Areal Deutsche Welle Köln

Köln braucht Wohnungen, viele, und zwar schnell. Weil derzeit jeder Preis gezahlt wird, wagt eine Projektgesellschaft den Kraftakt: Sie will die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle aufwendig asbestsanieren, sprengen und auf dem Areal dann 750 Wohnungen bauen. Eine städtebauliche Form dafür wurde im Rahmen einer Mehrfachbeauftragung gesucht

Text: Winterhager, Uta, Bonn

    Die Hochhäuser von Deutschlandfunk und Deutscher Welle in Köln im Jahr 2013. In der Bildmitte: Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen.
    Raimond Spekking / CCBY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

    Die Hochhäuser von Deutschlandfunk und Deutscher Welle in Köln im Jahr 2013. In der Bildmitte: Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen.

    Raimond Spekking / CCBY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

    Von der Auwahlkommission als Grundlage für die weitere Planung empfohlen: der Entwurf von ASTOC, Köln, und Urbane Gestalt – Johannes Böttger Landschaftsarchitekten, ebenfalls Köln
    Abb.: Architekten

    Von der Auwahlkommission als Grundlage für die weitere Planung empfohlen: der Entwurf von ASTOC, Köln, und Urbane Gestalt – Johannes Böttger Landschaftsarchitekten, ebenfalls Köln

    Abb.: Architekten

    ASTOC
    Zeichnung: Architekten

    ASTOC

    Zeichnung: Architekten

    ASTOC
    Abb.: Architekten

    ASTOC

    Abb.: Architekten

    In der Überarbeitungsphase gegen ASTOC ausgeschieden: der Entwurf von Meili, Peter, München, und
    Grabner + Huber, Freising
    Zeichnung: Architekten

    In der Überarbeitungsphase gegen ASTOC ausgeschieden: der Entwurf von Meili, Peter, München, und
    Grabner + Huber, Freising

    Zeichnung: Architekten

    Morger + Dettli Architekten, Basel
    Zeichnung: Architekten

    Morger + Dettli Architekten, Basel

    Zeichnung: Architekten

    RKW Rhode Kellermann Wawrowsky, Düsseldorf
    Zeichnung: Architekten

    RKW Rhode Kellermann Wawrowsky, Düsseldorf

    Zeichnung: Architekten

    Van Dongen–Koschuch, Amsterdam
    Zeichnung: Architekten

    Van Dongen–Koschuch, Amsterdam

    Zeichnung: Architekten

Areal Deutsche Welle Köln

Köln braucht Wohnungen, viele, und zwar schnell. Weil derzeit jeder Preis gezahlt wird, wagt eine Projektgesellschaft den Kraftakt: Sie will die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle aufwendig asbestsanieren, sprengen und auf dem Areal dann 750 Wohnungen bauen. Eine städtebauliche Form dafür wurde im Rahmen einer Mehrfachbeauftragung gesucht

Text: Winterhager, Uta, Bonn

1974 wurde in Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann am Raderberggürtel in Köln der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt. Sechs Jahre später bezog der Deutschlandfunk das auf einen Sockel gestellte brutalistisch anmutende Hochhaus von Gerhard Weber + Partner, die Deutsche Welle wiederum das bunte Hochhausdoppel der Planungsgruppe Stieldorf. Bis 2003 arbeiteten 1400 Mitarbeiter der Deutschen Welle dort mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den Schürmannbau in Bonn, der ursprünglich als Bürogebäude für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages geplant worden war. Seitdem steht das Doppelhochaus leer.
Zugegeben, es ist eine sperrige Immobilie. Trotz ihrer Zeichenhaftigkeit hat es für eine Umnutzung zum Wohnen oder eine Nachverdichtung am Sockel kaum konkrete Pläne gegeben. Im Gegenteil, neben der Asbestbelastung wurde die schlechte Integration im Stadtraum zum ausschlaggebenden Argument für den Abriss der beiden Türme. Vergessen schienen all die guten Vorsätze und Ideen zur Umnutzung, die in der letzten Zeit in Workshops und Symposien (u.a. Häuser von gestern für die Stadt von morgen, StadtBauKultur NRW) diskutiert und durchgespielt worden sind. Von einer praktizierten Umbaukultur ist man in Köln noch weit entfernt.
Der Abriss ist beschlossene Sache. Er wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist auch eine wirtschaftliche Herausforderung: Zwei Jahre wird es dauern, bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt der erste Spatenstich erfolgen kann.
Nach der angekündigten Tabula rasa werden im Stadtteil Marienburg 5,57 Hektar für die Neubebauung zur Verfügung stehen. „Die Welle“, wie das Projekt inzwischen heißt – ein dichtes Wohnquartier mit etwa 75.000 Quadratmeter Wohnfläche, Kindertagesstätte und einem kleinen Anteil nicht störenden Gewerbes als Puffer – soll das heterogene und diffuse Umfeld neu strukturieren und profilieren. Für die Planung wurden fünf Büros zu einer Mehrfachbeauftragung eingeladen. Auslober des Verfahrens war die Projektgesellschaft „DWK Die Welle Köln Erste GmbH & Co. KG“ (DWK Projektgesellschaft). Die DWK Projektgesellschaft ist ein Joint Venture der Bauwens Development GmbH & Co. KG und der Wohnkompanie NRW GmbH. Beide Unternehmen werden über die DWK Projektgesellschaft die Verantwortung für den Abriss der Deutschen-Welle-Türme und die Realisierung des neuen Wohnquartiers tragen.
Die geforderte Dichte, der Lärmschutz und eine Realisierung in fünf Bauabschnitten gaben den Planern ein enges Korsett vor. So setzen drei Teams auf klassische Figuren wie Blöcke und Höfe: RKW, Düsseldorf, haben die Blöcke durchgeschüttelt, um ihre formale Strenge auf-zubrechen, Morger + Dettli, Basel, haben sie zu diesem Zweck verzerrt. Auch die von der Jury ausgewählte Arbeit von ASTOC setzt auf die Tradition der Borstei in München oder die des Blauen Hofes in Köln – hundert Jahre alte Figuren, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Eine bewohnte Lärmschutzwand, die, als Kammstruktur ausgebildet, zusätzliches Gewicht erhält, soll an der Seite, die dem Deutschlandfunk zugewandt ist, das Rückgrat für das neue Quartier bilden. Das Gegenüber bilden zwei Blöcke, die drei Höfe ausbilden, von denen der mittlere als Quartiersplatz bezeichnet wird. Es entsteht eine introvertierte Figur mit Festungscharakter, die den zukünftigen Bewohnern Intimität und Schutz bieten soll. Dennoch bemühen sich ASTOC und das Landschaftsarchitekturbüro Urbane Gestalt – Johannes Böttger aus Köln, das Quartier zu öffnen, die grünen Binnenräume an die öffentlichen Parks anzuschließen und einzelne Gebäude in der Großstruktur ablesbar zu machen.
Die Büros Van Dongen–Koschuch aus Amsterdam und Meili, Peter aus München haben sich trotz der strengen Auflagen an freie Formen gewagt. Die Niederländer verzichten auf eine klare Lesbarkeit der städtischen Figur und öffnen das Areal mit einer fließenden, parkartig gestalteten Hoflandschaft deutlich nach außen. Die Arbeit von Meili, Peter und Grabner + Huber Landschaftsarchitekten, die in der Überarbeitungsphase noch gegen den Entwurf von ASTOC konkurrierte, erzeugt ein ganz anderes Bild: Wie Schiffe im Hafen tändeln vier schlanke Baukörper mit abgeknickten Köpfen am Pier. Den Pier bildet eine bewohnte Wand, die die Lärmemissionen des Deutschlandfunkturms über die ganze Tiefe des Areals abschirmt.
Dem Schutzbedürfnis der künftigen Bewohner gerecht werden, ohne sie einzukesseln, eine wirtschaftliche Dichte erzeugen und doch hochwertige Wohnungen bauen, das traute die Jury dann doch eher der klassischen Form zu, die ASTOC anbietet: Nach der Überarbeitungsphase empfahl sie Anfang Juni diesen Entwurf als Basis für den aufzustellenden Bebauungsplan.
Köln braucht mehr Wohnungen. Der vom statistischen Landesamt bis 2040 prognostizierte Bevölkerungszuwachs um bis zu 20 Prozent stellt für die Stadt, die gerade die Millionengrenze überschritten hat, eine enorme Herausforderung dar. Noch aber setzt sie auf das Wachstum aus der Mitte heraus, sucht nach Flächen, die untergenutzt sind oder brachliegen, um diese Lücken im Stadtgewebe von Investoren und Entwicklern angemessen schließen zu lassen. Große, zum Teil von aufwendigen Beteiligungsverfahren begleitete Planungen gibt es für die Parkstadt Süd, den Mülheimer und den Deutzer Hafen, im kleineren Maßstab auf dem Clouth Gelände in Nippes, dem alten Güterbahnhof Ehrenfeld oder eben hier in Marienburg. Großen Brachen neue Funktionen zuzutrauen, das ist in Köln gängige Praxis geworden – vielleicht dass man doch noch einmal über die Umnutzung leerstehender Gebäude nachdenkt. Wenn das irgendwo funktioniert, dann in Köln, wo Wohnraum so knapp und das Publikum so aufgeschlossen ist.

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