WerkBundStadt Berlin: Fortschritt durch Rückgriff

Auf einem ehemaligen Öltanklager im Berliner Westen will der Werkbund beispielhafte Wohnformen der Zukunft realisieren. Die WerkBundStadt bricht dabei mit großen Vorgängern und versucht, Traditionalisten und Modernisten in einem kollektiven Entwurfsverfahren zu einen.

Text: Thein, Florian, Berlin

    Vor einem halben Jahr einigten sich 33 vom Werkbund handverlesene Architekturbüros auf das städtebauliche Konzept der sogenannten WerkBundStadt, einem dichten Quartier, das in Berlin-Charlottenburg entstehen soll.
    Modell 1:200, Blick von der Quedlinburger Straße, Foto: Stefan Müller

    Vor einem halben Jahr einigten sich 33 vom Werkbund handverlesene Architekturbüros auf das städtebauliche Konzept der sogenannten WerkBundStadt, einem dichten Quartier, das in Berlin-Charlottenburg entstehen soll.

    Modell 1:200, Blick von der Quedlinburger Straße, Foto: Stefan Müller

    Derzeit befindet sich an der Quedlinburger Straße, wo die WerkBundStadt entstehen soll, noch ein Tanköllager
    Foto: WerkBundStadt Berlin

    Derzeit befindet sich an der Quedlinburger Straße, wo die WerkBundStadt entstehen soll, noch ein Tanköllager

    Foto: WerkBundStadt Berlin

    Die Skizze zu dem - von allen beteiligten Architekturbüros gemeinschaftlich entwickelten - städtebaulichen Konzept
    Foto: WerkBundStadt Berlin

    Die Skizze zu dem - von allen beteiligten Architekturbüros gemeinschaftlich entwickelten - städtebaulichen Konzept

    Foto: WerkBundStadt Berlin

    Der städtebauliche Rahmen wurde in 39 Parzellen unterteilt, von denen jeweils drei von einem Büro (teils auch in Partnerschaft) beplant wurden. In einem abschließenden Verfahren wurde aus den Vorschlägen für jede Parzelle ein Entwurf ausgewählt.
    Grafik: Florian Thein

    Der städtebauliche Rahmen wurde in 39 Parzellen unterteilt, von denen jeweils drei von einem Büro (teils auch in Partnerschaft) beplant wurden. In einem abschließenden Verfahren wurde aus den Vorschlägen für jede Parzelle ein Entwurf ausgewählt.

    Grafik: Florian Thein

    Parzelle 1: Hans van der Heijden Architect
    Abb.: Architekten

    Parzelle 1: Hans van der Heijden Architect

    Abb.: Architekten

    Parzelle 2: Schulz und Schulz Architekten mit bayer / uhrig Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 2: Schulz und Schulz Architekten mit bayer / uhrig Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 3: schneider + schumacher
    Abb.: Architekten

    Parzelle 3: schneider + schumacher

    Abb.: Architekten

    Parzelle 4: Heide & von Beckerath
    Abb.: Architekten

    Parzelle 4: Heide & von Beckerath

    Abb.: Architekten

    nps tchoban voss
    Abb.: Architekten

    nps tchoban voss

    Abb.: Architekten

    Parzelle 6: Christoph Mäckler Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 6: Christoph Mäckler Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 7: Patzschke Planungsgesellschaft
    Abb.: Architekten

    Parzelle 7: Patzschke Planungsgesellschaft

    Abb.: Architekten

    Parzelle 8: Office Winhov
    Abb.: Architekten

    Parzelle 8: Office Winhov

    Abb.: Architekten

    Parzelle 9: E2A
    Abb.: Architekten

    Parzelle 9: E2A

    Abb.: Architekten

    Parzelle 10: Nöfer Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 10: Nöfer Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 11: Thomas Kröger
    Abb.: Architekten

    Parzelle 11: Thomas Kröger

    Abb.: Architekten

    Parzelle 12: Petra und Paul Kahlfeldt Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 12: Petra und Paul Kahlfeldt Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 13: Modersohn & Freiesleben
    Abb.: Architekten

    Parzelle 13: Modersohn & Freiesleben

    Abb.: Architekten

    Parzelle 14: ingenhoven architects
    Abb.: Architekten

    Parzelle 14: ingenhoven architects

    Abb.: Architekten

    Parzelle 15: Dierks Sachs Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 15: Dierks Sachs Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 16: Bayer & Strobel Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 16: Bayer & Strobel Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 17: Uwe Schröder Architekt
    Abb.: Architekten

    Parzelle 17: Uwe Schröder Architekt

    Abb.: Architekten

    Parzelle 18: Studio di Architettura Lampugnani
    Abb.: Architekten

    Parzelle 18: Studio di Architettura Lampugnani

    Abb.: Architekten

    Parzelle 19: Rapp+Rapp
    Abb.: Architekten

    Parzelle 19: Rapp+Rapp

    Abb.: Architekten

    Parzelle 20: Klaus Theo Brenner
    Abb.: Architekten

    Parzelle 20: Klaus Theo Brenner

    Abb.: Architekten

    Parzelle 21: Kleihues+Kleihues
    Abb.: Architekten

    Parzelle 21: Kleihues+Kleihues

    Abb.: Architekten

    Parzelle 22: Weinmiller Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 22: Weinmiller Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 23: jessenvollenweider
    Abb.: Architekten

    Parzelle 23: jessenvollenweider

    Abb.: Architekten

    Parzelle 24: Staab Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 24: Staab Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 25: Prof. Hans Kollhoff Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 25: Prof. Hans Kollhoff Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 26: RKW Architektur und Städtebau
    Abb.: Architekten

    Parzelle 26: RKW Architektur und Städtebau

    Abb.: Architekten

    Parzelle 27: Klaus Theo Brenner
    Abb.: Architekten

    Parzelle 27: Klaus Theo Brenner

    Abb.: Architekten

    Parzelle 28: nicht zugewiesen

    Parzelle 28: nicht zugewiesen

    Parzelle 29: nicht zugewiesen

    Parzelle 29: nicht zugewiesen

    Parzelle 30: RKW Architektur und Städtebau
    Abb.: Architekten

    Parzelle 30: RKW Architektur und Städtebau

    Abb.: Architekten

    Parzelle 31: Brandlhuber+ mit June14
    Abb.: Architekten

    Parzelle 31: Brandlhuber+ mit June14

    Abb.: Architekten

    Parzelle 32: Lederer Ragnarsdottir Oei
    Abb.: Architekten

    Parzelle 32: Lederer Ragnarsdottir Oei

    Abb.: Architekten

    Parzelle 33: Weinmiller Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 33: Weinmiller Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 34: Caruso St John Architects
    Abb.: Architekten

    Parzelle 34: Caruso St John Architects

    Abb.: Architekten

    Parzelle 35: Petra und Paul Kahlfeldt Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 35: Petra und Paul Kahlfeldt Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 36: Max Dudler, wünscht keine Veröffentlichung des Entwurfs
    Abb.: Architekten

    Parzelle 36: Max Dudler, wünscht keine Veröffentlichung des Entwurfs

    Abb.: Architekten

    Parzelle 37: Bernd Albers Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 37: Bernd Albers Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 38: Cramer Neumann Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 38: Cramer Neumann Architekten

    Abb.: Architekten

    Parzelle 39: Hild und K Architekten
    Abb.: Architekten

    Parzelle 39: Hild und K Architekten

    Abb.: Architekten

Ausgeschiedene Entwürfe
Foto: Florian Thein

Ausgeschiedene Entwürfe

Foto: Florian Thein


WerkBundStadt Berlin: Fortschritt durch Rückgriff

Auf einem ehemaligen Öltanklager im Berliner Westen will der Werkbund beispielhafte Wohnformen der Zukunft realisieren. Die WerkBundStadt bricht dabei mit großen Vorgängern und versucht, Traditionalisten und Modernisten in einem kollektiven Entwurfsverfahren zu einen.

Text: Thein, Florian, Berlin

Schon der Name WerkBundStadt macht deutlich, dass eine (Weissenhof-) Siedlung oder auch der „Würfelhusten auf der grünen Wiese“, so Werkbund-Bundesvorstand und Mitinitiator Paul Kahlfeldt, als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird. Stattdessen soll an der Quedlinburger Straße in Charlottenburg ein „dichtes, urbanes Quartier zum Wohnen, Leben und Arbeiten“ entstehen. Den von 17 Architekten geplanten 63 Wohnungen der Stuttgarter Weissenhofsiedlung (1927) stehen im direkten Vergleich 1100 Wohnungen gegenüber, geplant von 33 Architekten – bei nahezu gleicher Grundstücksgröße.
Wie genau die Auswahl jener 33 an der Planung beteiligten Büros erfolgte, die „die gegenwärtige Baukultur jenseits ästhetischer Tendenzen oder stilistischer Kriterien repräsentieren“, bleibt diffus. Einigen mag man eine eher historisierende, anderen eine eher progressive Handschrift zuordnen, aber derlei Lagerdenken scheint passé zu sein. In diskursiver Konsensbildung wurde gemeinschaftlich erörtert „wie wir wohnen wollen“.
In einem Werkstattverfahren kochten die handverlesenen Architekten zusammen am städtebaulichen Konzept für das derzeit noch mit zehn Öltanks bebaute Grundstück in Spreelage. Schlussendlich einigte man sich auf ein stark an der europäischen Stadt vor Neunzehnhundert orientiertes Rezept: fünf kleinere Blöcke, eine lange Reihe, ein zentraler Platz, verbunden durch schmale Straßen (Parken unerwünscht). Gewürzt wird das Gemeinschaftswerk durch die individuellen Entwürfe der Beteiligten für die jeweils mehreren Büros zugelosten Parzellen. Als es abschließend darum ging, aus 114 entstandenen Vorschlägen die zur Umsetzung bestimmten 39 Favoriten festzulegen, stieß man an die Grenzen einer diskursiven Einigung. Auch wenn man dem bisher beispiellosen Prozess einen großen Erfolg in der Konsensfindung attestieren muss, gelang eine Auswahl letztlich nur „durch Setzung seitens der Projektleiter“. Berücksichtigung fand dabei auch, dass kein teilnehmendes Büro leer ausging.

Vereint unter dem Backsteinmantel

Das beeindruckende Holzmodell des Quartiers, in dem die finalen Entwürfe präsentiert werden, offenbart eine erwartungsgemäß große Vielfalt. Der zweite Blick lässt jedoch eine Schnittmenge erkennen, die den expressiven Individualismus eint. Knappe zwei Drittel der Entwürfe weisen starke historische Anleihen auf, die zwischen Chicago School, Heimatschutzstil und postmoderner Ironie changieren. Die Zukunft des Wohnens wirkt bisweilen verdächtig alt.
Auch wenn die WerkBundStadt deutlich näher an den Siedlungen der Werkbund-Gründungszeit als an der antibürgerlichen Moderne der 1920er Jahre orientiert scheint, nehmen nicht alle Entwürfe historischen Bezug. Einige Nichttraditionalisten bleiben ihrer Haltung strukturell und formal treu, was am deutlichsten bei Ingenhoven, schneider+schumacher und Brandlhuber zu Tage tritt. Allzu gravierende optische Ausfälle wurden jedoch durch ein ebenfalls im Vorfeld beschlossenes Regelwerk verhindert. So muss jedes Haus in Backstein ausgeführt und „die konstituierenden architektonischen Elemente Sockel, Eingang, Fassade und Dach“ thematisiert werden. Leider stellt die Zwangsverziegelung nicht immer einen Zugewinn dar – so ist Ingenhovens begrüntes Quadratraster mit auskragenden Glaskuben in, nun ja, grünen Ziegeln ausgeführt und Brandlhubers aus vorangegangenen Projekten bekannte außenliegende Erschließung durch ein halbdurchlässiges, ornamentales Ziegelstrick verschleiert. Den materialgerechten Umgang mit Klinker leisten die Ziegelarchitekten dann doch überzeugender.
Begründet wird das Backsteinbekenntnis mit dem Genius Loci – Berlin sei nun mal Ziegelstadt, so Paul Kahlfeldt. Ob die sichtbare Ziegelfassade in Berlin tatsächlich eine solch stadtbildprägende Dominanz hat, mag man zögerlich hinterfragen. Dass der Genius Loci sich jedoch allein aus der den Ort umgebenden Materialität speist, greift zu kurz. Die noch vorhandene Industriearchitektur bietet genügend Anknüpfungspunkte zur interpretativen Spurensicherung. Mit der städtebaulichen Tabula Rasa wurde diese Chance leider vergeben. Einzig das noch vorhandene Wohnhaus an der Quedlinburger Strasse von 1910 wird erhalten, was wohl nicht zuletzt an der stilistischen Nähe zum zukünftigen Quartier liegen mag.

Wohnformen der Zukunft?

Die Abkehr von der suburbanen Siedlung seitens des Werkbundes ist nicht neu. Neu ist der strukturelle wie stilistische Rückgriff auf eine Zeit vor der Werkbundsiedlung. Die Negierung vorangegangener Konzepte gleicht einem systemischen Neustart. Die WerkBundStadt drängt nach den gescheiterten Anläufen in Neuss und München auf Realisierung. Mit der Kombination von Bekanntem bietet sie deutlich weniger Angriffsfläche für Stadträte als Kazunari Sakamotos Konzept für die letztlich gestoppte – ebenfalls innerstädtische – Münchner Werkbundsiedlung von 2007. Die WerkBundStadt will unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein Stück Stadt schaffen, nicht visionär, aber solide, und einem selbstbestimmten, recht konservativen Qualitätsanspruch genügend. Wie eine solche Positionierung in Zeiten der Internationalisierung, enormer Migrationsbewegungen, kultureller Diversität und Durchmischung zu deuten ist, bleibt da eher Randnotiz. Definitiv bescheinigen muss man ein hohes Vermarktungspotential. Das Konzept der käuflichen Stilsicherheit durch Altbewährtes und damit einhergehender Identitätsbildung geht in der Automobilbranche seit langem auf. Neuauflagen von Klassikern wie Käfer, Mini und Fiat 500 bedienen bürgerliche Sehnsüchte und garantieren hohen Absatz.
Ein zeitnaher Baubeginn der WerkBundStadt ist jedoch nicht zuletzt aufgrund der „an bezahlbarem Wohnraum orientierten“ Wohnungen zu begrüßen. Angestrebt sind 30% – so sie denn ins Konzept der zukünftigen Bauherren passen. Auch von politischer Seite besteht Wille zur Umsetzung, wie der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Marc Schulte betont – nicht zuletzt auch um unliebsame Rotlicht-Einrichtungen wie „Heidis Kuschelecke“ endlich aus solch hervorragender Citylage zu verbannen.

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