Unbuilding Walls

Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Büro Graft und Marianne Birthler, ehemals Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sind die Kuratoren des Deutschen Pavillons auf der diesjährigen Architekturbiennale. Zusammen mit Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, sprachen wir mit ihnen darüber, was sie in Venedig planen – und über den Stand der Einheit 28 Jahre nach dem Mauerfall.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

    Ehemaliger Grenzstreifen in der Bernauer Straße an der Gedenkstätte Berliner Mauer
    Foto: Klemens Ortmeyer

    Ehemaliger Grenzstreifen in der Bernauer Straße an der Gedenkstätte Berliner Mauer

    Foto: Klemens Ortmeyer

    Von links: Thomas Willemeit, Lars Krückeberg, Marianne Birthler, ...
    Foto: Jasmin Schuller

    Von links: Thomas Willemeit, Lars Krückeberg, Marianne Birthler, ...

    Foto: Jasmin Schuller

    ... Thomas Krüger, ...
    Foto: Jasmin Schuller

    ... Thomas Krüger, ...

    Foto: Jasmin Schuller

    ... Wolfram Putz, Jan Friedrich und Boris Schade-Bünsow.
    Foto: Jasmin Schuller

    ... Wolfram Putz, Jan Friedrich und Boris Schade-Bünsow.

    Foto: Jasmin Schuller

    Die Mauer war ­eine massive Verletzung der Stadtgesellschaft, da ist eine Wunde entstanden. In diesem Sinne lassen sich die zurückliegenden 28 Jahre auch als ­Heilungsprozess verstehen. Marianne Birthler
    Foto: Jasmin Schuller

    Die Mauer war ­eine massive Verletzung der Stadtgesellschaft, da ist eine Wunde entstanden. In diesem Sinne lassen sich die zurückliegenden 28 Jahre auch als ­Heilungsprozess verstehen. Marianne Birthler

    Foto: Jasmin Schuller

    Wenn man eine Mauer in einer Stadt zum Verschwinden bringt, bedeutet das nicht, dass man auch den Code dieser Mauer zum Verschwinden bringt. Thomas Krüger
    Foto: Jasmin Schuller

    Wenn man eine Mauer in einer Stadt zum Verschwinden bringt, bedeutet das nicht, dass man auch den Code dieser Mauer zum Verschwinden bringt. Thomas Krüger

    Foto: Jasmin Schuller

    Bauwelt-Chefredakteur ­Boris Schade-Bünsow (links), Bauwelt-Redakteur Jan Friedrich
    Foto: Jasmin Schuller

    Bauwelt-Chefredakteur ­Boris Schade-Bünsow (links), Bauwelt-Redakteur Jan Friedrich

    Foto: Jasmin Schuller

    Ist der Prozess der Wiedervereinigung abgeschlossen? Nein. Zöge man Bilanz, würde ich sagen: Es gibt gute Noten, aber es ist Luft nach oben. Lars Krückeberg
    Foto: Jasmin Schuller

    Ist der Prozess der Wiedervereinigung abgeschlossen? Nein. Zöge man Bilanz, würde ich sagen: Es gibt gute Noten, aber es ist Luft nach oben. Lars Krückeberg

    Foto: Jasmin Schuller

    Als authentisch gelten heute die ephemeren Orte entlang der Mauer, die mit den Mitteln der Improvisation das Potenzial von Freiheit fortleben lassen. Wolfram Putz
    Foto: Jasmin Schuller

    Als authentisch gelten heute die ephemeren Orte entlang der Mauer, die mit den Mitteln der Improvisation das Potenzial von Freiheit fortleben lassen. Wolfram Putz

    Foto: Jasmin Schuller

    Schaut man sich den Status quo auf dem Mauerstreifen an, wird die ganze Heterogenität der gesellschaftlichen Debatten seit 1989 ersichtlich. Thomas Willemeit
    Foto: Jasmin Schuller

    Schaut man sich den Status quo auf dem Mauerstreifen an, wird die ganze Heterogenität der gesellschaftlichen Debatten seit 1989 ersichtlich. Thomas Willemeit

    Foto: Jasmin Schuller

Unbuilding Walls

Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Büro Graft und Marianne Birthler, ehemals Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sind die Kuratoren des Deutschen Pavillons auf der diesjährigen Architekturbiennale. Zusammen mit Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, sprachen wir mit ihnen darüber, was sie in Venedig planen – und über den Stand der Einheit 28 Jahre nach dem Mauerfall.

Text: Schade-Bünsow, Boris, Berlin; Friedrich, Jan, Berlin

Sie beziehen sich mit Ihrem Beitrag für den Deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig auf das Spiegeldatum 5. Februar 2018, jenen Tag, an dem die Berliner Mauer genauso lange wieder weg ist, wie sie stand – nämlich 28 Jahre und fast drei Monate. Was reizt Sie an diesem Datum im Zusammenhang mit einer Architekturausstellung?
Lars Krückeberg
Es ist interessant, dass wir das Gespräch hier mit Blick auf den Checkpoint Charlie führen*, mit dem wir uns als Architekturbüro schon seit einigen Jahren beschäftigen. Wir bauen in direkter Nähe einen großen Wohnkomplex. Der Checkpoint Charlie ist einer der letzten großen extrem aufgeladenen Orte am ehemaligen Grenzstreifen, die noch nicht bebaut sind. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Grundstücks sind wir bereits vor längerer Zeit auf den Spiegelmoment des 5. Februar aufmerksam geworden.
Dieses Datum, an dem die Mauer so lange verschwunden ist, wie sie existierte, wollen wir nicht bloß zum Anlass nehmen, uns mit der Grenze und dem Todesstreifen zu beschäftigen. Sondern auch um zu schauen: Wie ist die Stadt, wie ist das Land wieder zusammengewachsen? Welche städtebaulichen Maßnahmen und Strategien gab es dazu? Wie haben diese sich über die Jahre verändert, wie haben sich die Menschen und ihre Haltung verändert? Ist es gelungen, diese Teilung zu überwinden, oder noch nicht? Wo stehen wir eigentlich? Das ist ein sehr deutsches Thema, mit einer starken städtebaulichen und gesellschaftspolitischen Dimension. Es erschien uns sinnvoll, das jetzt auf der Biennale zu zeigen – in einer Zeit, in der allerorten wieder Mauern gebaut werden.
Als Graft und Marianne Birthler als Kuratorenteam des Deutschen Pavillons bekannt gegeben wurden, war die Konstellation eine ziemliche Überraschung. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?
Marianne Birthler
Thomas Willemeit und ich kennen uns schon lange. So kam die Verbindung zu Graft zustande. Ich habe unser erstes Treffen für ein Beratungsgespräch gehalten – und dann war ich plötzlich mit von der Partie. Jetzt bin ich sehr froh darüber.
Thomas Willemeit
Uns interessiert als Architekten, wofür Architektur in ihrem Ausdruck steht. Was verrät sie über unsere Gesellschaft, über Rituale des Zusammenlebens? Hinter den architektonischen Aspekten, die wir mit unserem Biennale-Beitrag näher beleuchten wollen, steht eben auch eine menschliche Dimension. Mauern beginnen in den Köpfen und werden dort auch abgebaut. Für uns war klar: Wir brauchen jemanden im Team, der einen anderen Erfahrungshintergrund hat. Mit Marianne Birthler – die mehr als zehn Jahre lang die Stasi-Unterlagen-Behörde geleitet hat, sich intensiv mit dem Abbau von Mauern, Fragen nach Transparenz und Aufarbeitung beschäftigt hat – haben wir jemanden an Bord, der die Zeit rund um den Mauerfall aktiv mitgestaltet hat. Eine unschätzbare Erfahrung, ohne die man dieses Thema gar nicht behandeln kann.
Marianne Birthler
Ich finde unsere Konstellation nicht so erstaunlich. Gute Arbeit – das weiß ich aus der Politik – setzt immer voraus, interdisziplinär zu agieren und nicht nur innerhalb der eigenen Zunft. Das gilt doch aber auch für Architekten, deren Beruf eine starke gesellschaftliche Dimension hat! Für mich jedenfalls ist diese Zusammenarbeit sehr fruchtbar – und umgekehrt ist das, wie ich hoffe, auch so.
„Unbuilding Walls“ nennen Sie Ihren Biennale-Beitrag. Mit „unbuilding“ haben Sie eine Art englisches Kunstwort gewählt – und nicht etwa „Tear down this wall!“ verwendet, wozu Ronald Reagan im Mai 1987 Michail Gorbatschow in seiner berühmten Rede vor dem Brandenburger Tor aufgefordert hat. Was genau verbirgt sich hinter Ihrem Titel?
Wolfram Putz
Wir möchten damit zunächst einmal ausdrücken, dass unsere Ausstellung mit dem 10. November 1989 beginnt – und nicht vorher. Wir befassen uns im Pavillon nicht noch einmal mit der Mauer, der Teilung und den konkurrierenden Systemen. Sondern wir schauen uns an, wie die wiedervereinigte Republik in verschiedenen Phasen ihre Geschichte baulich bewältigt hat. Das ist – nach den ersten chaotischen Tagen – ja weniger ein zerstörerisches Moment, wie es „tearing down“ ausdrücken würde, sondern ein kontrollierter Prozess des Wegnehmens und des Neubesetzens an jener Stelle, an der die Mauer stand. Deshalb: „Unbuilding Walls“.
Marianne Birthler
Wir haben viel über Metaphern dieses Prozesses nachgedacht. Es drängte sich immer wieder auf, über Wunden und über Heilung zu sprechen. Diese Mauer, dieser Todesstreifen: Das war eine massive Verletzung einer Stadtgesellschaft, auch der gebauten Stadt. Da ist wirklich eine Wunde entstanden – in mehreren Dimensionen. Und die zurückliegenden 28 Jahre kann man eben auch als einen Heilungsprozess verstehen.
Wolfram Putz
Die Mehrzahl, also „Walls“, ist auch eine wichtige Facette des Themas. Die Perspektive des Westlers war: Du gehst nach Kreuzberg an die Graffiti-Wand. Für DDR-Bürger war hingegen die Hinterlandmauer das Ende des Landes. Die doppelte Pflastersteinreihe, die in Berlin den Verlauf der Mauer markiert, zementiert bis heute diese Sicht aus dem Westen. Sie markiert den tatsächlichen Grenzverlauf der Außenmauer Richtung Westen, die aber kein DDR-Bürger je erlebt hat, außer dem Grenzer im Dienst. In Wirklichkeit war „die Mauer“ ein Raum zwischen zwei Mauern, mit mehreren Schichten von Linien. An der innerdeutschen Grenze gab es teilweise noch ein fünfzehn Kilometer breites Sperrgebiet et cetera. Das alles steckt in dem Titel.
Wie wollen Sie dieses komplexe gesellschaftliche Thema bei der Architekturbiennale im Deutschen Pavillon darstellen?
Thomas Willemeit
Mauerfall – der Begriff hört sich ja so an, als wäre die Mauer einfach von selber umgefallen und danach wäre alles heil gewesen. Aber aus architektonischer und städtebaulicher Sicht stellt sich das so dar: Man hatte es plötzlich mit einem großen, von Erinnerungen befreiten Raum zu tun – nicht nur innerhalb des Berliner Stadtkörpers, sondern auch an der innerdeutschen Grenze –, und dieser Raum wurde mit einer Vielzahl von stadträumlichen und gestalterischen Perspektiven verbunden. Wir wollen die verschiedenen Ansätze der Architektur, der Landschafts- und Stadtplanung beleuchten: Welche Sehnsüchte gab es, mit dieser Wunde umzugehen?
Lars Krückeberg
Es gab ja nicht eine große Strategie. Es gab keinen Masterplan für den Mauerstreifen, weil der Mauerfall dieses Land und seine beiden Gesellschaften unverhofft getroffen hat. Dass es so schnell gehen würde, damit hat keiner gerechnet. Bis heute gibt es sehr unterschied­liche Perspektiven.
Thomas Krüger
Ich war damals, 1990, Mitglied der gemeinsamen Berliner Landesregierung, als diese Fragen im Senat und im Magistrat verhandelt wurden. Die Debatte, die sofort begann, war: Wie räumt man die Mauer komplett weg? Es ging nicht um die andere Frage: Was kommt dahin beziehungsweise wie erinnert man an die Verwundung, die geschehen ist? Erst mal alles weg! Das war die dominante, die Westberliner Perspektive, die sich schließlich städtebaulich manifestierte in Hans Stimmanns „Planwerk Innenstadt“. Was aber nicht hundertprozentig funktionierte, weil Straßenverläufe sich geändert hatten, weil der leere Raum, der Raum zwischen den Mauern, auch neugestaltet werden musste.
Das gehörte für mich mit zu den spannendsten Dingen, die sich 1990 auftaten: die nicht definierbaren oder zuordenbaren Räume. Das Ephemere, die Zwischennutzung. Das ist ein Code, der bis heute trägt, von dem Berlin zehrt. Das war eine Chance für die Stadt, sich neu zu definieren. Und die ganze Internationalität Berlins hat sich ja voll auf dieses Ephemere gestürzt, auf diese Tabula rasa, in die man sich einschreiben konnte.
Das Konzept, das Sie für Venedig gewählt haben, ist ein durch und durch politisches. Verstehen Graft sich als politische Architekten?
Lars Krückeberg
Wir verstehen uns als Bürger dieser Gesellschaft und letztendlich eines globalen Gefüges. Als Architekt stehen uns bestimmte Mittel, Strategien und Werkzeuge zur Verfügung, um eine bessere Zukunft zu gestalten, wenn man das mal etwas pathetisch ausdrücken möchte. Ist das politisches Handeln? Es ist gesellschaftskritisches Handeln, und von daher machen wir keinen Unterschied, ob wir zur Wahl gehen und unsere Meinung kundtun oder ob unsere Arbeit Ausdruck von Gesellschaft ist.
Sie haben Graft 1998 in Los Angeles gegründet, haben Deutschland also eine gewisse Zeit lang von außen wahrgenommen. Beeinflusst das Ihre Arbeit noch heute?
Thomas Willemeit
Auf jeden Fall. Wir versuchen uns diesen Blick von außen zu bewahren. Das beginnt damit, dass wir besonders offene Ohren haben für die Stimmungen und Stimmen, die wir bei unseren internationalen Kollegen und Freunden wahrnehmen. Vielleicht kann man es so sagen: Wir leihen uns diese Außensicht ständig aus. Das ist hilfreich, gerade was das Mauerthema betrifft. Weil der Blick von außen auf den Vereinigungsprozess ein sehr anderer ist als der aus der Innenperspektive.
Marianne Birthler
Das spiegelt sich auch in der Ausstellung – mit der Entscheidung, sich nicht auf die deutsche Sicht, nicht auf die Mauer zu beschränken.
Uns und unsere Leser interessiert jetzt natürlich, was genau Sie in Venedig zeigen werden, wenn am 26. Mai die Biennale eröffnet.
Thomas Willemeit
Wir wollen noch nicht sagen, wie die Ausstellung genau aussehen wird. Vielleicht das: Die verschiedenen Strategien, mit dieser Wunde im Stadtgefüge umzugehen, lassen sich anhand von Theorien und Projekten darstellen. So gab es direkt nach dem Mauerfall eine ganze Reihe internationaler Architekten, die forderten: Haltet den Mauerstreifen komplett frei! Diese Haltung werden wir genauso zeigen wie die Thesen, dass man die Lücke des Mauerstreifens auf dieselbe Weise füllen solle, wie das während der IBA 87 für ganze Quartiere entwickelt worden ist – mit der Wiederentdeckung des Vokabulars Straße–Platz aus dem barocken und gründerzeitlichen Stadtgrundriss. Wenn man sich heute den Status quo auf dem Mauerstreifen anschaut, wird die umfangreiche Heterogenität der gesellschaftlichen Debatten seit dem Mauerfall ersichtlich.
Herr Krüger, was bedeutete der Mauerfall als gesellschaftliche Aufgabe für die Stadt?
Thomas Krüger
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite heißt Mauern abbauen, den Blick für Differenz zu eröffnen, für das Andere, für Vielfalt, für Pluralität. Aber Mauern haben immer zwei Seiten: etwas Trennendes und etwas Schützendes. Was hat denn eigentlich die Mauer für die Stadt bedeutet? Das war ja auch ein Konjunkturprogramm. Die Stadt hatte auf einmal zwei Tierparks, zwei Volksbühnen. Von allem gab es zwei, weil im Kalten Krieg das Bauen auch ein ideologischer Wettbewerb war. Und das ist eine Rendite, die die Mauer Berlin hinterlassen hat und die man nicht einfach wegdekliniert. Auch wenn etwa das zweite große Fußballstadion der Stadt, das Stadion der Weltjugend, inzwischen dem Bundesnachrichtendienst gewichen ist. Das ist eine ironische Volte, die Berlin
an dieser Stelle passiert ist. Das Verschwinden der Mauer heißt eben nicht, dass alle Ergebnisse der Mauer für die Stadt verschwunden sind.
Was bedeuten solche Orte für die Stadt, egal, ob es sie heute noch gibt oder sie anderem gewichen sind?
Thomas Krüger
Es geht immer um Identität. Um beim Beispiel Fußball zu bleiben. Wenn Hertha BSC in westdeutschen Stadien gespielt hatte und die Gäste-Fans für das Rückspiel nach Berlin ins Olympiastadion kamen, erschallte immer der Schlachtruf: „Wir verschenken Berlin an die DDR!“ Heute heißt es in Köpenick in der Alten Försterei immer noch: „Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union!“ An solchen Dingen merkt man: Die Stadt hat den Code der Mauer oder gar den Code des Trennenden in sich bewahrt und reproduziert ihn. Ironisch, anders, in neuen Kontexten. Wenn man eine Mauer in der Stadt zum Verschwinden bringt, bedeutet das nicht, dass man den „Code Mauer“ zum Verschwinden bringt.
Marianne Birthler
Dieser Code ist unglaublich zäh. Nicht nur in der Generation meiner Kinder, auch noch in der Generation meiner Enkelkinder spiegelt sich das. Sie wissen, aus was für einer Familie sie kommen, aus einer Ost-Familie. Das ist nicht jeden Tag präsent, aber tief verwurzelt. Ich dachte, es geht schneller, bis das keine Rolle mehr spielt.
Welche Rolle spielen die Erinnerungsorte, die entlang des Mauerstreifens entstanden sind, für die Arbeit an diesem Code?
Marianne Birthler
Wenn wir über den Heilungsprozess sprechen, um in diesem Bild zu bleiben, dann geht es in Wahrheit nicht nur um die Überwindung der früheren Grenze, sondern auch um extrem verschiedene gesellschaftliche Verhältnisse, in denen wir gelebt haben. Es geht deshalb nicht nur um die Überwindung der Teilung, sondern auch um die Auseinandersetzung mit der überwundenen Diktatur. In Berlin, und natürlich nicht nur dort, weisen Erinnerungsorte auf beides hin. Die Bernauer Straße ist ein starkes Symbol für Teilung und das Leiden der Menschen an der Grenze. Hohenschönhausen mit dem Stasi-Gefängnis weist stärker auf das Thema Repression und Verfolgung hin. Der Tränenpalast steht für Besuchsmöglichkeiten zwischen Ost und West, und für Ausreisen. Der Checkpoint Charlie ist als Erinnerungsort ziemlich heruntergekommen, eine üble Variante für mein Gefühl, fast wie ein Jahrmarkt.
Thomas Krüger
Ein Ort, der heute in gewisser Weise für die Stadt vor undnach dem Mauerfall, für das gleichzeitige Verschwinden und Verwandeln von Gebautem steht, ist das Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) Wuhlheide, der ehemalige Pionierpalast von Margot Honecker. Das FEZ war einem Transformationsprozess unterworfen, es gibt heute eine andere betriebswirtschaftliche Struktur, andere Konzepte. Die ideologischen Grundierungen der Vermittlungsformen sind verschwunden. Trotzdem ist der Ort, der nach wie vor genutzt wird, stark konnotiert durch die verschwundene DDR-Geschichte.
Marianne Birthler
Was mich immer besonders interessiert: Wie und durch wen ist Veränderung entstanden? Zum Teil wurde sie durch politische Entscheidungen erwirkt. Aber Bürgerinitiativen haben auch eine große Rolle gespielt. Die Erinnerungsorte an der Bernauer Straße, auf die jetzt alle stolz sind, gäbe es nicht, wenn sich nicht eine Handvoll Leute dafür eingesetzt hätte, den Ort zu erhalten und an das Grenzregime zu erinnern, auch an die Toten. Wir müssen daran erinnern, dass dort eine Kirche gesprengt wurde, wider alle Vernunft, und dass da etwas Neues entstanden ist. Der Lehmbau der Kapelle der Versöhnung ist aus den Trümmern der Versöhnungs­kirche entstanden, die früher dort auf dem Mauerstreifen stand. Die Stasi-Unterlagen-Behörde hätte es nicht gegeben, wenn sie nicht vom Osten gegen den Westen durchgesetzt worden wäre; auch wenn manche meinen, sie wäre eine perfide Methode des Westens gewesen, den Osten zu demütigen. Ähnlich war es mit vielen anderen Erinnerungsorten: Sie sind von unten gewachsen – und wurden dann von der Politik unterstützt, wenn es gutging.
Wie sieht es aus mit neuen gesellschaftlichen Orten, die für das Zusammenwachsen stehen? Was erscheint Ihnen da besonders wichtig?
Thomas Willemeit
Diese Frage betrifft vor allem offizielle Stadtplanung: Welche Rolle spielt Architektur im Verhältnis zu Identität? Lässt sich daran etwas ablesen? Es gibt da zwei Extreme. Das eine ist das Band des Bundes von Axel Schultes. Es handelt sich um eine politische Entscheidung, dass alle Regierungsgebäude zusammen eine städtebauliche Geste des Verbindens von Ost und West abbilden sollen; und um eine städtebauliche Entscheidung, die sich nicht am Alten orientiert, sondern eine neue Idee von Verbindung ausmachte, die dann auch realisiert wurde.
Da kann man schon die Frage stellen, ob diese Geste nun tatsächlich mehr zur Verbindung beiträgt als die Art der politischen Debatte, die in diesen Gebäuden geführt wird. Das andere Extrem bilden zum Beispiel der Mauerpark, der Checkpoint Charlie oder die Eastside Gallery, also alle offenen Orte entlang der Mauer, in denen Raum in Besitz genommen wurde, in denen Clubs oder andere temporäre Nutzungen diese neue Zugänglichkeit, die Überwindung des geteilten Raumes feiern.
Wolfram Putz
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, in den Reiseführern nachzuschauen, die man über seine eigene Stadt ja selten liest. Wenn man im Lonely Planet oder im Baedeker nach den Orten sucht, die für das Zusammenwachsen stehen, erscheinen da nicht etwa der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor. Es erscheinen diese als inoffiziell definierten, ­ephe- meren Orte, die als angeblich authentische Orte der Wiedervereinigung mit den Mitteln der Improvisation das Potenzial von Freiheit fortleben lassen.
Wo Sie von Improvisation, Aneignung und Freiheit sprechen – damit sind wir genau bei „Freespace“, dem Thema, das die Hauptkuratorinnen der diesjährigen Biennale, Grafton Architects aus Irland, vorgegeben haben. Wie ordnen Sie sich mit „Unbuilding Walls“ da ein?
Thomas Willemeit
Das Thema „Freespace“ wurde erst benannt, nachdem wir uns beworben hatten …
Wolfram Putz
… das ist im Grunde in jedem Jahr das Dilemma der Pavillon-Kuratoren: Sie werden ausgewählt, bevor das Hauptthema durch die Biennale-Leitung bekanntgegeben wird. Aber in unserem Fall passt es ja hervorragend, da wir uns mit der Verwandlung eines Todesstreifens in einen Freiraum befassen.
In der Einladung zu Ihrer Pressekonferenz, auf der Sie das Thema des Deutschen Pavillons präsentiert haben, war von „Heilung als dynamisch-räumlichem Phänomen“ zu lesen. Frau Birthler hat auch schon Heilung angesprochen. Das ist ein starker Begriff, der sehr positiv besetzt ist. Nehmen Sie so den Stand der deutschen Wiedervereinigung wahr, als geheilt?
Lars Krückeberg
Die Wiedervereinigung hat damit begonnen, dass die Ostdeutschen ihre Diktatur abgeschüttelt haben. Man kann darüber streiten, ob es der richtige Weg war, den Osten danach „anzudocken“, aber man kann und sollte das insgesamt als Erfolg verbuchen. Es ist unglaublich viel Positives passiert. Für unsere Generation – wir haben damals in Braunschweig studiert, direkt an der Grenze – ging ein ganzes Land auf. Bis heute ist das ein Riesengeschenk. Aber ist der Prozess abgeschlossen? Nein. Zöge man Bilanz, würde ich sagen: Es gibt gute Noten, aber es ist Luft nach oben. Wir sehen allenthalben, was gesellschaftlich noch zu tun ist. Man kann die Ungleichheit statistisch an vielen Stellen belegen, ob das Wahlergebnisse oder Untersuchungen zur Machtverteilung und Wirtschaftskraft sind.
Thomas Willemeit
Was ist Heilung? Ist Heilung, wenn alles wieder ver­einheitlicht ist? Darum geht es keinem von uns, wenn wir von Heilung sprechen. Heilung ist dann vollzogen, wenn nicht länger auf der Grundlage oberflächlicher, noch existierender Vorurteile an der Sache vorbei zwischen Ost und West entschieden wird. Heilung ist vielleicht dann realisiert, wenn eine Vielgestaltigkeit, die Heterogenität einer Gesellschaft zelebriert wird und an keiner Stelle irgendetwas autoritär ausgeschlossen wird.
Da müssen wir als Architekten schon die Finger in die Wunde legen: In den vergangenen 28 Jahren haben wir in Berlin in Architektur und Städtebau erlebt, wie sich gewisse autoritäre Setzungen entwickelt haben, die Kritische Rekonstruktion zum Beispiel. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass diese Stadt für sich ein fast ideologisches Überbild entworfen hat – ausgerechnet Berlin, das so sehr davon profitiert hat, dass es Menschen gab, die enorm ins Risiko gegangen sind, um gegen diese Mauer aufzustehen, gegen Autorität.
Thomas Krüger
Ich finde den Begriff des Heilens auch problematisch. Er suggeriert für mich die Wiederherstellung des Status quo ante. Wollen wir eine Revision der Stadt in Richtung Wiederherstellung von etwas Altem? Oder geht es eigentlich um die Gestaltung von Heterogenität in der Zukunft?
Marianne Birthler
Auch bei gelungenen Heilungen gibt es Narben...
Thomas Krüger
… es gibt auch Prothesen und Orthesen, die notwendig sind, um die Widersprüche auszuhalten. Eigentlich geht es bei der Stadt der Zukunft darum, Heterogenität auszuhalten und mit Unterschieden leben zu lernen. Und da hat Berlin Potenzial, aber eher im Paradigmenwechsel von der nationalen Perspektive hin zu einer internationalen. Die Frage ist eigentlich: Wie wird Berlin Global City? Die Stadt hat alle Ressourcen, sie hat Migration, sie hat eine Wissensindustrie, sie hat eine Kulturinfrastruktur. Es ist nicht die pure Anzahl, die Quantität der in einer Stadt lebenden Menschen, die eine Global City ausmacht, sondern es sind solche qualitativen Merkmale. Bei einer Global City kommt es darauf an, Komplexität zu versammeln, fruchtbar zu machen.
Marianne Birthler
Es ist ja in der Tat so, dass das 20. Jahrhundert in Berlin besichtigt werden kann, in seinen unterschiedlichen dinglichen, aber auch gesellschaftlichen Dimensionen. Und das macht das Thema auch international so interessant. Meine Erfahrung der letzten zehn Jahren ist, dass die Frage an uns nicht nur lautet: Wie gehen Sie mit der Grenze um, die Sie überwinden? Sondern auch: Wie gehen Sie mit dem Erbe der Diktatur um? Wenn ich von Heilung spreche, dann meine ich beide Prozesse. Nicht nur den Prozess zwischen Ost und West, sondern auch den Heilungsprozess innerhalb der ostdeutschen Gesellschaft. Der ist mindestens genauso anspruchsvoll. Meistens dauert es ja Generationen – man denke etwa an Spanien –, bis man sich der Vergangenheit kritisch zuwendet. Bei uns ging das schneller. Das haben wir der Zeit nach 1945 zu verdanken, wo die Deutschen gelernt haben, dass es besser ist, sich zu erinnern.
In meiner Zeit als Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen hatte ich oft Besuch aus anderen Ländern, die auch Diktaturen überwunden hatten. Und die wissen wollten: Wie macht man’s? Manchmal blieb mir das Wort im Halse stecken, wenn ich zum Beispiel mit jemandem aus Guatemala zusammengesessen habe, dessen ganze Familie ermordet worden ist. Aber trotz aller dramatischen Unterschiede stellen sich nach dem Ende einer Diktatur immer dieselben Fragen. Was machen wir mit den Tätern? Wie gehen wir mit den Opfern um? Wie kommen wir an die Fakten heran? Wie kann ein ziviles Gemeinwesen wiedererstehen, ein Rechtsstaat? Und das ist für mich auch Teil dieses Prozesses, den ich mit Heilung bezeichne. Da wird am Ende nichts stehen, das genauso ist wie vorher. Aber es ist ein Prozess von mühsamem Gesundwerden, von wieder funktionieren, wieder miteinander reden können, wieder selbstbewusst sein.
Sie haben bereits angesprochen, dass sich der Deutsche Pavillon nicht nur der Situation in Berlin und Deutschland widmen wird, sondern auch anderen Mauern in der Welt. Welche Orte haben Sie ausgewählt?
Wolfram Putz
Israel und Palästina, Nord- und Süd-Korea, türkisches und griechisches Zypern, die nordirischen Friedensmauern, die USA und Mexiko. Und Melilla und Ceuta in Nordafrika werden die Mauern der europäischen Festung verkörpern.
Marianne Birthler
Die Mauern in anderen Teilen der Welt, die wir thematisieren, zeigen wir überwiegend im Spiegel derer, die mit ihnen leben müssen. Zurzeit laufen gerade die Interviews. Die unterschiedlichsten Leute werden gefragt: Wie ist das Leben mit der Mauer? Was bedeutet das für Sie? Und sie werden unkommentiert zu Wort kommen.
Was werden die Besucher des Pavillons in den ersten Minuten empfinden und erleben, wenn sie eintreten?
Marianne Birthler
Staunen?
Lars Krückeberg
Das Thema ist so schwierig, so aufgeladen und so vielschichtig – wir wollen erreichen, dass es auch für Besucher, die wenig Zeit im Pavillon verbringen, einen Moment gibt, in dem sie die Quintessenz der Ausstellung emotional erleben können.
*Das Gespräch fand im Konferenzraum der Bundeszentrale für politische Bildung in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte statt.
Marianne Birthler
geboren 1948 in Berlin, von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, von 1990 bis 1992 Ministerin für Bildung Jugend und Sport in Brandenburg (Bündnis 90), seit Mitte der 80er-Jahre engagierte sie sich in verschiedenen DDR-Oppositionsgruppen und beteiligte sich nach dem Mauerfall an der Arbeit des Zentralen Runden Tisches
Lars Krückeberg
geboren 1967 in Hannover, Architekturstudium an der TU Braunschweig und am Southern Californian Institute of Architecture, Los Angeles. Gründete 1998 zusammen mit Wolfram Putz und Thomas Willemeit in Los Angeles das Büro Graft. Seit 2001 unterhalten sie eine Bürofiliale in Berlin, seit 2004 eine weitere in Peking.
Wolfram Putz
geboren 1968 in Kiel, Architekturstudium an der TU Braunschweig, der University of Utah, Salt Lake City und am Southern Californian Institute of Architecture, Los Angeles
Thomas Willemeit
geboren 1968 in Braunschweig, Architekturstudium an der TU Braunschweig und am Bauhaus Dessau
Thomas Krüger
geboren 1959 in Buttstädt, seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, von 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD), von 1991 bis 1994 Senator für Jugend und Familie in Berlin, gehörte 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR

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