Kinder- und Jugendzentrum in Berlin


Das Kinder- und Jugendzentrum, das die Architekten Kersten + Kopp am Rand von Berlin-Lichtenberg geplant haben, liegt auf den ersten Blick an einem eher unwirtlichen Ort. Innen aber bietet es seinen Nutzern ein unerwartetes Panorama


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Mit seinen Vor- und Rücksprüngen passt sich das Kinder- und Jugendzentrum in die Situation ein
    Foto: Werner Huthmacher

    Mit seinen Vor- und Rücksprüngen passt sich das Kinder- und Jugendzentrum in die Situation ein

    Foto: Werner Huthmacher

    Trainspotting für Kinder und Erzieher: Die GT6-Züge von Bombardier sind seit 2001 im größten Tramnetz Deutschlands unterwegs. Die Anordnung der Fenster erfolgte mit Blick auf die Größe der Heranwachsenden.
    Foto: Werner Huthmacher

    Trainspotting für Kinder und Erzieher: Die GT6-Züge von Bombardier sind seit 2001 im größten Tramnetz Deutschlands unterwegs. Die Anordnung der Fenster erfolgte mit Blick auf die Größe der Heranwachsenden.

    Foto: Werner Huthmacher

    Die Anordnung der Fenster erfolgte mit Blick auf die Größe der Heranwachsenden
    Foto: Werner Huthmacher

    Die Anordnung der Fenster erfolgte mit Blick auf die Größe der Heranwachsenden

    Foto: Werner Huthmacher

    Die Treppe hoch zum Ausguck dient auch als ansteigendes Gestühl ...
    Foto: Werner Huthmacher

    Die Treppe hoch zum Ausguck dient auch als ansteigendes Gestühl ...

    Foto: Werner Huthmacher

    ...  bei Projektionen auf die Wand gegenüber und bei Vorführungen
    Foto: Werner Huthmacher

    ...  bei Projektionen auf die Wand gegenüber und bei Vorführungen

    Foto: Werner Huthmacher

    Das Foyer sollte mittels einer Glasfaltfassade mit leichter Hand zum Garten zu öffnen sein, doch fiel sie einer Sparrunde zum Opfer
    Foto: Werner Huthmacher

    Das Foyer sollte mittels einer Glasfaltfassade mit leichter Hand zum Garten zu öffnen sein, doch fiel sie einer Sparrunde zum Opfer

    Foto: Werner Huthmacher

Übergänge von einem Teil der Stadt in einen anderen sind gelegentlich eindeutig gezogen. Die Gotlindestraße im Nordosten des Berliner Bezirks Lichtenberg ist solch ein urbaner Schwellenraum: Nördlich von ihr erstreckt sich das bereits im 19. Jahrhundert entstandene Gewerbe- und Industriegebiet Herzbergstraße mitsamt dem Betriebsbahnhof Lichtenberg der Berliner Verkehrsbetriebe (zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme 1913 laut Wikipedia der größte Straßenbahnhof der Welt), südlich beginnt ein Wohngebiet, in dem sich parzellenübergreifend gebaute, viergeschossige Blöcke aus den zwanziger Jahren mit ein paar Zeilenbauten der Nachkriegszeit mischen. Der hohe Grünanteil sowohl im öffentlichen als auch im halböffentlichen Raum lässt das Quartier auch für Familien mit Kindern durchaus attraktiv erscheinen. Für den Nachwuchs wird im März an der Gotlinde-/Ecke Siegfriedstraße ein neues Zentrum eröffnet, als Ersatz für einen Hortbau aus den fünfziger Jahren. Der mit 763.000 Euro budgetierte, 760 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bietende Bau wurde aus Mitteln des Bundesprogramms „Stadtumbau Ost“ finanziert; geplant und durch sämtliche Leistungsphasen betreut haben ihn die Architekten Kersten + Kopp. Seit seinem Erstling, dem „Haus der Jugend“ in Hamburg-Wilhelmsburg (Bauwelt 46.2010), hat die Auseinandersetzung mit der Bauaufgabe „Für den Nachwuchs“ das Berliner Büro beschäftigt. Der Lichtenberger Standort erscheint dabei als in besonderer Weise geeignet für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen durch die römisch-katholische Caritas – das familiäre Zuhause im Rücken, die Arbeitswelt vor sich, regt die Ecke zu Entdeckungen und leicht zwielichtigen Unternehmungen, wie Heranwachsende sie mitunter schätzen, geradezu an.
Unauffällig zweigeteilt
Von der Gotlindestraße aus teilt sich die Einrichtung: Links vom Foyer folgt das Jugendzentrum der Straße, rechts erstreckt sich die Kindereinrichtung in die Tiefe des Grundstücks. Die funktionale Zweiteilung bemerkt der Betrachter nicht, denn das Gebäude bietet mit seiner homogenen Verkleidung aus vorgegrautem Lärchenholz keinen Anhaltspunkt dafür, und das geschickt zwischen den vorhandenen Obstbäumen arrangierte Volumen überspielt die Zweiteilung mit Vorspringen und Zurückweichen. Das Gebäude entwickelt sich eher als Figur auf dem Grundstück, als dass es sich als Idealkörper präsentiert. Neben diesem Eingehen auf den Bauplatz, das sicher mit ausschlaggebend dafür war, dass Kersten + Kopp das Gutachterverfahren für die
Planung des Gebäudes im Jahr 2013 für sich entscheiden konnten, verdient aber auch der Grundriss Beachtung: Dieser kommt quasi ganz ohne Verkehrsflächen aus, indem sich die einzelnen Gruppen-, Sonder- und Nebenräume zu einer Art „Allraum“ hin öffnen, der ebenso als Bewegungs- wie als Aufenthalts- und Gemeinschaftsraum dient.
Trotz dieser grundsätzlich geschickten Lösung hielt das Projekt aber auch Hürden bereit: Die unregelmäßigen Raumgeometrien mit ihren verzogenen Grundrissen unter geneigtem Dach erforderten Sorgfalt bei der Anordnung und Montage der rohen Holztafeln, die das Innere prägen. Ein umlaufender „Horizont“ in Form einer durchgehenden Fuge gab allen Beteiligten Orientierung.
Realisiert wurde das Kinder- und Jugendzentrum als tragender Holzrahmenbau aus Nadelvollholz mit 12 oder 6 Zentimeter tiefen Holzhohlkastenelementen für das Dach. Diese spannen bis zu elf Meter weit von Außenwand zu Außenwand; in den Knicken werden sie mit Hilfe von Grat- und Kehlbalken gestoßen. Das Tragwerk bildet zugleich die fertige Oberfläche des Inneren (mit Ausnahme der weiß gefassten Büros), doch prägt nicht zuletzt auch der grüne Linoleumboden den Raumeindruck.
Höhepunkt des Gebäudes im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn ist der Ausguck, mit dem Kersten + Kopp die Kinder den Betriebshof der BVG überblicken lassen – was könnte es auch Schöneres geben für heranwachsende Berliner, als das behende Quietschen der knallgelben Straßenbahnen zu belauschen oder das rasante Rangieren von Doppelstockbussen zu verfolgen? Von diesem Raum aus, so lernen sie beiläufig, führt ihr Lebensweg in die weite Welt, wird sich ihre Gemeinschaft verzweigen wie das Gleisfeld der Abstellanlage. Ein Extralob daher auch der BVG, die, wie die Architekten berichten, zunächst wenig Neigung verspürt habe, sich von Kindern beobachten zu lassen, sich schließlich aber doch mit dem ungewohnten Publikum anfreunden konnte.



Fakten
Architekten Kersten+Kopp, Berlin
Adresse Siegfridstrasse 29, 10365 Berlin


aus Bauwelt 9.2016
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