Man bekam es zu spüren, dass man aus dem Osten ist

Reinhardt Wetrek, Gerüstbau-Polier mit Leinwand-Erfahrung, über die Nebenwirkungen ungleicher Löhne, europäische Verständigungspro­bleme – und warum es auf dem Bau eigentlich eine Regisseurin bräuchte

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

Reinhardt Wetrek geboren 1971 in Berlin, 1988–1990 Ausbildung zum Maler mit Abschluss des Gesellenbriefs, seit 1993 Arbeit als Gerüstbaumonteur (oft auch auf Montage), seit 2010 als Gerüstbau-Polier.
Foto: Udo Meinel

Reinhardt Wetrek geboren 1971 in Berlin, 1988–1990 Ausbildung zum Maler mit Abschluss des Gesellenbriefs, seit 1993 Arbeit als Gerüstbaumonteur (oft auch auf Montage), seit 2010 als Gerüstbau-Polier.

Foto: Udo Meinel


Man bekam es zu spüren, dass man aus dem Osten ist

Reinhardt Wetrek, Gerüstbau-Polier mit Leinwand-Erfahrung, über die Nebenwirkungen ungleicher Löhne, europäische Verständigungspro­bleme – und warum es auf dem Bau eigentlich eine Regisseurin bräuchte

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

Herr Wetrek, letztes Jahr waren Sie in Valeska Grisebachs Film „Western“ im Kino zu sehen, als Anführer eines Trupps deutscher Bauarbeiter, die in Bulgarien ein EU-finanziertes Kraftwerk bauen. Im Film gab es Spannungen zwischen den Montagearbeitern und den einheimischen Dorfbewohnern. Kennen Sie solche Situationen auch von Baustellen in Deutschland?
Auf alle Fälle! Nach der Wende bis 2002/2003 war es sehr stark zu fühlen, dass man aus den neuen Bundesländern kam, wenn man im Westen gearbeitet hat.
Sie sind in Ost-Berlin geboren und waren damals für eine Firma aus dem Osten tätig.
Unsere Firma hatte und hat ihren Sitz immer nochin Wandlitz-Schönerlinde nördlich von Berlin. 90 Prozent der Arbeitnehmer waren aus dem Osten, der Geschäftsführer war aus West-Berlin.
Wie hat man im Westen zu spüren bekommen, dass man anders ist? Wurden Sie nicht mit dem gleichen Respekt behandelt wie die Kollegen?
Man wurde gar nicht behandelt. Naja, es wurden einem auch Steine in den Weg gelegt und Kommunikationslücken offengelassen. Die Leute wussten ungefähr, was wir verdienten. Wir haben uns darüber gefreut, und die haben uns dafür ausgelacht. So wurde man dann eben auch behandelt. In Berlin war das nicht so. Berlin hat vorgelebt, dass Ost und West gut zusammenarbeiten können. Ich hatte damals viel in Hamburg zu tun, da war das sehr angespannt. In Bremerhaven allerdings, 2005/2006, war es schon wieder ganz anders. Die Bremer sind Pfundskerle, wenn sie einmal aufgetaut sind.
Heute, 28 Jahre nach dem Mauerfall, hat sich die Unterscheidung zwischen „der kommt aus dem Osten, der aus dem Westen“ relativiert?
Ja, weil auch in den neuen Bundesländern die Löhne angeglichen wurden. Zwar noch nicht zu hundert Prozent, aber das Gefälle ist nicht mehr so groß wie früher.
Wenn Sie damals in Westdeutschland gearbeitet haben, war da auch ein bisschen Aben­teurertum dabei?
Es war ein Abenteuer, auf jeden Fall. Die Nase in den Wind: Man wollte Leute kennenlernen, an­dere Gerüstbausysteme kennenlernen, auch Systeme aus anderen Branchen. Die einzige Art, wie man am Bau vorankommt, ist ja: Man muss mit den Augen klauen. Man muss sich anschau­-en, wie machen es andere, wie kann ich es selber besser machen. Der Eine macht das so, der Andere macht das so. Ich denke, in jedem Bundesland werden die Dinge ein bisschen anders gemacht. Das ist wie mit „Dachziegeln“ oder „Dachschindeln“, es kommt auf die Region an, wie man sie nennt. Heute brauche ich keine Abenteuer mehr. Ich war so oft unterwegs. Wenn ich heute mal woanders arbeite, denke ich: „Na gut, dann fahr ich da jetzt mal hin.“
Heute kommen die Abenteurer vermutlich eher zu Ihnen, Montagearbeiter aus Polen oder Bulgarien ...
Gibt es alles bei uns. Ich habe auf der Baustelle mit Leuten aus Tschechien, aus Polen und aus Albanien zu tun. Mein Vertreter, mein Vize-Polier, ist aus Thüringen. Unsere Firma ist eine interna­tionale Firma geworden.
Montagearbeiter aus Osteuropa waren lange Zeit wesentlich günstiger für die Firmen. Hat sich die Bezahlung da inzwischen auch etwas angeglichen?
Das hat sich auf jeden Fall weiter angeglichen. Sonst würden sie vermutlich nicht herkommen, um zu arbeiten. Im Vergleich zu den Löhnen bei sich zu Hause verdienen sie hier gutes Geld, teilweise auch für unsere Maßstäbe. Neue Kolonnen oder neue Kollegen bekommen natürlich nicht gleich das, was diejenigen bekommen, die schon ein paar Jahre hier sind.
Im Film „Western“ war die Kommunikation nicht nur zwischen den deutschen Bauarbeitern und den Einheimischen in dem Dorf angespannt, sondern es gab auch Spannungen innerhalb des deutschen Teams, zwischen den beiden Hauptfiguren. Kennen Sie so etwas auch aus Ihrem beruflichen Alltag?
Ja, wenn man auf Großprojekten arbeitet, sagen wir mal Wetterschutzdächer, da werden dann zwei Kolonnen zusammengebracht. Klar ist, wenn zwei Kolonnenführer auf der Baustelle sind, dann gibt’s meist Reibereien. Jeder denkt, er weiß alles, kann alles und macht alles. Das sind aber meistens die Jüngeren. Wahrscheinlich war ich früher auch so, aber heute mache ich einen halben Schritt zurück und sage: „Macht ihr mal.“ Die können dann zeigen, was sie können. Ob das immer funktioniert, ist eine andere Frage. Aber wenn sie nicht auf die Alten hören wollen, sollen sie ihr Lehrgeld selber bezahlen.
Sie haben durch Ihren Ausflug ins Filmgeschäft Erfahrung in zwei sehr unterschiedlichen Be­rufen sammeln können. Was meinen Sie: Wo fällt die Abstimmung mit den Projektbeteiligten leichter, beim Dreh eines Films oder auf der Baustelle?
Beim Film. Auf alle Fälle. Da gibt es mehr Kommunikation. Man redet viel mehr miteinander: „Bekommen wir es so oder so besser hin?“ Ich war ja der Neue da. Also habe ich zugehört, was die mir erzählen, und habe versucht, es umzusetzen. Das war natürlich nicht alles perfekt, ich bin ja kein Schauspieler. Aber dann wurde improvisiert, und nachher gab es trotzdem Zuspruch von den Kollegen: „Gut gemacht, so lassen wir das.“
Die Personen im Film waren sehr glaubwürdig. Man hatte oft den Eindruck: Das ist jetzt nicht gespielt, sondern die wissen, worum es geht.
Da muss ich Ihnen sagen: Das war völlig gespielt. Ich kann kein Englisch und auch kein Bulgarisch, und die Bulgaren konnten kein Deutsch. Dennochhaben wir zusammen am Tisch gesessen und es sogar hinbekommen, uns Witze zu erzählen. Also, über die Pointe konnten wir alle lachen, obwohl keiner den anderen verstanden hat. Danach sollten wir vor der Kamera wieder diese Spannung aufbauen, dass wir uns nicht mögen. Wir hatten dann natürlich die Dolmetscherin dabei, aber wir haben auch vieles ohne sie hingekriegt. Das ging irgendwie.
Von realen Baustellen sind Ihnen sprachliche Verständigungsprobleme aber sicher bestens vertraut. Oder?
Ja, klar. Den Rohbau der Baustelle hier, den haben portugiesische Arbeiter gemacht. Die Verständigung ist schwierig, aber inzwischen kennt man viele Leute auch schon. Die Eisenflechter, das sind eigentlich auf fast jeder Baustelle Portugiesen. Gut, jetzt hat man sehr viele Russen auf den Baustellen. In Schöneberg beim alten Postamt ist der Bau komplett in russischer Hand. Man hat dort von gefühlt 30 Mann einen, der Deutsch kann. Es bleibt viel Kommunika­tion auf der Strecke, wenn man nicht miteinander reden kann. Zusammenarbeiten – das ist dann schwierig.
Da fehlt vielleicht die Regisseurin wie beim Film?
Ja, eigentlich bräuchte man einen Vermittler.
Es scheint aber auch auf dem Bau zu klappen. Die meisten Baustellen werden ja doch irgendwann fertig. Wie funktioniert das, wenn man etwas gemeinsam bauen soll, sich aber eigentlich nicht verständigen kann?
Über zeigen, selber machen, nachmachen lassen, nochmal erklären. Irgendwann klappt es meist. Irgendwie.
Fakten
Architekten Wetrek, Reinhardt, Berlin
aus Bauwelt 5.2018
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