Valser Kapriolen

Die Ankündigung, Thom Mayne werde einen 380 Meter hohen Turm neben dem Hotel Therme Vals bauen, hat Wellen geschlagen. Wird das beschauliche Baden für Normalsterbliche bald ein Ende haben? Eine Rekonstruktion der Ereignisse

Text: Züger, Roland, Zürich

Thom Maynes Entwurf für ein Hotel im Schweizer Bergort Vals
Foto: Courtesy of Morphosis Architects

Thom Maynes Entwurf für ein Hotel im Schweizer Bergort Vals

Foto: Courtesy of Morphosis Architects


Valser Kapriolen

Die Ankündigung, Thom Mayne werde einen 380 Meter hohen Turm neben dem Hotel Therme Vals bauen, hat Wellen geschlagen. Wird das beschauliche Baden für Normalsterbliche bald ein Ende haben? Eine Rekonstruktion der Ereignisse

Text: Züger, Roland, Zürich

Nichts Besseres war früher vorstellbar, als nach einer strapaziösen Wettbewerbsabgabe oder einer Investorenpräsentation ins verbindlich warme Nass der Therme Vals zu tauchen und im Nebel von Außenbad oder Kräutersauna Zweifel und Mühsal des Architektenalltags zu entfliehen. Den grandiosen Erfolg von Peter Zumthors Meisterwerk sollte 1998 die Erklärung des Bades zum Denkmal auf Dauer sichern, und das nur zwei Jahre nach dessen Eröffnung. Was sollte das Wasser da noch trüben?

Besuch der alten Dame?

Seit 2012 ticken die Uhren in Vals jedoch anders. Auf der Suche nach Kapital hat die Gemeinde Vals im März 2012 die Therme samt Hotel an den neureichen, in Vals geborenen Investor Remo Stoffel verkauft. Auf einer denkwürdigen Gemeindeversammlung setzte er sich gegen eine Bietergemeinschaft rund um Peter Zumthor und damit gegen die Empfehlung des Gemeinderats durch. Sein Versprechen, neben dem Kaufpreis von 7,8 Millionen Schweizer Franken weitere fünfzig in die Renovierung der bestehenden Hotelanlage und für neue Betten zu investieren hatte die Valser überzeugt. Sein Versprechen, der Valser Jugend eine Mehrzweckhalle zu bauen und zur Hälfte zu finanzieren, wird von vielen gar als entscheidender Coup gewertet. Ein Schelm, wer dabei an den „Besuch der Alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt denkt. Doch der Verkauf ist immerhin ein Entscheid der Valser Bürger, wenngleich ein bedauerlicher.

Einer von Ünsch

Nun, wer ist Remo Stoffel? Der Achtundreißigjährige ist beileibe keine alte Dame, wenngleich sein größter Trumpf im Abstimmungskampf sein Vertrauensbonus als Einheimischer war. Der gelernte Bankkaufmann versicherte noch in der Versammlungsnacht: „Ich bin nach Vals zurückgekommen, ich will hier investieren und ich werde bleiben.“ Das Fundament seines Reichtums hat Stoffel vor zehn Jahren mit der äußerst preiswerten Übernahme der Immobilienfirma Avireal aus der Konkursmasse der abgestürzten Swissair gelegt. Deren Wertsteigerungen befeuern die Umtriebigkeit seiner Immobilienfirma Priora mit heute 650 Mitarbeitenden. Momentan interessiert sich auch die Eidgenössische Steuerverwaltung für die Firma: Es geht um Steuernachforderungen von 150 Millionen Franken. Stoffel will in Vals hoch hinaus; er kündigte eine Luxus-Strategie an. Der Tourismus sei tot, die Angebote seien zu billig und wenig auskömmlich für die Einheimischen, erklärte er. Vals soll wertiger werden. Mittlerweile freut sich Tadao Ando über einen Direktauftrag für einen Park zu Füßen der Therme im Talboden. Diesen Juli soll rund ein Dutzend renovierte Räume im Hotel als „hochwertige Pilgerzimmer“, gestaltet von Kengo Kuma, dem Betrieb übergeben werden.
Jüngster Höhepunkt der Luxus-Strategie ist die Erklärung vom 4. Februar, dass der amerikanische Architekt Thom Mayne mit seinem Studio Morphosis Gewinner des Studienauftrags zum Hotel geworden sei. Drei Tage darauf meldete sich die Jury (Fachjuroren u.a. Louisa Hutton, Vittorio Magnago Lampugnani, Daniel Niggli) zu Wort. Sie erklärten, dass beim Verfahren gar kein Sieger gekürt wurde, sondern dass das Morphosis-Projekt in gewichtigen Punkten Fragezeichen aufweise. Entsprechend distanziert sich die Jury von der Wahl des Projekts.

Höchstes Haus Europas

Seit 25. März sind nun die Bilder zum Entwurf bekannt: Mayne hat einen spiegelverglasten Pencil-Tower, wie man ihn heute in den Schluchten Manhattans sieht, in den Steinhang gerückt: 381 Meter Höhe, 82 Geschosse, 107 Zimmer. Die Grundrisse auf 18 x 31 Metern zählen zuunterst vier, darüber zwei und schließlich nur ein Zimmer. Die Baukosten von 300 Millionen will der Investor aus eigenen Mitteln finanzieren. Noch gibt es weder einen detaillierten Businessplan noch kalkulierte Auslastungsziffern.
Doch macht der Turm Sinn? Vals verfügt über eine bescheidene Ski-Infrastruktur, keine Luxusläden wie Gstaad, keine Bahnanbindung, keinen Flughafen wie St. Moritz im Engadin und auch keine Panoramaaussicht, wie man sie aus dem Herzog-&-de-Meuron-Turm auf der Schatzalp von Davos genießen würde. Steile Bergflanken verdecken in Vals die Sicht auf die umliegenden Gipfel. Es sind die intakte Landschaft und der authentische Charakter des Bergdorfs, die bislang das moralische Kapital des Ortes ausmachten – und nicht zuletzt dem Thermenbau von Zumthor Glaubwürdigkeit verliehen. In Zukunft sollen Gäste den Turm mit Helikoptern besuchen. St. Moritz sei so in zwanzig Minuten erreichbar, Lugano in dreißig, träumt Stoffel. Warum also die Leute vor Ort unnötig behelligen?
Voraussichtlich gegen Ende dieses Jahres werden die Valser Stimmbürger also erneut über eine große Idee für ihr Tal befinden müssen. Es sei erinnert: 2004 hatten die Davoser den Turm von Herzog & de Meuron gutgeheißen – mit seinen 105 Metern geradezu bescheiden. Übersteht Maynes Valser Turmnadel den stürmischen Herbst, läge es am Regierungsrat des Kantons Graubünden, in letzter Instanz zur Vernunft zurückzufinden.

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