Moderne Galerie des Saarlandmuseums in Saarbrücken


Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums in Saarbrücken, ein Bau der 1960er Jahre, wird Jahrzehnte später erweitert. Nach einer unglücklichen ersten Planung finden die neuen Architekten in dem Altbau den Takt für ihren Entwurf, der als künstlerisches Passepartout in den Freiraum reicht.


Text: Bachmann, Wolfgang, Deidesheim


    Der Künstler Michael Riedel bringt den Besuchern die verstolperte Vorgeschichte des Neubaus mit fragmentierten Passagen aus einer Landtagsdebatte nahe.
    Foto: Ulrich Schwarz

    Der Künstler Michael Riedel bringt den Besuchern die verstolperte Vorgeschichte des Neubaus mit fragmentierten Passagen aus einer Landtagsdebatte nahe.

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

    Nachdem das zunächst planende Büro twoo Architekten das Handtuch geworfen hatte, verharrte das Projekt jahrelang im Rohbau
    Foto: Hans-Christian Schink

    Nachdem das zunächst planende Büro twoo Architekten das Handtuch geworfen hatte, verharrte das Projekt jahrelang im Rohbau

    Foto: Hans-Christian Schink

    Foto: Hans-Christian Schink

    Foto: Hans-Christian Schink

    Innenräume der fertigstellten Erweiterung
    Foto: Ulrich Schwarz

    Innenräume der fertigstellten Erweiterung

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

    Foto: Ulrich Schwarz

Wer sich auf das erweiterte Museum keinen Reim machen kann und ratlos mit gesenktem Kopf über den Vorplatz spaziert, der wird mit jedem Schritt besser verstehen, was ihm die Architek­tur sagen will. Denn die Betonplatten – 3300 Quadratmeter auf dem Boden, 700 an der Fassade – sind mit einem Wortteppich beschriftet. Geknüpft ist er aus Beiträgen der Landtagsdebatte, in der im April 2015 mit Fachleuten die Planung der Architekten Kuehn Malvezzi und des Künstlers Michael Riedel erörtert wurde. Wiedergegeben ist kein Protokoll, sondern ein Textgewebe aus Satzfragmenten. Immer wenn man glaubt, den Faden gefunden zu haben, verschränkt sich der Satz mit einem anderen, zerfällt die Zeile in luftige Wörter, steht Kopf oder verschiebt sich zu einem unleserlichen Buchstabenornament. Und dennoch: Es wird alles erklärt, man nimmt einen Halbsatz auf, und bis man über den Leerraum die nächste Schriftgirlande erreicht, hat man Zeit zum Nachdenken. Ein Hauptwort beherrscht den Parcours: Museum. Schon von weitem zu lesen, aus den angrenzenden Gassen, zwischen Gebäudelücken – sogar aus der Luft. Kein Zweifel, hier ist es.

Das bei der Bevölkerung zunächst umstrittene Außenraumspektakel erläutert die Idee des Umbaus. Michael Riedel hat den Grundriss des vorhandenen Hauses, der einem Raster von 4 x 4 Metern folgt, gedreht und mit den quadratischen Betonplatten im selben Maßstab dupliziert; dort, wo der Neubau im Weg steht, setzen sie sich auf der grob verputzten Fassadenrinde fort. Selbst der Patio des Altbaus taucht als gärtnerische Intarsie wieder auf. Die gestochen scharfe schwar­-ze Schrift ist mit einem aufwändigen Verfahren wetterfest, hitzebeständig und rutschsicher aufgetragen. Was sie nicht verrät: warum sich der Altbau wie ein betonierter Masterplan am neuen Ensemble wiederholt.
Erbschaft dieser Zeit
Dazu müssen wir einige Jahrzehnte zurückgehen. Die modular entwickelten Pavillons der Modernen Galerie entstanden zwischen 1964 und 1976 nach den Plänen von Hanns Schönecker (1928–2005). In der Bauwelt würdigte 1969 ein Dreiseiter den ersten Bauabschnitt: „Während die Berliner Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes und das Bielefelder Museum Philip Johnsons von der Kritik sehr genau unter die Lupe genommen worden sind, ist solche an dem Saarbrücker Bau bisher noch nicht laut geworden. Womöglich rücken bauliche Vorgänge dort nicht so schnell ins allgemeine Bewusstsein. Die Moderne Galerie in Saarbrücken hat nicht den Ehrgeiz, als eigenständiges Kunstwerk seinen Inhalt an die Wand zu spielen, sondern ihm als zweckmäßiges Gehäuse zu dienen.“ Hervorgehoben hat der Bauwelt-Text auch die außergewöhnliche Lage mit dem zum Saarufer offenen Skulpturengarten: „Er bezieht den Fluss, den Baumbestand des Parkes und die weite Landschaft ein.“ Anregung für seinen Entwurf hatte Schönecker bei dem zehn Jahre zuvor errichteten Folkwang Museum in Essen gefunden. Er erinnert uns aber auch an das Berliner Brücke-Museum von Werner Düttmann, der dazu erläuterte, dass in seinem Bau in der märkischen Landschaft des Grunewalds, „nichts die Begegnung des Betrachters mit den Bildern stören und der dennoch die Landschaft einbeziehen sollte“.
Angehaltenes Museum
Die Moderne Galerie in Saarbrücken war immer wieder unter konservatorischen Gesichtspunkten überarbeitet worden, mit höheren Stellwänden erreichte man hilfsweise die nötigen Hängeflächen für die Großformate der Gegenwart. Der Wunsch nach einer Erweiterung hat deshalb schon Hans Schönecker beschäftigt. Er schlug schon kurz nach der Fertigstellung des Museums als Ergänzung der bestehenden Agglomeration aus einem zentralen Foyer mit Auditorium, einem größeren Wechselausstellungsgebäude und dem Dreiklang der zur Saar hin gestaffelten Pavillons einen vierten, unterirdisch mit den anderen Trakten verbundenen Solitär vor. Aber erst 2007 sollte ein zweistufiger internationaler Wettbewerb eine Lösung bringen. Doch die Konkurrenz mit 345 Einreichungen führte auf eine Knüppelstrecke, da der erste Preisträger wegen Überschreitung der Grundstücksgrenzen nicht beauftragt werden durfte. Unter den verbliebenen Platzierten wurde man sich in einem VOF-Verfahren mit twoo architekten aus Köln einig. Ihr Vorschlag eines einfachen Kubus, der an der Westseite an das zentrale Gebäude anschließt und dort den neuen Eingang vorsah, erreichte nur die Rohbauphase. Dann nahmen die Differenzen mit den änderungsfreudigen Auftraggebern überhand, so dass die Architekten 2011 resignierten, nachdem ihr Konzept einer vertikalen „Raumplastik“ durch willkürliche Umorganisa­tionen zerstört war. Von da an lag die Baustelle viereinhalb Jahre still. Der Fortschritt gelang erst mit dem neuen Leiter des Saarlandmuseums, Roland Mönig. Ausgangspunkt für die Umplanung war das Neubaufragment, das radikal vor dem vorhandenen Museum steht. In einem neu­-en Auswahlverfahren erhielten dann Kuehn Malvezzi mit Michael Riedel den Zuschlag.
Auf die Plätze
Damit begann die Neuplanung, diesmal unter diskursivem Einbezug der Öffentlichkeit und unter der Verpflichtung, die ursprünglich festgesetzten Kosten einzuhalten (was Schwarz auf Weiß auf den Betonplatten vor dem Gebäude beurkundet wird). Was wir heute sehen, ist eine Hommage an das Ursprungshaus und eine Umschreibung des überlassenen Werks der Kollegen. Hinzu kam die Gestaltung des Außenraums, hier konnte man für den Rapport von Michael Riedels Schriftfeldern ein geordnetes Gegenüber erreichen, nachdem die Musikhochschule ihr wüstes Baugemenge durch eine Zugangsrampe beruhigen ließ und ein Fußweg zum Fluss auch den Weg zum Museum erleichtert. Denn der künftige Eingang ist nun wieder der alte Eingang.
Das ist das gravierende Revirement von Kuehn Malvezzi: Man betritt das Haus in seinem an­gestammten Schwerpunkt, von dem nach drei Richtungen die Ausstellungsräume und der Zugang zum Skulpturengarten übersichtlich abzweigen: Geradeaus liegt der ehemalige Wechselausstellungstrakt, nach rechts wendet man sich zu den drei alten Pavillons, nach links zum vierten, dem in die Höhe entwickelten Neubau. Das vorhandene Foyer wurde von seinen mediokren Einbauten befreit und mit denkmalpflegerischer Sensibilität für Kasse und Nebenräume ergänzt. Die neue Holzvertäfelung schließt kantenscharf an, die Deckenleuchten der 60er Jahre wurden nachgebaut, verstecken aber nicht ihr energiesparendes Innenleben.
Skulptur mit Spielräumen
Der Weg durch den Neubau lässt jetzt keinen Raum aus. Die zuvor als Eingang gedachte glasgedeckte Kathedrale mit 14 Metern Höhe wird nun für Ausstellungen genutzt. Zur Eröffnung bespielt sie Pae White mit einer räumlichen Installation, in der sich satte Farbflächen und zu geometrischen Ornamenten verspann­te Schnüre die Dimensionen teilen. Außerhalb der Führungslinie liegt das „Bistro Schönecker“, in dem das mit Teakholz ausgeschlagene Verkaufs-Kabinett „Wa(h)re Kunst GmbH“ wie ein Gruß aus dem bürgerlichen Wohnzimmer an­heimelt. Die übrige Materialität wird einen bis in die Obergeschosse begleiten: ein grauer Guss­asphalt auf dem Boden und eine offene weiße Installationsdecke.

Dies war dem neuen Leiter wichtig. Er wollte keine museale Aura, sondern von den Künstlern frei bespielbare Umgebungen, in denen sich alle denkbaren Gattungen inszenieren lassen, ohne dass man den Plafond demontieren muss. Das bedeutete, die technischen Eingeweide aus Bindern, Schienen, Lüftungskanälen und Elektroinstallation mussten äußerst penibel montiert werden. Die acht rechtkantigen Räume auf vier Ebenen erreichen passable Höhen bis auf knapp acht Meter. Bodentiefe Fenster erlauben immer wieder den Ausblick in die Umgebung, die auch für Schönecker dazu gehörte. Der Ort ist nach wie vor ein konstituierender Bestandteil der Kunst. „Das Schönste [...] ist das alte Foyer, das ist genial – mit dem Auditorium, dem Lichthof, dem Skulpturengarten und dem Ausblick. Wenn man das erhält, ist der Neubau als Anbau super gelegen“, nahm Wilfried Kuehn während der Bauphase das Ergebnis vorweg. Er hat Recht behalten.



Fakten
Architekten Kuehn Malvezzi, bbz Landschaftsarchitektur, Michael Riedel, Wenzel + Wenzel
Adresse Saarlandmuseum, Bismarckstraße 11-15, 66111 Saarbrücken


aus Bauwelt 23.2017
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading