Dresden 1933–1945 | Der historische Reiseführer

Text: Scheffler, Tanja, Dresden


Dresden 1933–1945 | Der historische Reiseführer

Text: Scheffler, Tanja, Dresden

Trotz der Mythenbildung um die Zerstörung der „unschuldigen“ Stadt Dresden ist das Thema der Nazi-Architektur zurzeit en vogue. Nachdem bereits Matthias Donath im letzten Jahr in der nur regional bekannten Edition der Sächsischen Zeitung „Architektur in Dresden 1933–1945“ herausgebracht hat, veröffentlicht jetzt Hartmut Ellrich einen Band mit dem Schwerpunkt auf den gesellschaftspolitischen Aspekten der Zeit. Der vollmundigen Ankündigung „Die verdeckten Zeugnisse der ‚Gauhauptstadt‘. Hitlers Umgestaltungspläne für die Barockmetropole.“ wird die Publikation jedoch nicht gerecht. Denn die städtebaulichen Planungen werden nur partiell und äußerst knapp abgehandelt. Vorrangig wird die Bedeutung einzelner noch vorhandener Gebäude während der Zeit des „Dritten Reiches“ erläutert.
Das Buch präsentiert sich als handliches Jackentaschenformat mit Kartenmaterial in der Klappenbroschur. Auf einleitende zeitgeschichtliche Angaben wurde großzügig verzichtet, die Gliederung des Bandes beschränkt sich auf die Standorte der vorgestellten Bauten: Innenstadt, Außenbezirke, Umland. Ergänzend dazu gibt es doppelseitige Exkurse zur geplanten Neugestaltung Dresdens, zum Gauforum, zu den Jahresschauen sowie zur Garnisonsstadt. Viele historische sowie die wenigen während der NS-Zeit realisierten Gebäude (darunter das Luftgaukommando von Wilhelm Kreis, der Verwaltungsbau der Landesbauernschaft von Otto Kohtz und die Luftkriegsschule Klotzsche von Ernst Sagebiel, Walter und Johannes Krüger) werden mit den wichtigsten architektoni-schen Kenndaten sowie ihrer früheren Nutzung vorstellt. Die vielen Querverweise zu Aufrüstung, Judenverfolgung, Rassenpolitik, Bücherverbrennung etc. schaffen ein vielleicht ungewohntes, aber dennoch stimmiges Bild der Stadt im Nationalsozialismus.
Positiv fällt auf, dass auch sonst selten thematisierte Projekte wie die Euthanasie-Tötungsanstalt auf dem Sonnenstein in Pirna, der Deutschlandring bei Hohnstein und die verschiedenen KZ-Außenlager in und bei Dresden angeschnitten werden. Unverständlich ist jedoch, warum Informationen aus Standardwerken wie Weihsmanns „Bauen unterm Hakenkreuz“ (1998) nicht einbezogen wurden. Bis auf das Gauforum fehlen die nicht realisierten monumentalen Planungen (Sportforum, neues Kulturzentrum neben dem Zwinger) ebenso wie Hinweise darauf, dass das 1937 zur Anbindung an die Reichsautobahn vorgesehene neue Straßennetz nach dem Zweiten Weltkrieg beim Wiederaufbau der Innenstadt in großen Teilen ausgeführt wurde.
Ärgerlich sind das teilweise nachlässige Lektorat und die effekthascherische Zusammenstellung von Fakten. So wird die Bedeutung des Lahmann-Sanatoriums auf Magda Goebbels regelmäßige Besuche reduziert oder die hohe Breitenwirkung der 1933 realisierten Dresdner Ausstellung „Entartete Kunst“ gar nicht erwähnt. Sie ging mit den Werken der Künstlervereinigungen „Die Brücke“, „Dresdner Sezession Gruppe 1919“ und „Asso“ aufgrund eines „Führerauftrags“ auf eine mehrjährige Tournee, war die Grundlage zur Erstellung der „Schwarzen Listen“ und bildete den Grundstock für die gleichnamige spätere Münchner Schau.
Es bleibt die Hoffnung, dass die vor Ort forschenden Wissenschaftler und Institutionen endlich ein umfassendes Fachbuch zum Thema heraus bringen. Trotzdem ist der gut lesbare Reiseführer durchaus zu empfehlen, vor allem den Leuten, die immer noch an ein bis zur Zerstörung im Februar 1945 Nazi-freies Dresden glauben.
Fakten
Autor / Herausgeber Hartmut Ellrich
Verlag Christoph Links Verlag, Berlin
Zum Verlag
aus Bauwelt 03.2010

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