Raumstadt (1925). Kiesler entwickelte sein Modell einer im Raum schwebenden Stadt auf Einladung von Josef Hoffmann für die österreichische Theatersektion der Exposition internationale des Arts Décora­-tifs et industriels modernes in Paris. Die betonte Dreidimensionalität und der kontrastreiche Einsatz von Primärfarben zeigen deutlich seine geistige Nähe zur niederländischen De-Stijl-Bewegung. In Originalgröße und durch schwarze Vorhänge abgetrennt, kann die Raumstadt ihre Wirkung voll entfalten, und sie lädt auf halbem Weg durch die fast schon erdrückend reichhaltige Ausstellung zum Verweilen ein.
Zahllose Skizzen, Möbelentwürfe, Filme, Grafiken, Teppiche und Texte verdichten sich zu dem ganzheitlichen Konzeptansatz, den Kiesler vertrat: Er propagierte die Aufhebung der Trennung von autonomer Kunst und Lebenswirklichkeit. Kiesler setzte sich mit den neuesten Entwicklungen in Film und Fernsehen ebenso auseinander wie mit kuratorischen Konzepten und deren radikal neuer Gestaltung. Neben allem Konzeptio­nellen und Temporären gibt es in Friedrich Kieslers Werk ein bleibendes gebautes architekto­nisches Zeugnis: den Schrein des Buches in Jerusalem (1965), ein Museumsbau, unter dessen rundzeltähnlicher Kuppel Schriften des Alten Testaments aufbewahrt und präsentiert werden.

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Rubriken Josef-Frank-Ausstellung - Keine Angst vor Dekor

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