Fragments of Metropolis Rhein & Ruhr

Das expressionistische Erbe an Rhein und Ruhr

Text: Hotze, Benedikt, Berlin


Fragments of Metropolis Rhein & Ruhr

Das expressionistische Erbe an Rhein und Ruhr

Text: Hotze, Benedikt, Berlin

Sie haben es wieder getan. Wieder dräut eine düster-kunstvolle Photoshop-Collage vom Cover, bei der sich Wimmelbilder bekannter Backstein-Bauten der 20er und 30er Jahre ausmachen lassen: das Saturn-Hochhaus in Köln, die Tonhalle in Düsseldorf oder das „Dortmunder U“. Christoph Rauhut und Niels Lehmann haben – nach Berlin und Brandenburg – nun die „Metropolenregion“ an Rhein und Ruhr mit der Kamera aufgesucht und „das expressionistische Erbe“ (Untertitel) katalogisiert. Kata­logisiert? Ja, wie schon beim ersten Band rühmt der Klappentext mit einem irritierenden Voll­ständigkeitsanspruch, „alle 140 noch existierenden“ expressionistischen Bauten zu dokumentieren. Das ist natürlich schon deswegen in einer solchen Ausschließlichkeit weder leistbar noch erstrebenswert, weil „der Expressionismus“ ähnlich wie „die Moderne“ gar nicht in einem Ausschlussverfahren definiert werden kann. Eine Definition erfolgt dann hier – wie schon für Berlin – auch nicht nach formalen, also kunsthistorisch-stilistischen Kriterien. Expressionismus sei vielmehr eine Art Haltung, eine „epochenübergreifende architektonische Gestaltung aus den Gesetzen der Konstruktion, der Materialität und der Gliederung“.
Die kämpferische Abgrenzung des „guten“ Expressionismus gegenüber der „bösen“ Moderne leistet auch hier wieder ein Gastautor aus dem konservativen Lager. War es für Berlin Hans Kollhoff, der den Expressionismus als eine „Modernität, die aus der Tradition hervorgeht“ beschrieb, fällt diese Rolle für Rhein und Ruhr nun dem in Dortmund lehrenden Paul Kahlfeldt zu. „Angesichts des zu dieser Zeit am architektonischen Horizont aufsteigenden ‚Neuen Stils‘ der abstrahierenden Vereinfachung“ (gemeint ist die Neue Sachlichkeit der Moderne) stehe der Expressionismus für das „bis heute letztmalige gemeinschaftliche Aufbäumen gegen die sich abzeichnende Banalisierung“. Expressionismus als letzte kollektive Widerstandshandlung der Baugeschichte vor dem totalen Niedergang – das ist steil. Man darf eine solche Zuspitzung aber getrost für einen Marketing-Trick halten, der diese Buchreihe für Crowdfunding und Buchhandel interessant machen soll, denn inhaltlich taugt diese These natürlich schon deswegen nichts, weil der Expressionismus in seinen ersten Jahren, im und nach dem ersten Weltkrieg, keine Tektonik, sondern unbaubare Utopien von Stadtkronen und Gläsernen Ketten hervorgebracht hat. Als wieder gebaut wurde, hatten Avantgarde-Architekten wie Mies, Gropius oder die Taut-Brüder um 1922/23 herum ihre kurze expressionistische Phase, um dann zur rationalen Moderne zu konvertieren. Wer hingegen beim Expressionismus blieb, reduzierte diesen häufig auf eine gefällige „Dreiecksmoderne“, die sich übrigens trefflich über den Epochenbruch von 1933 hinaus fortführen ließ.
So findet sich im Buch eine muntere Vielfalt von Wohn-, Verwaltungs-, Sakral- und Industriebauten aus fast ganz NRW, von Krefeld bis Münster, von Hamm bis Hagen. Manche sachlich-elegant, andere historisierend-verschmockt. Es ist ein Buch zum Stöbern und Blättern, denn Texte zu den Projekten gibt es nicht, dafür aber eine Verortung auf Landkarten in der Manier eines Architekturführers. Die perspektivisch korrigierten Architekturaufnahmen, für diesen Band neu angefertigt, zeigen im Gegensatz zu Berlin nun auch hohe Häuser in ihrer ganzen Höhe. Somit sind die Herausgeber fototechnisch gerüstet für weitere Bände dieser Reihe. Wenn wir die Mitteleuropa-Karte vorn im Buch richtig deuten, stehen noch „Expressionismus-Bibeln“ (Phoenix Magazine) für Norddeutschland, Niederlande, Osteuropa, Mittel- und Süddeutschland sowie Schweiz und Österreich an.
Fakten
Autor / Herausgeber Christoph Rauhut und Niels Lehmann
Verlag Hirmer Verlag, München 2016
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aus Bauwelt 10.2017
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