Ideen für „das große Nichts“

Warschau sucht nach Konzepten für den Zen­tralplatz zu Füßen des Kulturpalastes. Die fünf gleichrangigen Preise waren weniger Kapitulation der Jury als Programm.

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

    1. Preis: Antoni Domicz will mit Wasser und Dampf auf dem Platz nicht nur eine Vielfalt von Atmosphären erzeugen, sondern auch das lokale Mikroklima verbessern.
    Abb.: Architekten

    1. Preis: Antoni Domicz will mit Wasser und Dampf auf dem Platz nicht nur eine Vielfalt von Atmosphären erzeugen, sondern auch das lokale Mikroklima verbessern.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

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    1. Preis: ARGE Katarzyna Strzelecka-Paciorek, Jerzy Heymer, Jan Heymer, Paweł Paciorek stellen die Monumentalität des Platzes in Frage und gliedern ihn neu.
    Abb.: Architekten

    1. Preis: ARGE Katarzyna Strzelecka-Paciorek, Jerzy Heymer, Jan Heymer, Paweł Paciorek stellen die Monumentalität des Platzes in Frage und gliedern ihn neu.

    Abb.: Architekten

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    1. Preis: Jakub Figel und Filip Kurasz’ konkave Vertiefung und die verstreut angeordneten Bäume bilden ein natürliches Auditorium.
    Abb.: Architekten

    1. Preis: Jakub Figel und Filip Kurasz’ konkave Vertiefung und die verstreut angeordneten Bäume bilden ein natürliches Auditorium.

    Abb.: Architekten

    1. Preis: Marta Dąbrowska und Anna Okoń teilen den Platz in unterschiedliche hohe Zonen ein und beleuchten ihn von unten.
    Abb.: Architekten

    1. Preis: Marta Dąbrowska und Anna Okoń teilen den Platz in unterschiedliche hohe Zonen ein und beleuchten ihn von unten.

    Abb.: Architekten

    1. Preis: ARGE Zygmunt Borawski, Srdjan Zlokapa, Martin Marker Larsen reflektieren mit ihrem Entwurf das frühere Wegenetz.
    Abb.: Architekten

    1. Preis: ARGE Zygmunt Borawski, Srdjan Zlokapa, Martin Marker Larsen reflektieren mit ihrem Entwurf das frühere Wegenetz.

    Abb.: Architekten

Ideen für „das große Nichts“

Warschau sucht nach Konzepten für den Zen­tralplatz zu Füßen des Kulturpalastes. Die fünf gleichrangigen Preise waren weniger Kapitulation der Jury als Programm.

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Neuerdings wird das rekonstruierte Königsschloss als heiligster Symbolort Warschaus präsentiert – sowohl geografisch wie auch als po­litischer Ort muss das Areal rings um den Kulturpalast als das eigentliche Herz der polnischen Metropole gelten. Der Defilad-Platz (Parade-Platz) umfasst die östliche Hälfte jener zehn Hektar, auf denen 1952–1955 Lew Rudnews Kulturpalast errichtet worden war. Dessen gravitätische Portalfront gab die Kulisse für Staatsparaden und Feste, ansonsten parkten hier Autos. Unter Warschauern ist das 230 Meter hohe „Geschenk des sowjetischen an das polnische Volk“ denkbar unbeliebt, viele hätten es als Machtgeste fremder Herrschaft nach der politischen Wende am liebsten abgerissen. Abhilfe sollte 1991 ein internationaler Wettbewerb schaffen, dessen Jury (angeführt von Rob Krier) allerdings einen Entwurf kürte, der das Achsensystem des gigantischen Stadtbausteins in alle Richtungen verlängerte und so die Solitärwirkung des Turmbaus unübersehbar fortschrieb. Energischer Widerspruch polnischer Architekten setzte eine andere Option durch: Wenn schon kein Abriss, dann wenigstens Neutralisierung durch ähnlich hohe Nachbarbauten! Während also Planer und Politiker jahrelang um einen Kranz von Wolkenkratzern stritten, wurde unten die funktionslos gewor­de­ne Aufmarschfläche von exzessiver Marktwirtschaft geflutet: Bis zu 600 Händlerstände verwuselten sich zu einem der größten Basare Osteuropas, deren provisorische Genehmigung regelmäßig verlängert wurde und die erst 2009 gegen gewaltsamen Widerstand der Händler und ihrer Kunden abgeräumt wurden.
Mit dem Bau einer Metro-Citylinie, den Plänen für ein Kunstmuseum (Bauwelt 11/2007), ein Mu­sical-Theater sowie eine mehrgeschossige Tiefgarage steht nun der inzwischen arg vernachlässigten Fläche ein fundamentaler Wandel bevor. Unter dem Arbeitstitel Plac Centralny soll aus „dem großen Nichts“ (zit. Ausschreibungstext) zwischen den geplanten Neubauten eine lebendige Agora entwickelt werden. Man hofft auf eine Platzfigur, die die Übergänge zwischen dem kolossalen Baudenkmal und seiner engeren Umgebung klärt. Gesucht sind soziale Spielfläche und ideologische Raumgesten gleichermaßen.
Ohne diese Vorgeschichte lässt sich der im vorigen Sommer anberaumte Wettbewerb kaum interpretieren. Schon seine regelabweichende Konstruktion fällt auf: Weil eine Bürgerinitiative namens „Die Stadt gehört uns!“ vehement Mitsprache gefordert hatte, wurde die Ideensuche von der Stadtregierung als Prozess in mehreren Phasen angelegt. Die jetzige erste Stufe galt allein der Findung einer „Bestenliste“, an der sich dann die breite öffentliche Debatte entzünden soll. Deren Stimmungen, Wertungen und Argumente sollen gemeinsam mit den Juryurteilen in abschließende Verhandlungen mit den eventuell zu beauftragenden Büros einfließen.
Solch vage Zielvorgabe macht das Votum der hochkarätigen Jury verständlich: Die war an keiner, notfalls über Kompromisse auszuhandelnden, Meisterlösung interessiert, vielmehr an einem möglichst weiten Spektrum der Optionen. Gleichrangigkeit der schließlich nominierten fünf Entwürfe bedeutete also keine Kapitulation entscheidungsschwacher Preisrichter, sondern war Programm. Es ging um Typologien stadträumlichen Handelns – in letzter Konsequenz um Alternativen für den Umgang mit einem Baudenkmal, dessen geschichtspolitische Umstrittenheit aus Regierungskreisen gerade neu angefacht wird.
Mit dem Relikt einer überwundenen Epoche seinen Frieden machen oder gerade an den funktionalen Schnittstellen die Distanz betonen? Die jetzige „Shortlist“ reicht von der modisch mit Wasserspiegeln ästhetisierten und damit entpolitisierten Allerweltsfläche von Antoni Domicz über die Ironisierung der historischen Achsen durch „Paraden“ ebenso axialer, aber eben naturhaft sprießender Bäume der Danzinger Jakub Figel und Filip Kurasz, bis zur klaren Niveautrennung zwischen „aufgesockeltem“ Baudenkmal und profaner Alltagsnutzung zu ebener Erde des Entwurfs von Marta Dąbrowska und Anna Okoń . Deutlichere Eingriffe in das überlieferte Hierarchiegefüge zeigt, die Arbeit der ARGE aus Katarzyna Strzelecka-Paciorek, Jerzy Heymer, Jan Heymer und Paweł Paciorek, die den herrischen Blickstrahl vom Palastportal in die gegenüberliegende Złota-Straße einschnürt und durch asymmetrische Baumgruppen konterkariert. Gänzlich unterlaufen wird die monumentale Aura des Ortes von der provokanten Landschaftlichkeit, mit der im Straßenraster der Vorkriegszeit sich Flecken struppiger Vegetation zwischen die stalinistische Triumphkulisse und den Glitzerprunk der neureichen Warschauer City fläzen – der Beitrag der Baseler Zygmunt Borawski, Srdjan Zlokapa, Martin Marker Larsen.
Für einen schlichten Meinungsbildungsprozess war das internationale Wettbewerbsverfahren äußerst ambitioniert; es mag als ein weiterer Beleg dafür dienen, dass in Warschau das Thema „Kulturpalast“ nicht einfach im Vorbeigehen vom Tisch zu wischen ist.
Offener Ideenwettbewerb
1. Preis Antoni Domicz, Oppeln
1. Preis ARGE Katarzyna Strzelecka-Paciorek, Jerzy Heymer, Jan Heymer, Paweł Paciorek, Warschau
1. Preis ARGE Jakub Figel, Filip Kurasz, Danzig
1. Preis ARGE Marta Dąbrowska, Anna Okoń, Breslau
1. Preis ARGE Zygmunt Borawski, Srdjan Zlokapa, Martin Marker Larsen, Basel
Juryvorsitz
Marlena Happach (Stadtbaudirektorin Warschau)
Ausloberin
Stadt Warschau

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