House of One

Selten hat eine Architektur die Debatte über Religionsverständigung so beflügelt wie das House of One in Berlin. Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit soll ein massiver und multireligiöser Ziegelbau von Kuehn Malvezzi entgegengesetzt werden

Text: Crone, Benedikt, Berlin

    House of One, ohne Turm
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    House of One, ohne Turm

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    House of One: Die "Stadtloggia" erhöht den Aufbau auf 40 Meter
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    House of One: Die "Stadtloggia" erhöht den Aufbau auf 40 Meter

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Der rund 40 Meter hohe Turm mit „Stadtloggia“ und kupferbelegter Kuppel soll öffentlich zugänglich sein.
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Der rund 40 Meter hohe Turm mit „Stadtloggia“ und kupferbelegter Kuppel soll öffentlich zugänglich sein.

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Die zentrale Halle
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Die zentrale Halle

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Die Ausgrabungshalle mit den Resten der Petrikirche im Untergeschoss
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Die Ausgrabungshalle mit den Resten der Petrikirche im Untergeschoss

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Erdgeschoss des aktuellen Entwurfs (2016). Zuschnitt und Gestalt der Sakralräume und der Halle wurden verändert.
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Erdgeschoss des aktuellen Entwurfs (2016). Zuschnitt und Gestalt der Sakralräume und der Halle wurden verändert.

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Obergeschoss des aktuellen Entwurfs (2016).
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Obergeschoss des aktuellen Entwurfs (2016).

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Schnitt durch die Halle mit „Stadtloggia“, der Syna­goge (rechts), der Moschee; tief unten die Ausgrabungen
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    Schnitt durch die Halle mit „Stadtloggia“, der Syna­goge (rechts), der Moschee; tief unten die Ausgrabungen

    Abb.: Kuehn Malvezzi

    1 Gertraudenstraße, 2 Petriplatz, 3 Archäologisches Zentrum (in Planung), 4 Neubau Hotel, 5 Staatsoper, 6 Humboldt-Forum (Schloss)
    Abb.: Kuehn Malvezzi

    1 Gertraudenstraße, 2 Petriplatz, 3 Archäologisches Zentrum (in Planung), 4 Neubau Hotel, 5 Staatsoper, 6 Humboldt-Forum (Schloss)

    Abb.: Kuehn Malvezzi

House of One

Selten hat eine Architektur die Debatte über Religionsverständigung so beflügelt wie das House of One in Berlin. Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit soll ein massiver und multireligiöser Ziegelbau von Kuehn Malvezzi entgegengesetzt werden

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Kann bereits die Idee eines Gebäudes weltweit für Schlagzeilen sorgen? Sie kann. Die Washington Post, The Guardian, das Lifestyle Magazin Vice, der israelische Sender i24News und Aljazeera – sie alle berichteten über das House of One, das am Berliner Petriplatz entstehen soll. Die Gretchenfrage, ob sich Christentum, Judentum und Islam innerhalb einer Gesellschaft vertragen, wird mit einem Entwurf beantwortet: Kommet alle und sehet auf diesen Grundriss – es geht!
In Werbevideos für das Projekt halten Pfarrer, Rabbiner und Imam wie drei Musketiere hellrote Ziegelsteine in die Höhe: alle für ein Gebäude, ein Gebäude für alle drei Buchreligionen. Hin und wieder ist Architekt Wilfried Kuehn zu sehen, wie er das Modell des House of One auf einer Holzscheibe balanciert. Sein Büro Kuehn Malvezzi gewann 2012 den beschränkten Wettbewerb mit einem Entwurf, der – von außen – auf jede Re­li­gionssymbolik verzichtet (Bauwelt 37.2012). Die Symbolkraft des Projekts, jenseits von Kreuz, Kirchturm und Minarett, ist die Stärke des Vorhabens. Sicherlich könnte auch ein anderer Entwurf der Idee eines multireligiösen Gebäudes gerecht werden. Die Wettbewerbsbeiträge von 2012 zeigen allerdings, wie schwierig es ist, dem sakralen Gebäude von außen keine eindeutige Funktion einzuzeichnen, ohne es vollends gesichtslos werden zu lassen. Kuehn Malvezzi gelingt die Gradwanderung, indem das Büro vier unterschiedlich geformte Kuben aneinandersetzt, die durch das einheitliche Material einer massiven Ziegelwand ineinander übergehen. Die Religionszugehörigkeit der drei Räume ist von außen zu erahnen: ein sechseckiger Grundriss für die Synagoge, ein höherer Quader mit Lichtschlitzen für die Moschee und ein rechteckiger Grundriss für den an der Eingangsseite liegenden christlichen Kirchenraum. Es sind die einfachen geometrischen Formen, auf die sich in dem Entwurf die Buchreligionen als bauhistorisch verbindende Architektursprache einigen können, als wurzelten sie im gleichen Alphabet mit unterschiedlicher Verwendung der Buchstaben.
Mit dem rund 40 Meter hohen Turm mit „Stadtloggia“ gelingt dem Bau, die Sichtachse aus der Brüderstraße mit einem Hochpunkt zu schließen. Ein im Planwerk Innenstadt vorgesehener Stadtplatz entsteht damit jedoch nicht an der viel befahrenen Gertraudenstraße, sondern zum benachbarten Archäologischen Zentrum von Florian Nagler Architekten (Bauwelt 6.2013). Zwischen beiden Neubauten soll sich eine Terrasse spannen, die rund 1,5 Meter über Straßenniveau liegt. Dadurch entkommen die Besucher nicht nur Lärm und Abgasen der Gertraudenstraße; es entsteht auch Raum für eine unterirdische Verbindung zwischen dem Archäologischen Zentrum und dem House of One.
Florian Nagler Architekten hatten ihren Entwurf – ebenfalls ein Ziegelbau – stark auf das House of One abgestimmt, obwohl dessen Realisierungstermin noch offen ist. „Auch wir wollen die weitere Planung des Stadtraums Petriplatz zusam­men mit Florian Nagler durchführen“, sagt Kuehn. Für den ersten Bauabschnitt benötigen die Ini­tiatoren des House of One 10 Millionen Euro, für das Gesamtprojekt 43,5 Millionen. Der Spendenstand liegt derzeit bei 4,3 Millionen. Einen wesentlichen Anschub gab in diesem Sommer die Bereitstellung von Fördermitteln: 2,2 Millionen durch das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ und weitere 1,2 Millionen Euro durch das Land Berlin. Die privaten Spenden des Crowdfundings stammen zum Großteil aus Deutschland, gefolgt von Frankreich und den USA. Das Geld trifft schleppender ein als erhofft.
Natürlich lässt sich auch Kritik finden. Warum wird ein Haus, dass für Offenheit und Austausch stehen will, selektiv für nur drei Religionsgruppen errichtet: jüdisch, evangelisch-protestantisch und muslimisch? Weil sich eben diese drei Bauherren zusammengefunden haben, sagt Kuehn und prophezeit: Das Gebäude werde gerade von Menschen besucht, die ohne oder anderen Glaubens sind. Im Vorentwurf vergrößerten die Architekten daher den von Säulen gesäumten Verkehrsraum, in dem alle drei Sakralräume zusammentreffen und gemeinsame Veranstaltungen stattfinden sollen. Die spiralförmige Wegführung zu den Sakralräumen scheint auf den ersten Blick verwirrend – für Kuehn ist der geschwunge­ne Zugang ein Zeichen für das „rituelle“ Betreten und Bewegen durch ein religiöses Gebäude.
Inzwischen hat das Berliner Büro Brandschutz, Haustechnik und bauphysikalische Lösungen nachweisen können, nächstes Jahr steht die Entwurfsplanung an. Die Baukante zur Gertraudenstraße wurde begradigt, entsprechend einer alten Grundmauer, was besser sei in der Raumwirkung, so Kuehn. Es wurde auch der Rhythmus der Schlitze im Turmgeschoss geändert, wodurch sich die Seiten wie ein Vorhang zu öffnen scheinen. Die Sakralräume wurden mit den drei Religionsgruppen durchgesprochen und u.a. der rechteckige Grundriss des islamischen Teils in einen quadratischen abgeändert. Dadurch können Frauen und Männer auf einer Ebene – aber mit Abstand – beten. Die dafür nötige Verlängerung des Baus ist mit der Stadt abgesprochen.
Die Zukunft ist ungewiss. Gut möglich, dass das Projekt für eine längere Zeit in der ersten Bauphase verharren und nur ein kopfloses Sockelgeschoss am Petriplatz stehen wird. Wilfried Kuehn sieht es entspannt, Abstriche will er nicht machen: „Wir ziehen eine Nichtrealisierung einer schlechten Realisierung vor.“ Das Gebäude soll sich jedoch mit der Zeit wandeln und neuen Ansprüchen anpassen dürfen. Tatsächlich wäre es wohl die größte Anerkennung als Sakralbau, würden Inhalt und Form nicht nur über Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte von neuen, Europa durchziehenden Glaubensströmungen ausgehöhlt und neu befüllt, ähnlich großer Vorbilder wie dem Pantheon oder der Hagia Sophia. Das House of One würde dafür bereits an die sakrale Ortsgeschichte anschließen, indem es auf den Grundmauern der in der DDR abgerissenen Petrikirche ruht. Für die Gegenwart aber bildet das Gebäude in Gedanken den wichtigsten Debattenbeitrag – mit einer womöglich weiterreichenden Wirkung als eine Realisierung sie hätte.
Fakten
Architekten Kuehn Malvezzi, Berlin
Adresse Petriplatz, 10178 Berlin


aus Bauwelt 34.2016
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