Junghans auf Giudecca

Text: Schirmeyer, Guido, Venedig

Foto: Matteo de Fina

Foto: Matteo de Fina


Junghans auf Giudecca

Text: Schirmeyer, Guido, Venedig

Ein nahezu unbekannter Campo in Venedig erzählt vom Niedergang der Industrie, vor allem von der Fabrik Arturo Junghans und den großen Projekten des von der Stadt geförderten Wohnungsbaus in den neunziger Jahren. Heute ist der Campo verwahrlost. Unser Autor, der auf der Insel lebt, berichtet von seinen Erlebnissen und seinen Hoffnungen.
Insel der Verbannten, Garten-Insel der Aristokraten, Insel der Fischer, Arbeiter und Bauern, Industrie-Insel – all das war die Isola della Giudecca, die zur historischen Stadt Venedig gehört. Arbeiterquartiere hat das schmale, zwei Kilometer lange Eiland heute noch, auf der Giudecca liegen die Suburbs, kein Venezianer geht gern auf die „Insel der Diebe“. Aber die Insel ist im Wandel. Studenten, Künstler, auch viele Architekten zieht es auf die Giudecca.
In den Neunzigern – Bürgermeister war seinerzeit der Philosoph Massimo Cacciari – beschloss die Stadt, die stillgelegten Industrieanlagen zu besiedeln. Der Plan war, gute Wohnungen günstig jungen Familien anzubieten, um die Giudecca mit neuen Bewohnern zu bevölkern, nicht mit Zweitwohnungsbesitzern. Die alten Industriebauten wurden in Wohnanlagen umgewandelt oder ersetzt. Damit bot sich auf der Insel ein Spielplatz für neue Architektur an, in einer Stadt, in der sonst alte Steine den Ton angeben. „Molino Stucky“ jedoch, das imposanteste Industriedenkmal, ein gigantischer Ziegelbau, 1880 als Kornmühle und Nudelfabrik im Stil norddeutscher Backsteingotik nach Plänen des Hannoveraners Ernst Wullekopf erbaut, stand für geförderten Wohnungsbau nicht zur Verfügung. Hier zogen das Hilton Hotel Venezia und Luxus-Apartments ein. Eine besonders unfangreiche Baumaßnahme startete 1995: der Teilabriss und die Bebauung der Industriebrache der Schwarzwälder Uhrenwerk-Filiale Junghans, die dort seit Ende des 19. Jahrhunderts Wecker und in Kriegszeiten vor al­lem Zünder für Bomben produzierte. Eine strategische Allianz aus „Urban Europe“ (zuständig für Reurbanisierungs-Programme), der Stadt und dem römischen Bauunternehmen Judeca Nova stampfte mit europäischen Mitteln das Großprojekt aus dem Boden. Der Mailänder Architekt Cino Zucchi ge­wann den Wettbewerb für die urbane Konzeption. Seit einem guten Jahrzehnt leben in den neuen Wohnblocks Gondolieri, Taxibootfahrer, auch Professoren und zeitweise englische Pensionäre. Etliche Apartments werden an Touristen vermietet. 
Fulvio, einer meiner betagten Nachbarn auf Giudecca, betritt die Ödnis des Campo und erinnert sich: „Früher heulten hier nachmittags um fünf die Sirenen, dann wussten wir, jetzt kommen unsere Freundinnen heraus. Wir gingen mit ihnen von der Fabrik an eine versteckt gelegene Badestelle und sprangen in die Lagune.“ Die Isola della Giudecca war in den Fünfzigern die Insel der Frauen, 1500 arbeiteten damals allein bei Junghans. Heute empfängt den Besucher auf dem Campo statt der Junghans-Sonnen-Turmuhr ein kahler, sterbender Baum. Der Krüppel ist Sinnbild für den toten Platz und steht mitten im Weg. Kein Schatten weit und breit. In den algigen Geruch der Lagune mischt sich Gestank von Hundekot. Zuhauf liegt er in den verdorrten Gräsern hoher Steinbeete, rechts vor der imposanten alten Schule Duca d’Aosta mit ihrer heruntergekommenen Fassade. Daneben eine Ladenzeile. Hinter den Schaufenstern liegt Gerümpel. Leerstand seit Fertigstellung vor elf Jahren. Die getünchten Ecken sind, wie alles übrige Gestein auf diesem verkarsteten Campo, uringetränkt. Grau mag elegant sein, doch Grau gehört nicht zu Venedig. Verwittertes Grau ist schäbig. Megagrau präsentiert sich das Herzstück der einstigen Junghans-Fabrik auf diesem traurigsten Campo Venedigs. Mit der Neugestaltung des mächtigen Rundbaus ruinierte der Architekt Luciano Parenti das Industriedenkmal. Auf alten Fotos kann man der Schönheit des Originalbaus nachtrauern. Der Gipfel an Hässlichkeit ist der „Haupteingang“ zum „Teatro Junghans“, gleichzeitig Feuertreppe, auf der sich nachts Dealer einfinden. Die Treppe sieht wie ein Bombenloch aus, vielleicht eine Hommage an ganz alte Zeiten, als Junghans auf dem Platz Detonationen testete? Die Mieter zo-gen wegen massiver Baumängel gegen die Baufirma Judeca Nova vor Gericht. Das Teatro spielt schon längst nicht mehr und ist an eine Schauspielschule vermietet.
Ein Stück weiter steht in Bestlage ein Wohnblock direkt am Ufer, bei dem die Stützen der Kolonnade die Steinplatten verlieren. Angesichts des weiten Ausblicks auf die Lagune erwartet man hier große Panoramafenster. Doch Cino Zucchi verpasste dem Sozialbau Fenster im Schießscharten-Format. Zu-
mindest bleibt den Bewohnern so der Blick auf den Müllplatz unter ihren Fenstern erspart. Der Standort dieser überdimen-sionalen Mülldeponie ist der größte Makel des Campo. Hinzu kommt die vertane Chance, eine alte Bunkeranlage zu nutzen, zum Beispiel für eine kulturelle Einrichtung. Stattdessen Müll, Sperrmüll, Ratten, beißender Gestank. Zucchi störten nach Fertigstellung seiner Bauten nur die Schuhe auf den Fenstersimsen, die er fotografierte und der Stadt meldete, erzählt ein junger Architekt, Anwohner des Campo. Ein Schandfleck sind auch die über hundert Meter langen, in rote Backsteine gefassten Hochbeete für eine Handvoll Bäume. Ob der Planer wusste, dass er Venedigs größte Hundetoilette baute? Man hat den Eindruck, dass jeder Insulaner auf der Giudecca mindestens einen Hund hat und alle gehen Gassi in die Junghans-Beete. Die Philosophie der gesamten Planung war, die viel beschworene „venezianische Typologie“ mit einer zeitgenössischen Syntax zu interpretieren. Der Campo Junghans erinnert jedoch eher an eine anonyme Durchgangsstraße. Niemand verweilt hier länger, als bis das Hundehäufchen gefallen ist. Nur die Giudecca-Jungs benutzen den Campo als Bolzplatz, bis entnervte Anwohner die Carabinieri rufen, denn die Akustik – im Hohlraum unter den Betonplatten des Platzes lagern Fäkalien-Tanks – verstärkt den Lärm explosionsartig.
Fazit: Leider wurde die Chance, die sich der Insel mit dem Niedergang der Industrien nach dem Zweiten Weltkrieg bot, kaum genutzt. Der Campo Junghans ist eine einzige Bausünde, ein – preisgekröntes – architektonisches Armutszeugnis. Darüber können auch nicht die drei neuen niedlichen Brücken hinwegtäuschen. Warum kann nicht gerade hier eine Ausstellung mit Großveranstaltung während der Architektur-Biennale stattfinden? Auch dieser Campo ist ein Teil von Venedig und verlangt nach neuen Ideen.
Fakten
Architekten Zucchi, Cino, Mailand
aus Bauwelt 32.2013
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