Palmyra

In Altenburg wird ein Weltkulturerbe gewürdigt und betrauert

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

    Blicke heutiger Touristen halten Vergleichen mit historischen Darstellungen durchaus stand. Foto von 2005.
    Foto: Jörg Neumerkel, Altenburg

    Blicke heutiger Touristen halten Vergleichen mit historischen Darstellungen durchaus stand. Foto von 2005.

    Foto: Jörg Neumerkel, Altenburg

    Das Modell des Baal-Tempels von 2016. Kork ist bis heute für die Nachbil­dung von Ruinen ein bevorzugtes Material.
    Foto: Dieter Cöllen

    Das Modell des Baal-Tempels von 2016. Kork ist bis heute für die Nachbil­dung von Ruinen ein bevorzugtes Material.

    Foto: Dieter Cöllen

    Der Blick auf Palmyra um 1750. Radierung von Johann Sebastian Müller nach ei­-ner Zeichnung von Giovanni Battista Borra.
    Foto: Lutz Ebhardt

    Der Blick auf Palmyra um 1750. Radierung von Johann Sebastian Müller nach ei­-ner Zeichnung von Giovanni Battista Borra.

    Foto: Lutz Ebhardt

Palmyra

In Altenburg wird ein Weltkulturerbe gewürdigt und betrauert

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Gerade in kleineren Residenzstädten verdanken sich Museen oft dem Enthusiasmus reisefreudiger und gelehrter Kulturbürger, die ihren Herrschern wahre Schatzkammern voller künstlerischer Attraktionen anhäuften, und zugleich auf die kulturelle Bildung ihrer Landsleute bedacht waren. So kam auch das thüringische Altenburg vor rund hundertfünfzig Jahren zu einem Mu­seum, das dank des weitsichtigen Engagements des Politikers, Gelehrten und Kunstsammlers Bernhard von Lindenau heute nicht nur eine hochkarätige Sammlung frühitalienischer Malerei und zahlreiche Gipsabgüsse berühmter Plastiken und Reliefs von Assyrien bis zum Klassizismus des 18. Jahrhunderts zeigen kann, sondern auch über eine bedeutende Kunstbibliothek verfügt.
Aus diesem sonst eher verborgen gehüteten Schatz ließ sich nun wunderbar schöpfen für ein Ausstellungsprojekt, dessen Entstehungsgeschichte schon als kleines Paradestück kunst- und kulturwissenschaftlicher Praxis gelten darf: Im Sommer 2016, ein Jahr nach der Zerstörungsorgie der IS-Terroristen an den Welterbe-Stätten im syrischen Palmyra, war im Magazin SPIEGEL der Phelloplastiker Dieter Cöllen vorgestellt worden, der das Zentrum der gewaltigen Ruinenanlage, den Baal-Tempel, als Korkmodell nachgestaltet hatte. Von dem Artikel angeregt, suchten die Altenburger Kontakt zu dem Modellbaukünstler und begannen, nach passendem Material in den eigenen Museumsbeständen zu forschen. Und siehe, es fanden sich nicht nur eigene Architekturmodelle aus Kork, die Lindenaus Kunstagenten einst in Italien aufgetrieben hatten, sondern auch frühe Beschreibungen und vor allem die Reisebücher von Robert Wood (1753) und Léon de Laborde (1828), großartige Folianten voller Stahlstiche und Karten, die Forscher aus Palmyra und vergleichbaren Stätten des Vorderen Orients mitbrachten, und die dann unverkennbar Spuren im Klassizismus Mitteleuropas hinterlassen hatten. Dieser Fundus historischer Bild- und Textquellen ließ sich ergänzen durch einige palmyrenische Grabreliefs aus der Antikensammlung der Universität Erlangen, handliche Steinrelikte, anhand derer auf eine weitere schändliche Kriegsfolge zu verweisen war – auf den illegalen Handel mit gestohlenem Kunstgut, im Katalog durch Fahndungsfotos der syrischen Antikendirektion illustriert.
Dann – noch ein Zufallsfund! – stieß man auf Bilder eines libanesischen Fotografen, der Palmyra kurz vor Einnahme durch den IS fotografiert und sofort nach der Befreiung erneut die Ruinenfelder dokumentiert hatte, vom je gleichen Standort, aber nun im demolierten Zustand. Als letzte Überraschung trug ein Aufruf unter Altenburgs Bürgern zahlreiche private Andenken heute üb­licher Orient-Bildungsreisen zusammen, touris­tische Palmyra-Souvenirs zumeist, aber auch ansehnliche Fotopanoramen darunter, die den alten Stichen und historischen Reisefotografien an erzählerischem Gestus wie technischer Akkuratesse durchaus ebenbürtig sind.
Aus all den diversen Materialien brachte das Altenburger Museumsteam in weniger als einem halben Jahr eine überschaubare, ästhetisch dichte und dadurch eindringliche Ausstellung (und den kleinen Katalog) zustande, die mit den ureigenen Mitteln des Museums, also dem Sammlungsbestand sowie geschickt einbezogenen Leihgaben, auf einen weltpolitisch hochbrisanten Vorgang reagiert. Und dies nicht in Gesten plakativer Betroffenheit, sondern mit der unaufgeregten Erzählung von einer längst un­tergegangenen Oasenstadt, deren Ruinen Gelehrte und Künstler aller Erdteile seit Jahrhunderten zum Staunen und Schwärmen brachten. „Weltkulturerbe“ – nach einem Blick in diese Ausstellung wird der Begriff auf neue Art dringlich, gewinnt er noch einmal einen ganz besonderen Klang.
Übrigens: Unter den 33.000 Einwohnern Altenburgs leben aktuell an die 1200 Migranten, ein erheblicher Teil von ihnen stammt aus Syrien. In den Rahmenveranstaltungen zur Ausstellung wurden erfreulich viele von ihnen gesehen.

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