Stadt = Wohnen und Gewerbe. Stimmt die Formel?

So schön kann Stadt sein. Die vorhergehenden Seiten zeigen ein hyperrealistisches Wimmelbild, auf dem die Details des Stadtlebens in rührender Koexistenz nebeneinander bestehen: Containerschiffe neben Freizeitboten, Kirchtürme neben Fabrikschloten, Großwohnbau neben Giebelhäuschen, FabLabs in alten Industriehallen neben gläsernen Bürobauten, U-Bahnstationen neben Gemüsemärkten – ein städtischer Kosmos, in dem Gewerbe und Wohnen noch Hand in Hand gehen

Text: Geipel, Kaye, Berlin

    2018 wird es in England eine Million weniger "affordable houses" geben als 1980, bei 7 Millionen mehr Einwohnern. Tom Holbrock und sein Büro 5th Studio wurden aufgefordert, Lösungen für die Wohnungsnot zu entwickeln. Weil es ihrer Meinung nach vor allem an Ideen mangelt, sich einezeitgemäße Urbanitätfür alle vorzustellen, entwarfen sie gleich eine ganze Stadt: Stour City am Hafen von Harwich in East Anglia
    Zeichnung: Tom Holbrook und 5th Studio

    2018 wird es in England eine Million weniger "affordable houses" geben als 1980, bei 7 Millionen mehr Einwohnern. Tom Holbrock und sein Büro 5th Studio wurden aufgefordert, Lösungen für die Wohnungsnot zu entwickeln. Weil es ihrer Meinung nach vor allem an Ideen mangelt, sich einezeitgemäße Urbanitätfür alle vorzustellen, entwarfen sie gleich eine ganze Stadt: Stour City am Hafen von Harwich in East Anglia

    Zeichnung: Tom Holbrook und 5th Studio

Stadt = Wohnen und Gewerbe. Stimmt die Formel?

So schön kann Stadt sein. Die vorhergehenden Seiten zeigen ein hyperrealistisches Wimmelbild, auf dem die Details des Stadtlebens in rührender Koexistenz nebeneinander bestehen: Containerschiffe neben Freizeitboten, Kirchtürme neben Fabrikschloten, Großwohnbau neben Giebelhäuschen, FabLabs in alten Industriehallen neben gläsernen Bürobauten, U-Bahnstationen neben Gemüsemärkten – ein städtischer Kosmos, in dem Gewerbe und Wohnen noch Hand in Hand gehen

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Die funktionale Ausdünnung der Stadt hat auf diesen Bildern nicht stattgefunden. Kein Kinderautor hat sie gezeichnet. Sie stammen von dem englischen Architekten Tom Holbrook, der sie gleichzeitig als Abgesang auf die aktuelle englische Stadt und als Zukunftsbild für deren Erneuerung versteht. Holbrook zeichnet solche Utopien, weil die heutige Stadt aus seiner Sicht auf den Hund gekommen ist: Die Privatisierung der einst öffentlichen Infrastruktur führte dazu, dass kein Teil mehr mit dem anderen verbunden ist. Industrie ist seit langem verschwunden. Innenstädte werden nur noch von den Reichen bewohnt, und „affordable houses“ sind Mangelware und werden als isolierte Inseln an den Rand der Stadt verfrachtet.

Negativer Kosmos industriefreie Stadt

Menetekel par excellence dieser Kritik, die zurzeit von jungen britischen Architekten und Stadtkritikern geführt wird, ist London, die globalisierte Stadt, die sich „selbst aufgefressen hat“, weil in ihr noch die kleinste Differenz zu Geld gemacht wird 1. Die Entwicklung hin zu einer sozialen, wirtschaftlichen und räumlichen Selbstzerstückelung, die Umbrüche von der funktionalistischen Moderne hin zur kapitalistischen Entropie, in der die Eigentümer für die Stadt als Ganzes ihre Nicht-Verantwortung offen zur Schau stellen, erfolgte in mehreren Schritten. All diese Schritte hatten zur Voraussetzung, dass durch die sukzessive Deindustrialisierung seit den 50er Jahren die lebensnotwendigen Entwicklungsarterien des Urbanen austrockneten, ohne durch die Dienstleistungsbranche ersetzt zu werden. London hat laut Mark Brearley, Professor an der London Metropolitan University, in den letzten Jahren weitere 16 Prozent seiner Produktionsflächen verloren, noch einmal 13 Prozent werden prognostiziert 2. Brearley ist Teil eines vom Londoner Bürgermeister beauftragten Think Tanks, längs der High Streets Vorschläge für die Reaktivierung gewerblicher und industrieller Räume zu machen. In der Not soll umgesteuert werden.

Material turn statt cultural turn?

In Deutschland ist die Deindustrialisierung der Stadt weit weniger fortgeschritten. Niemand kann allerdings voraussagen, ob die Transformation einer Industrie- in eine Wissensökonomie tatsächlich auch hierzulande weiter voranschreitet und damit auch die Monofunktionalisierung in puncto Dienstleistungsbüros und Wohnen. Ebenso denkbar, dass sich zurzeit bereits eine Kehrtwende beobachten lässt, weg vom „cultural turn“ der Stadt der letzten Jahre hin zu einem „material turn“ der Stadt der Zukunft. Die aktuelle Transformation der Industrieproduktion: urbane Manufakturen, vernetzte Produktion, FabLabs, Kleinfabriken der Recyclingbranche, kurz, all die Bestandteile, die man unter dem Begriff Industrie 4.0 zusammenfasst, könnten für die Rückkehr einer neuen städtischen Industrie in kleinteilig gemischte Quartiere sprechen. Ausgemacht ist diese Entwicklung noch nicht – der große Sammelband zur Zukunft von Deutschlands Städten und Regionen, den das Bundesministerium mitverantwortet, behandelt die Frage der städtischen Industrien nur am Rande3.

Kampf um die Fläche

Sicher ist aber, dass es längst einen Kampf um die verbliebenen städtischen Gewerbeflächen gibt, deren atmosphärische Qualitäten den Begehr der Immobilieninvestoren geweckt haben. Vorhandene Betriebe haben kaum noch Erweiterungsmöglichkeiten. Die städtische Industrie fordert zum politischen Beistand auf: „Wie bringen wir die mittelgroße Produktion bis zur kleinen Garage heute noch in der Stadt unter?“ Also wird geforscht und gegengesteuert. Da gibt es zum Beispiel das Gewerbe-ExWoSt-Programm des Bundes ab 2014. Mit löblichen Pilotprojekten auf neun Standorten wird nach Arzneien gesucht, um Gewerbestandorte nachhaltig weiterzuentwickeln, das heißt, sie aus ihrem Schicksal von heruntergekommenen Quartieren, in die sich kein Fußgänger verirrt, herauszuholen4. Die Idee, städtebauliche Verträglichkeitsmodelle zu fördern, die sich bei höherer Dichte für ein besseres Nebeneinander von Gewerbe und Wohnen umsetzen, wird jedoch nicht verfolgt. Und das entsprechende ExWoSt-Programm zur Nutzungsmischung im Städtebau liegt über 15 Jahre zurück.
Dabei wäre ein entschiedener Anlauf in Richtung gemischte Stadt dringend nötig. Das verlangt den Mut, Konflikte durch die Widersprüche sozialer, ökologischer und ökonomischer Bedürfnisse anzugehen und sie nicht rechtlich gegeneinander auszuspielen. Die Chancen für einen neuen Anlauf in Richtung Nutzungsmix stünden eigentlich gut. Die momentane Unsicherheit könnte neue Ideen stimulieren, wie sich mit Hilfe digitaler Produktionsweisen urbane Manufakturen zu einem starken lokalen Element entwickeln lassen, das den globalisierten städtischen Wirtschaftsströmen eine explizit lokale Komponente zur Seite stellt.
Dazu müssten sich allerdings die DNA der Stadt, ihre Baustruktur und deren legislativer Code ein Stück weit ändern. Die Autoren dieses Heftes stehen, wenn man ihre Vorschläge zusammenfasst, dafür ein, dass man Wohnungsfrage nicht mehr isoliert, sondern in Verbindung mit (bereits bekannten) Räumen für Kultur und (neuen) Räumen für die Arbeit denkt: Räume für Mikro-Ökonomien, Aus- und Weiterbildung sowie für Energie- und städtische Lebensmittelproduktion. Eine Reihe von Punkten sind nötig, um eine solche Änderung in der Struktur der Stadt herbeizuführen:
1. Bewusstsein für einen veränderten Metabolismus zwischen Stadt und Peripherie. Der Begriff der „Produktiven Stadt“ taucht in der aktuellen Stadtdebatte wie ein Deus ex Machina auf, abgehandelt auf verschiedenen Tagungen (Stuttgart, Hamburg), als Fragestellung der diesjährigen Architekturbiennale in Rotterdam und 2017 als Thema des Europan-Wettbewerbs. Dahinter stehen zwei Einsichten. Erstens: Die Vermischung von Ausbildung, Arbeit und sozialem Leben wird sich unter dem Einfluss der digitalen Medien weiter zuspitzen und noch unübersichtlicher werden. Zweitens: Wenn die Städte weiter rasant wachsen und nachverdichten müssen, werden wir im peripheren Weichbild der Stadt ohnehin nicht umhin können, über ein anderes räumliches „Neben- und Übereinander“ mit den dort existierenden Gewerbestrukturen nachzudenken (Seite 40). Das Stadtbild als Konsumtempel und Erlebnisraum, das sich bisher vor allem aus den Verdichtungspotenzialen der Innenstadt ableiten ließ, wird durch nüchterne Formen ersetzt, wenn es künftig um die Inwertsetzung von Flächen mit Entwicklungshemmnissen in der Peripherie geht.
2. Es braucht eine dynamische Gesetzgebung, wenn Arbeiten und Wohnen mehr gemischt werden sollen. Treffen Berliner und Wiener Architekten zusammen und unterhalten sich über neue experimentell dichte und scheinbar chaotisch gemischte Wiener Wohnbauten, kommt von Berliner Seite aus schnell die Bemerkung: „Das könnten wir rechtlich nie machen.“ Und die prompte Gegenfrage: „Warum wird denn das Baurecht bei euch nicht angepasst?“ Die anstehende Erweiterung der BauNVO auf nationaler Eebene ist zwar ein erster Schritt. Er reicht aber, wie der Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter auf Seite 30 zeigt, bei weitem nicht aus.
3. Innovativer Umgang mit Flächen. Heutige Coworking-Konzepte machen deutlich, dass sich die Nutzungen der neuen Arbeitswelt in ihren räumlichen Behältnissen je nach Projektpartnerschaft verändern und weiterentwickeln. Eine ähnliche Offenheit braucht es auf Quartiersebene und im städtebaulichen Maßstab. Um die Entwicklung der immer wertvolleren Flächen nicht den Investoren zu überlassen, braucht es von Stadtseite her innovative Überlegungen und Nutzungspartnerschaften, um mit dem Flächenmangel umzugehen. Die Flächen des ruhenden Verkehrs (grob geschätzt 50 Prozent der Flächen) und der Logistik müssen einbezogen werden – es sind riesige Raumreserven.
4. Neue Typologien, die Produktion, Wohnen und Service zusammendenken. Viele Architekten haben solche Konzepte bereits entworfen. Es fehlt am Mut der Städte, sie umzusetzen. Ein Beispiel für solch ein planerisches Go and Stop ist das Berliner Urban-Living Programm, das vor zwei Jahren viele Ideen lieferte, von denen so gut wie keine realisiert wurde (Seite 74). Ähnliches gilt für München: Dort kommt das Kreativ-Quartier, 2012 mit großen Vorschusslorbeeren gestartet, nur mühsam voran. Aufbauen ließe sich etwa auf ganz praktischen Erfahrungen und Regeln, die Andreas Feldtkeller in den 90er Jahren in Tübingen gemacht hat (Seite 38).
5. Gestapelte Industriearchitektur: Wenn der Platz in der Stadt mangelt, muss man in die Höhe gehen. Was für das Wohnen längst en vogue ist, steht im Industriebau noch am Anfang. Vertikale Konzepte wie der neue Hamburger Huckepackbahnhof, der sich am Prinzip der Speicherstadt orientiert, sind derzeit noch Ausnahmen (Seite 56).5
6. Die hybriden Formen der neuen Architektur und des Städtebaus attraktiv und sichtbar machen. Die Schwäche der klügsten Raumplanung bleibt ihr vergleichsweise geringer Grad an Anschaulichkeit. Tiefgreifende strukturelle Veränderungen können im Stadtbild oft lange Zeit unsichtbar bleiben, und genauso sind sie es in der medialen Wahrnehmung: Dementsprechend groß ist der Widerhall in der Tagespresse für die Idee, dass es den deutschen Städten besser gehen würde, wenn sie wieder schöne neue Plätze bauen würden. Ariella Masboungi, Beraterin des französischen Bauministeriums und eine der gewieftesten Städtebaustrateginnen der Gegenwart, fordert deshalb eine entschiedene Anstrengung, die neuen Mischungen im Stadtbild architektonisch sichtbar zu machen. Der „Dôme von Caen“, das mehrgeschossige FabLab, das die neuen Produktivformen in einer Art Himmelsobservatorium überhöht (Seite 60), ist genauso ein Beispiel wie die weit aufgerissenen Erdgeschosszonen (Seite 76), die in Wien gerade im zweiten Teil des Sonnwendviertels eingeplant werden.
1 Rowan Moore hat die Vertreibung des Gewerbes in London eindrücklich dokumentiert: „London: the city that ate itself“. The Guardian, 28.6.2015
2 Seinen Vortrag „A good city needs industry“ hielt Mark Brearley an mehreren europäischen Architekturfakultäten: https://www.youtube.com/watch?v=XzM3AERvM70
3 „Spekulationen Transformationen. Überlegungen zur Zukunft von Deutschlands Städten und Regionen“. Hrsg. von Matthias Böttger, Stefan Carsten, Ludwig Müller. Lars Müller Publishers, 2016
4 http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/FP/ExWoSt/Forschungsfelder/2014/Gewerbegebiete/01_Start.html?nn=430172
5 vgl. auch: Nina Rappaport, „Vertical Urban Factory“, Actar Barcelona 2015

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