SOS Brutalismus

Eine internationale Bestands­aufnahme

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

SOS Brutalismus. Park Books, Zürich 2017

SOS Brutalismus. Park Books, Zürich 2017


SOS Brutalismus

Eine internationale Bestands­aufnahme

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Nach der Kanonisierung der klassischen Moderne haben mittlerweile auch verschiedene Spiel­arten einer spröden Nachkriegsmoderne die ihnen gebührende Anerkennung erfahren. Nun steht der Fundus eines Brutalismus oder New Brutalism – in Abgrenzung zum rauen „béton brut“ Le Corbusiers – vor der Musterung durch die Architekturgeschichtsschreibung und der Denkmalinventarisation. Da mag manch einer massige (Sicht-)Betonbauten vor Augen haben oder auch die exaltierten Schönheiten in Osteuropa, die seit Jahren, delikat fotografiert, voluminöse Coffee-Table-Books fül­len. Dieser populären und klischeehaften Rezeption gilt es, eine professionelle aber auch allgemeinverständliche Qualitätsdiskussion entgegenzustellen, die die Spreu vom Weizen zu trennen vermag. Was schwierig sein kann bei einem Baubestand, den zumindest die Genera­tion 50 plus noch im Entstehen erlebt und vielleicht mit zwiespältigen Gefühlen begleitet hat, da manchem Bau der Abriss historischer Substanz vorausging. Das Überlieferte, Bewährte als Instrument einer dezidierten Aktualitätskritik: Diese klassische Position des Denkmalkultus bewegt sich hier auf schwierigem Terrain.
Da ist es durchaus hilfreich, dass im Kontext des Ausstellungs-, Sichtungs- und umfangreichen Datenbankprojektes „SOS Brutalismus. Rettet die Betonmonster!“ am Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (Bauwelt 24.2017) nun auch die 17 Beiträge eines bereits 2012 abgehaltenen länderübergreifenden Symposions zum Thema vorliegen. Diese Textsammlung ist Teil des zweibändigen Katalogs zur Ausstellung – diese geht zumindest noch ins Wiener Architekturzentrum AzW auf Wanderschaft – und leistet die notwendige historische und theoretische Begriffsbildung, zeigt einige nationale Ausformulierungen und anhand exemplarischer Bauten deren kul­turellen Zeugnis- wie denkmalpflegerischen Schutzwert.
Die wohl pointierteste intellektuelle Position im New Brutalism vertraten Alison und Peter Smithson. In Opposition zur abstrakten Architektur der Zwischenkriegsmoderne proklamierten sie die „Kunstformen des alltäglichen Lebens“, entwickelten ihre später als „as found“ beschriebene Methodik. Ikonisch dafür steht das Foto der frei vor einer mattierten Glaswand aufgestellten Waschtische in der Hunstanton Secondary School (1949–54). In seiner Architektur entspricht der mit Sichtmauerwerk ausgefachte Stahlskelettbau nun so gar nicht der gängigen Vorstellung eines wuchtig skulpturalen Brutalismus. Er ebnet eher einem technischen Struk­turalismus den Weg, den etwa Cedric Price als Sinnbild gesellschaftlichen Aufbruchs virtuos einzusetzen wusste. Und in der Tat bedeutete fürdie Smithsons brutalistisch: „direkt“, das für eine Situation Notwendige, ohne Materialvorlieben oder expressives Kalkül. Das „Auftreten des Unbehandelten“, die Grundeigenschaft eines Materials und seine Wirkung, waren entscheidend für seine Verwendung. Auch Gold ließe sich deshalb auf brutalistische Weise einsetzen, sagte Peter Smithson in späten Lebensjahren, wohl um noch einmal die Ethik eines Brutalismus zu betonen – gegen die formale Stilisierung, wie sie der vormalige Weggefährte Reyner Banham publizistisch vorangetrieben hatte. Dieser mit Vehemenz ausgetragene, auch persönliche Konflikt ab den späten 50er Jahren lässt sich heute nur noch als historisches Phänomen begreifen. Und dies besonders vor dem bewusst breit gespannten Betrachtungshorizont, den die Kuratoren des DAM vorschlagen. Sie lenken in dem über 500 Seiten starken Hauptkatalog den Blick auf ein weltweites, stilistisch heterogenes Architekturphänomen, das häufig aus der Opposition gegen baukulturelle wie auch politische Doktrin entstand.
Worin besteht aber nun die besondere, womöglich einen Denkmalstatus rechtfertigende Qua­lität der mittlerweile rund 1100 Objekte in der Datenbank brutalistischer Bauten, von denen 120 im Band einer näheren Betrachtung unterzogen wurden? Hier verlassen die Frankfurter neuerlich sanktionierte Gepflogenheiten. Sie sehen in einer (wohl noch näher zu erläuternden) „Rhetorik“ und dem „heroischen“ Bekenntnis zur Künstlerarchitektur die wesentliche Triebkraft eines Brutalismus, der den unterschiedlichsten regionalen Bedingungen immer singuläre Werke handwerklicher Wahrhaftigkeit abzuringen verstand.
Fakten
Autor / Herausgeber Hg. von Oliver Elser, Philip Kurz und Peter Cachola Schmal mit dem DAM und der Wüstenrot Stiftung
Verlag Park Books, Zürich 2017
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aus Bauwelt 20.2018
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