Vor lauter Bäumen

Friederike Meyer hat gerade die Kübel ihrer Balkonpflanzen mit Luftpolsterfolie umwickelt, damit sie den Winter überstehen

Text: Meyer, Friederike, Berlin


Vor lauter Bäumen

Friederike Meyer hat gerade die Kübel ihrer Balkonpflanzen mit Luftpolsterfolie umwickelt, damit sie den Winter überstehen

Text: Meyer, Friederike, Berlin

Den internationalen Hochhauspreis 2014 gewinnen zwei Wohnhäuser, 80 und 112 Meter hoch, die mit Balkonen behängt sind, auf denen Bäume wachsen. Was wie eine fixe Idee klingt, ist in Mailand im letzten Jahr tatsächlich gebaut worden: Der Doppelturm trägt den Namen „Bosco Verticale“ (vertikaler Wald). Für den Mut zum Experiment darf man dem Architekten Stefano Boeri und dem Bauträger Hines Italia gratulieren. Genau das ist es schließlich, was wir Kritiker immer wieder fordern: über Grenzen hinaus gehen. Nur, wenn solche fixen Ideen gebaut werden, können wir herausfinden, ob sie funktionieren.
Nun gibt es aber nicht wenige, die Bäume auf Hochhäusern für großen Quatsch halten, noch dazu, wenn man sie „vertikaler Wald“ nennt. Ganz abgesehen davon, dass Bäume die Luft vor den Fenstern der Bewohner kaum verbessern werden, weil dort meist der Wind weht, und dass ein Wald viel mehr ist als eine Häufung von Gewächsen mit Stamm und Blättern. Die Wurzeln können sich auf den Balkonen kaum ausbreiten, das Klima ist rauer als unten in der Stadt, der Standort so exponiert wie auf einem Berg. Die Pflanzen müssen aufwendig gedüngt und bewässert werden – ein Baum ist keine anspruchslose Flechte, die auf jedem begrünten Dach überlebt.
Der „vertikale Wald“ habe Pionierarbeit für die Bepflanzung von Hochhäusern geleistet und könne als Prototyp für die Städte von morgen gelten, befand die Hochhauspreis-Jury in ihrem Urteil. So etwas schreiben Architekten, Immobilienentwickler und Juroren, die ihre Beurteilungen aus den immer gleichen Textbausteinen zusammen setzen. Und es kommt noch besser: „Der erste vertikale Wald Europas. Eine Symbiose von Architektur und Natur“, ruft die Pressemitteilung. Naiv gefragt: Woher wissen die das? Sie können doch überhaupt noch nicht beurteilen, ob die Bäume gut gedeihen, die Bewohner zufrieden sind und die Unterhaltskosten im Rahmen bleiben.
Um all dies zu dokumentieren und das Ergebnis potenziellen Nachahmern zur Verfügung zu stellen, wäre das Preisgeld gut verwendet. Stattdessen haben die Preisträger entschieden, die 50.000 Euro für gemeinnützige Projekte im Isola-Viertel in Mailand zu verwenden, in dem „Bosco Verticale“ steht.

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading