Kino Moskau

Wowhaus in der Architektur Galerie Berlin

Text: Kreiß, Lillith, Darmstadt

    © Architektur Galerie Berlin; Foto: Jan Bitter

    © Architektur Galerie Berlin; Foto: Jan Bitter

Kino Moskau

Wowhaus in der Architektur Galerie Berlin

Text: Kreiß, Lillith, Darmstadt

Fast traue ich mich nicht auf die saubere Oberfläche. Auch andere Besucher der Architektur Galerie Berlin schauen fragend umher: „Darf ich da drauf treten?“ Man soll sogar! Über eine Stufe erreicht man die Plattform einer weiß gebeizten Holzkonstruktion, die sich nach rechts zu Sitzstufen entwickelt und sich nach links in verschiedenen Winkeln und Neigungen in die Höhe reckt, um dort eine Art Leinwand zu formen. Der Ausruf einer Besucherin: „Das ist ja wie im Kino!“, kommt der Sache ziemlich nahe. Nur das Popcorn fehlt. An der Wand gegenüber dem Eingang empfangen pinkfarbene Neon-Leuchtlettern den Besucher: „Wowhaus“ steht da.
Wowhaus ist eine Moskauer Architektengruppe um Oleg Shapiro und Dmitry Likin. Sie sind die Urheber der Installation. An der Rückwand haben sie einen Fries aus Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Heimatstadt angebracht. Wie kommen die russischen Architekten in die Architektur Galerie Berlin? Inhaber Ulrich Müller klärt auf: „Was in unserem direkten Umfeld, hier im Westen, architektonisch passiert, wissen wir. Die Architektur Osteuropas ist uns hingegen weitgehend fremd.“ Und das, obwohl Moskau die einzige Megacity des europäischen Kontinents ist. Gemeinsam mit Valeria Kashirina, Art-Direktorin im Büro von Sergei Tchoban in Berlin, knüpft Müller seit 2013 Kontakte zu Moskauer Büros. Daraus ergab sich unter anderem die aktuelle Ausstellung.
Die Planer in Moskau, so ist zu erfahren, haben die Stadt in den letzten Jahren vor allem als eine Aneinanderreihung von Fassaden begriffen. Seit dem Ende der Sowjetunion werden Wohnhäuser und öffentliche Bauten privatisiert; dieser Prozess hält bis heute an. „Resultat dieser Entwicklung ist, dass Plätze ungenutzt bleiben oder allenfalls zugeparkt werden“, erklärt Autor und Kulturberater Michael Schindhelm bei der Ausstellungseröffnung. Schindhelm hat mit Wowhaus 2010 das Projekt „Strelka-Institut“ realisiert, eine Installation im Innenhof einer alten Schokoladenfabrik. Mit Räumen verschiedener Stufen von Öffentlichkeit – von der gemeinschaftlich genutzten Halle über kleinere Gruppenräume bis zum Privatzimmer – wollte das „Institut“ für das Thema öffentlicher Raum sensibilisieren und den Anstoß geben, die Plätze in Moskau zu bespielen. Das Strelka wird noch heute von jungen Architekten, Designern, Forschern und Künstlern genutzt. Außen sind zwei sogenannte Amphitheater angebaut. Das Amphitheater ist ein Element, das seither in fast allen Wowhaus-Entwürfen wiederkehrt, nun auch in der Architektur Galerie Berlin – als Schnittmenge all ihrer Projekte sozusagen. Immer mittwochs und donnerstags wird die Installation tatsächlich als Kino genutzt: Das Pioneer Cinema Moskau zeigt Filme. „Von der sowjetischen Avantgarde zum neuen Dokumentarfilm“ heißt die Reihe.
Dass die Ausstellung durch die angespannte Situation infolge der Ukrainekrise eine politische Dimension haben würde, kam unerwartet. Umso mehr beeindruckt der Auftritt von Wowhaus in Berlin – weil er das mit einem Mal wieder so entfernt erscheinende Russland in einer vertrauten Architektursprache vorstellt. Präsentationen weiterer russischer Büros sollen folgen.

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