Hacker und Hippies: Die Neuprogrammierung der Stadt

Wenn die Stadtverwaltung ihren Aufgaben nicht mehr nachkommt, kann man sich beschweren – oder die Sache selbst in die Hand nehmen. In San Francisco arbeiten Künstler und Bewohner mit digitalen Strategien an den Alltagsproblemen der Stadt. Sie scheuen sich weder vor offenen Daten noch vor der Zusammenarbeit mit der Polizei und IT-Firmen. Die Autorin ist Teil dieser Szene.

Text: Melchor, Josette, San Francisco (US)

    Wie werden aus Parkplätzen Parklets? Die Stadtverwaltung von San Francisco hat dazu ein 76-seitiges Manual herausgegeben.
    Grafik: www.pavementtoparks.org

    Wie werden aus Parkplätzen Parklets? Die Stadtverwaltung von San Francisco hat dazu ein 76-seitiges Manual herausgegeben.

    Grafik: www.pavementtoparks.org

    43 Parklets gibt es in SanFrancisco, manche impro­visiert und grün ...
    Foto: Flickr, Stella Kim

    43 Parklets gibt es in SanFrancisco, manche impro­visiert und grün ...

    Foto: Flickr, Stella Kim

    ... manche durchgestaltet, wie das Swissnex-Parklet von Gehl Architects und dem ETH Zürich Urban Think Tank.
    Foto: Flickr, Stella Kim

    ... manche durchgestaltet, wie das Swissnex-Parklet von Gehl Architects und dem ETH Zürich Urban Think Tank.

    Foto: Flickr, Stella Kim

    Nah an der Schmerzgrenze: Für TenderNoise haben Bürger, Verwaltung und Firmen eine Lärmkarte des Viertels Tenderloin erstellt und dann mit einer Kriminalitätskarte verglichen.
    Screenshot: tendernoise.movity.com

    Nah an der Schmerzgrenze: Für TenderNoise haben Bürger, Verwaltung und Firmen eine Lärmkarte des Viertels Tenderloin erstellt und dann mit einer Kriminalitätskarte verglichen.

    Screenshot: tendernoise.movity.com

Hacker und Hippies: Die Neuprogrammierung der Stadt

Wenn die Stadtverwaltung ihren Aufgaben nicht mehr nachkommt, kann man sich beschweren – oder die Sache selbst in die Hand nehmen. In San Francisco arbeiten Künstler und Bewohner mit digitalen Strategien an den Alltagsproblemen der Stadt. Sie scheuen sich weder vor offenen Daten noch vor der Zusammenarbeit mit der Polizei und IT-Firmen. Die Autorin ist Teil dieser Szene.

Text: Melchor, Josette, San Francisco (US)

San Francisco ist ein weltweit führendes Zentrum technologischer Entwicklungen – und lockt wie keine andere Stadt Außenseiter an, die nicht in andere Teile der USA (und der Welt) passen. 1977 wurde Harvey Milk in San Francisco zum ersten offen homosexuellen Abgeordneten der USA gewählt, was der Schwulen- und Lesbenbewegung einen enormen Aufschwung gab. Zehn Jahre zuvor, während des „Summer of Love“, strömten Hippies in die Stadt, viele von ihnen Regierungskritiker und Antikriegs-Aktivisten. Heute beheimatet die Bucht von San Francisco mit Apple, Google, Microsoft und Facebook vier der sechs größten Unternehmen der Welt. Es gibt einen konstanten Zuzug von Menschen, aber nicht genug Land und Mittel, um den Wohnungsbedarf zu decken. Wie die Journalistin Kim-Mai Cutler schreibt, „verbiegen sich die Städte in der Bay Area in immer seltsamere Positionen, nur um die elementarsten öffentlichen Dienste aufrecht zu erhalten. Vorstädte wie Cupertino, wo sich der Hauptsitz von Apple befindet, müssen inzwischen für Millionen Dollar öffentlichen Wohnraum für Lehrer schaffen, da die Lebenshaltungskosten mit dem jährlichen Einstiegsgehalt von 55.000 Dollar nicht mehr bezahlbar sind.“ Diese Situation hat dazu geführt, dass Künstler, Designer und Aktivisten begonnen haben, die Stadtplanung in die eigenen Hände zu nehmen – und die Behörden sich sputen müssen, um bei der Unterstützung neuer Modelle hinterherzukommen.
Parkplätze zu Parks
Das bekannteste Beispiel für Bottom-Up-Interventionen im öffentlichen Raum von San Francisco ist die Umgestaltung von Parklücken in kleine Parks, sogenannte Parklets. Das ortsansässige Büro Rebar Art und Design Studio (heute Morelab und Gehl Studio) hat das Konzept 2005 ins Leben gerufen und daraus ein Open-Source-Projekt entwickelt, das kopiert, verändert, verbreitet und genutzt werden kann. 2006 riefen die Initiatoren den ersten „Parking Day“ in San Francisco aus. Seit 2009 unterstützt auch die Stadtregierung San Franciscos die Parklet-Idee mit einem Programm, das Gehwege zu Parks umwidmet. Damit wurde das Parklet zu einem offiziellen Teil der Stadtplanung. Die Vorgehensweise ist einfach: Die Stadt stellt den Raum zur Verfügung und moderiert den Auswahlprozess. Ein­zelhändler, Nachbarschaftsorgani­sa­tionen und Privatpersonen reichen
einen Lageplan ein, setzen ihren Vorschlag selbst um und sind fortan verantwortlich für Instandhaltung, Ver­sicherung und Betrieb. Das Parklet-Konzept war auf der Stelle erfolgreich, mittlerweile gibt es 43 umgestaltete Parklücken in der Stadt. Probleme tauchten nur in wenigen Fällen auf: Manche Interventionen wurden als zu kommerziell empfunden, weil sie eher den ansässigen Firmen als der Nachbarschaft dienten, andere störten den Verkehr. Doch all das änderte nichts daran, dass die Stadt wegen des großen Interesses die Parklet-Webseite ausbaute, um an­deren Kommunen als Vorbild zu dienen (pavementtoparks.org). Auch der „Parking Day“ wird international nachgeahmt und findet mittlerweile jeden dritten Freitag im September in hunderten von Städten weltweit statt (parkingday.org).
Prototyping in der Stadtplanung
In der konventionellen Stadtplanung haben es Bottom-up-Ideen wie die Parklets schwer. Im Vergleich zu den Siebziger Jahren dauert es heute viermal so lange, bürgerschaftliche Projekte ins Rollen zu bringen. Das mageine Reaktion auf Baulöwen wie den New Yorker Robert Moses sein, der als „Titan der Skyline“ berühmt dafür war, die Behörden nach seiner Pfeife tanzen zu lassen – und wenig Interesse an Vorschlägen von Bürgern oder gar an deren Mitwirkung hatte. „Traditionell werden Städte von Fachleuten mit endgültigen, langfristigen Plänen entwickelt, die in einem fest­gesetzten Zeitrahmen umgesetzt werden. Das Problem dabei ist, dass sich die Kultur schneller verändert als die Infrastruktur. Wir können nicht mehr Schritt halten, daher müssen wir in Städten leben, die wir vor 50 oder 60 Jahren entworfen haben“, schreibt Blaine Merker von Gehl Studio. Könnten die Strategien der IT-Branche (schnelles Experimentieren, häu­fige Wiederholungsverfahren) nicht auch in der Stadtplanung angewen­det werden?
Städtisches „Prototyping“ könnte die gängigen Planungsprozesse ergänzen, indem man Ideen aus der Bürgerschaft kurzfristig testet und teilt, bevor man sie im größeren Maßstab anwendet. Diese Idee ist aus den sogenannten „Hackathons“ hervorgegangen, die die gemeinnützige „Gray Area Foundation for the Arts“ gemeinsam mit der Stadtverwaltung veranstaltet hat, um digitale Anwendungen für das städtische Leben zu entwickeln.Man kann sich städtisches Prototyping als eine Art mehrjährigen Hackathon zur Verbesserung des öffentlichen Raums vorstellen. 2012 fand auf einer Straßenkreuzung in der Innenstadt das erste „Urban Prototyping Festival“ in San Francisco statt: 25.000 Dollar wurden in 25 Prototypen investiert, die in wenigen Monaten entwickelt und an einem verkehrsberuhigten Wochenende umgesetzt wurden. Auf den umgestalteten Gehwegen des Festivals konnten die Bürger so ziemlich alles entdecken, was es an Ideen für die Stadt gibt, von neuen Konzepten für die Straßenbeleuchtung bis hin zu von Künstlern entworfenen öffentlichen Toiletten. Dabei ging es nicht nur um die Präsentation von Projekten, sondern auch darum, Konventionen und Genehmigungsverfahren in der Stadtplanung zu hinter­fragen.
Das Festival war auch eine Antwort auf die Begehrlichkeiten von Immobilienentwicklern, die 2011 durch den Umzug von Twitter in das Mid-Market-Viertel geweckt wurden: Während das Viertel weiterhin die höchste Kriminalitätsrate San Franciscos aufwies, wurden gemeinnützige Organisationen zunehmend verdrängt. 2013 wurde dann sogar eine neue Form der Baugenehmigung entwickelt, die „Living Innovation Zones“, die temporäre Installationen im Bereich der zentralen Market Street zulässt. Die rasch wechselnde Identität der Market Street, die diagonal durch das Stadtzentrum verläuft, wird immer wieder von Anwohnern und der Stadtverwaltung diskutiert. Es ist eine der belebtesten Straßen der Stadt, voll von Fußgängern, öffentlichem Nahverkehr und Touristen. Dennoch gibt es wenige Möglichkeiten zum Verweilen oder für Begegnungen. Als Teil der Aufwertungsstrategie entstand, in Zusammenarbeit mit „District Captains“ wie Autodesk und dem Wissenschaftsmuseum Exploratorium, das „Market Street Prototyping Festival“: 50 Teams haben an drei Tagen interaktive Installationen entlang der Straße gebaut, ein offener Aufruf legte im Vor­feld die Entwurfskriterien fest (unter anderem die Aktivierung der Nachbarschaft). Mehr als 250.000 Menschen nahmen am Festival teil und 25.000 von ihnen stimmten über Projekte ab oder kommentierten sie. Das Festival beeinflusste Prototypisierungsinitiativen weltweit und in anderen Teilen der ­Vereinigten Staaten, wie etwa das „Place Makers Prototyping Festival in New York“ oder das „Code Art Festival in Palo Alto“. Festivals wie diese ändern grundlegend die Art und Weise, wie Städte ihre Bürger in Entwurfsprozesse und Stadtplanung einbinden. Die Behörden von San Francisco arbeiten heute regelmäßig mit „Prototyping“, indemsie Bewohner darin unterstützen, städtische Projekte zu entwickeln (groundplaysf.org).
Offene Daten: Wissenschaft aus Bürgerhand

San Francisco war eine der ersten Städte, die ihre Daten für die Einwohner zugänglich machte. Heute gibt es in den Vereinigten Staaten 46 Städte und Landkreise, die Open-Data-Initiativen betreiben. San Francisco ist in diesem Punkt führend, da es alle Behörden auffordert, die eigenen Daten offen zu legen – mit dem Ziel, Transparenz und Bürgerengagement auf Kommunalebene anzuregen. Wie Daten für die Stadt nutzbar gemacht werden können, zeigt das Projekt „TenderNoise“, das Künstler der „Gray Area Foundation“ gemeinsam mit Programmierern aus der Nachbarschaft, Ingenieuren von Arup, Designern von Stamen und dem Technologieunternehmen Movity entwickelt haben. Das Team installierte Geräuschsensorenin Tenderloin, einem lebendigen, aber armen Stadtteil San Franciscos, in dem in einem Radius von 40 Wohnblöcken Familien, Drogenabhängige, Immigranten, Rentner und andere Gruppen der Bevölkerung leben. Die Kriminalitätsrate ist höher alsin anderen Teilen der Stadt und Polizeieinsätze sind Sisyphosarbeit, denn kaum ist eine Straßenecke den Drogendealern entrissen, tauchen diese um die Ecke wieder auf.
Im Rahmen des TenderNoise-Projekts wurde eine detaillierte Karte der Geräuschpegel des Viertels erstellt. Kurz zuvor hatte Stamen Design „Crime Spotting“ entwickelt, eine Methode, die Daten von Kriminalitätsdelikten visualisiert. Es lag daher nahe, die Datenpools zu Lärm und Kri­minalität zusammenzuführen. Die Beteiligten beider Projekte zögerten zunächst, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen, da sie die vielen Probleme des Stadtviertels deutlich machten und zudem mit Sonden gemessen wurden, die ohne offizielle Erlaubnis der Stadtbehörden aufgestellt wurden. Doch zur großen Überraschung aller Beteiligten waren Polizei, Feuerwehr und andere Behörden von den gesammelten Lärm- und Kriminalitätsdaten begeistert. Schließlich setzten sich auch ­Ehrenamtliche aus dem Viertel für Veränderungen ein und halfen mit, ­mobile Polizeistationen in der Nachbarschaft zu etablieren. Bereits nach kurzer Zeit konnte man Veränderungen in der Polizeiarbeit feststellen: Ein Wechsel vom reaktiven Modus (eingreifen, nachdem die Verbrechen bereits passiert waren) hin zu einer vorbeugenden Rolle.
Kurze Zeit später entstanden auch in Los Angeles und anderen Städten ähnliche Programme. 2010 betitelte der Stadtforscher Adam Greenfield diese positive Reaktion auf den Umgang mit offenen Daten als das „Read Write“-Phänomen. Wenn Nachbarschaften die Genehmigung erhalten, eigene Sensoren zu installieren und so problematische Orte in den Fokus zu rücken, haben Stadtverwaltungen die Möglichkeit, den Umgang mit offenen Daten zu testen. Das bürgerschaftliche ­Engagement, das bei solchen Projekten entsteht, ist ein Motor für weitere Ver­änderungen. Je transparenter die Daten einer Stadt gemacht werden ­können, desto besser.
Inzwischen gibt es in ganz San Francisco Sensoren. Sie brauchen wenigEnergie und sind durch die Partnerschaft mit einem privaten Unternehmengünstig in der Anschaffung sind. Die Stadt genehmigte der Firma SIGFOX sogar, Sensoren in öffentlichen Gebäuden anzubringen. Dafür erhielt SanFrancisco im ­Gegenzug eine Infrastruktur, die neue, von „Civic Hackers“ entworfene ­Anwendungen ermöglichte (also von Bürgern, die mit öffentlichen Daten, Codes und Technologien an Open-Source-Lösungen arbeiten, um auf lokaler Ebene soziale, ökonomische und ökologische Probleme zu lösen). Ein Sensor kostet nur einen Dollar und kann beispielsweise zur Überprüfung von Lecks in den Rohranlagen der örtlichen Wasserversorgung eingesetzt werden, oder für prophylaktische Instandhaltungsmaßnahmen öffentlicher Fahrzeuge.

Von der Smart City zum Smart Citizen
Mit diesen halb öffentlichen, halb privaten Netzwerken sind noch weitereNetzwerke verbunden, sogenannte Do-it-yourself-Netzwerke, wie etwa „Take the Data Canvas: Sense Your City“, das ebenfalls von der Gray AreaFoundation gemeinsam mit den Unternehmen Swissnex und SEEED Studio erarbeitet wurde. Das Team installierte weltweit in sieben verschiedenen Städten einhundert (ebenfalls) kostengünstige Sensoren, um Daten für Forschungs- und Visualisierungszwecke zu sammeln. So entstand ein Austausch zwischen den Stadtverwaltungen in Zürich und San Francisco, an dem auch die ­Universitäten beider Städte beteiligt waren. Während die Sensoren eingesetzt wurden, fanden an den jeweiligen Einsatzorten Workshops statt, in denen Bürger mit Hilfe von Lehrvideos und Open-Source-Leitäden lernen konnten, ihre eigenen Sensoren zu bauen. Durch diesen Wissenstransfer konnten nicht nur große Unternehmen oder Stadtbehörden diese Technologien einsetzen, sondern auch Kunstzentren, gemeinnützige Organisationen und Anwohner.
Ein weiteres Projekt dieser Art ist „Smart Citizen“, das Bürgern ermöglichen soll, Open-Source-Technologien zur politischen Partizipation in Städten zu nutzen. Jenseits von Regierungsstrukturen ­sollen Möglichkeiten für Bürger geschaffen werden, Daten zu untersuchen und zu überprüfen – und in manchen Fällen auch offen zu legen, wenn Daten von Regierungsseite möglicherweise unsachgemäß aufgezeichnet wurden. Im Prinzip sind diese von Anwohnerinitiativen organisierten Netzwerke die neue, technologische Variante der Bürgerwacht. Um diese Netzwerke sinnvoll einsetzen zu können, muss die öffentliche Hand Richtlinien für den Umgang mit öffentlichen Daten etablieren und ihre Informationen in Formaten veröffentlichen, die von gemeinnützigen Initiativen genutzt werden können. Die Fallstudien zeigen: Bürger, die mit Wissen ausgerüstet sind, können sinnvoller an der Demokratie mitwirken. Neue Technologien und der Open-Source-Gedanke können auch dazu beitragen, überholte Prozesse innerhalb der Verwaltung aufzudecken.

Die Stadt braucht mehr privates Geld
Neue Wege in der Stadtentwicklung kann man nur gehen, wenn man mehrMenschen ­dafür begeistert, sich mit den Problemen ihrer Stadt auseinanderzusetzen. Im 20. Jahrhundert war die Stadtentwicklung eher eine statische Angelegenheit: Man erklärte Studierenden die verschiedenen Regierungsbereiche oder brachte ihnen bei, wie man Gesetze verabschiedet. Doch zu diesen Vorgängen kann man sich schwer in Beziehung setzen. Im 21. Jahrhunderts wird dagegen als eine Art lebendiges Laboratorium verstanden. Aus der Stadtentwicklung wurde ein Verbum: Etwas, das man tut und das sichtbare Folgen haben kann. Diese Haltung führt zu einem Ungleichgewicht – zwischen kommerziellen städtischen Projekten der Technologiefirmen wie dem Car-Sharing-Dienst Uber, der Millionen einfährt,und Projekten von gemeinnützigen Initiativen, die sich in der Stadtentwicklung engagieren. Die Stadt braucht mehr Geld von privaten Unternehmen, um die städtische Infrastruktur für alle zu verbessern. Andernfalls wird sie scheitern.
Aus dem Englischen von Shirin Homann

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading