Friedhofserweiterung


Städter bleiben


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


    Foto: Alessandra Chemollo

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Die mittelitalienische Stadt Gubbio brauchte mehr Platz für ihre Verstorbenen. Andrea Dragoni hat eine Erweiterung des Friedhofs konzipiert, die eine Besonderheit der mediterranen Bestattungskultur in Architektur übersetzt.
Im Norden Europas verbindet sich mit dem Ende eines Menschenlebens meist die Rückkehr seines Leibes in den Schoß der Natur – „Waldfriedhof“ hat sich im Deutschen für diese Art der Bestattung eingebürgert. Immer wieder wurden derartige Anlagen auch von Architekten gestaltet – der Stockholmer „Skogskyrkogården“ von Gunnar Asplund und Sigurd Lewerentz ist ein überragendes Beispiel dafür –, doch beruht ihre Wirkung und Stimmung vor allem auf landschaftsarchitektonischen Elementen und den Geräuschen der Natur; dem Rauschen der Blätter und dem Gesang der Vögel. Anders auf der Südseite der Alpen: Dort bleiben die Verstorbenen Städter, indem sie aus der Stadt der Lebenden umziehen in die Stadt der Toten: in die Nekropolis. Eine Tradition, die etwa in Italien bis heute lebendig ist. Dass eine solche Anlage architektonischer Gestaltung bedarf, liegt auf der Hand. Und ebenso auf der Hand liegt es, dass dabei städtebauliche und architektonische Leitbilder greifen, die zum jeweiligen Zeitpunkt in der Stadt der Lebenden diskutiert werden.
So auch in Gubbio. Der Friedhof der gut 30.000 Einwohner zählenden Stadt in der Region Umbrien, nicht weit von Perugia am Südhang des Monte Ingino gelegen, zeigt die angesprochene kulturelle Verschiebung im Umgang mit dem Tod ebenso wie den Versuch, die von ihm verursachten emotionalen Erschütterungen mit vertrauten Erfahrungen städtischer Raumbildung erträglicher zu machen. Vor gut hundert Jahren rund zwei Kilometer vom mittelalterlichen Zentrum entfernt am südöstlichen Rand der Stadt angelegt, hatte der Friedhof von Gubbio bereits zwei Erweiterungen erfahren, als im Jahr 2004 die Planungen für eine abermalige Vergrößerung begannen: Die erste Erweiterung, südöstlich direkt an den ältesten Teil anschließend, datiert aus der Zeit um 1970 und bildet neben der monumentalen Ursprungsanlage eine räumlich lebendige Struktur aus Sichtbeton aus, die mit ihren intimen Situationen mittelalterliche Dörfer Italiens evoziert. Die zweite Erweiterung, in selber Richtung gelegen, erfolgte etwa zwanzig Jahre später und steht für die rationalistischen Ideen jener Zeit. Nun also, wiederum nach rund zwanzig Jahren, der nächste Bauabschnitt, dieses Mal talseitig der postmodernen Erweiterung vorgelagert.
Das Areal hatte die Stadt bereits für die Vergrößerung des Friedhofs erworben und mit einer hohen Ziegelmauer umgeben, als sie den jungen Architekten Andrea Dragoni aus Perugia mit dem Entwurf für die Erweiterung beauftragte. Die dann in zwei Phasen bis 2011 realisierte Totenstadt ragt mit dem hellen Travertin ihrer Bestattungshäuser über die Krone dieser Mauer – und auch mit den Solarpaneelen, die inzwischen durch die Stadt obendrauf montiert worden sind. Trotz dieser Verfremdung ist die Präsenz der steinernen Quader aber schon von außen spürbar, etwa wenn man von der Landstraße blickt, die entlang des Höhenzugs verläuft.
Inspirationen, Assoziationen, Konnotationen
Sein Entwurf sei in einigen Punkten von der historischen Architektur im Zentrum von Gubbio angeregt, von dessen Materialität und von der räumlichen Struktur, erläutert der Architekt. So spiegele die strenge Reihung der Blöcke mit den Bestattungskammern den Grundriss des spätmittelalterlichen Quartiers San Pietro, die horizontale Gliederung der kleinen Kapelle gegenüber dem Eingang spiele auf die Ziegelbänder an den Fassaden der nicht vollendeten Palazzi an, der helle Travertin gleiche der Farbe des Steins, der im Mittelalter für die öffentlichen Gebäude von Gubbio verwendet wurde – allen voran der Palazzo dei Consoli an der Piazza Grande (s. Inhaltsseite). Diese vertrauten Phänomene verbinden sich mit einer eigenständigen Raumschöpfung: den „Plätzen der Stille“, die in der Mittelachse des Bestattungsfeldes aufgereiht sind – Schwellenräume, die dem Besucher das Projekt für neue Erfahrungen öffnen. Zunächst erscheinen sie wie Innenräume, zu betreten nur durch schmale Türen und nach außen geöffnet allein  über jeweils ein quadratisches Fenster. Durch dieses aber fällt der Blick nicht etwa auf eines der beiden Landschaftselemente, die für die Raumwahrnehmung in der Stadt bestimmend sind – das Tal oder den Hang –, sondern richtet sich nach oben, in den Himmel. Dragoni verweist auf die „Skyspaces“ des US-amerikanischen Künstlers James Turrell, die ihn zu diesen Himmelsfenstern inspiriert hätten. Herbei-zitiert aber wirken sie ganz und gar nicht, im Gegenteil. Nicht nur erscheint ihre christliche Konnotation im katholischen Italien berechtigt, sie stellen auch ganz unmittelbar eine der Bestattungskultur des Landes angemessene Geste dar, lassen die vorüberziehenden Wolken doch unweigerlich an den Rauch der Einäscherung denken – Erdbestattungen werden auf dem neuen Friedhof von Gubbio nicht vorgenommen. Und indem die durch das Himmelsfenster einfallende Sonne im Tagesverlauf unterschiedliche Trapeze auf die unverkleideten Betonwände der Piazze zeichnet, wird das unaufhaltsame Verstreichen der (Lebens-)Zeit für den Besucher sichtbar. Die Kunstwerke, die die Künstler Sauro Cardinali und Nicola Renzi außerdem noch für die vier Plätze geschaffen haben, lenken von dieser Wirkung eher ab, als dass sie sie noch verstärken könnten.
Vom Architekten selbst ist das schräg im Raum stehende Kreuz im Zentrum der Bestattungsstadt. Seine Form ist dem Freskenzyklus entlehnt, mit dem Giotto Anfang des 14. Jahrhunderts das Leben Christi in der Cappella degli Scrovegni in Padua erzählte. Hier, in 3D und inmitten der strengen Reihung der steinernen Blöcke, erzeugt es eine gewisse Verunsicherung und Instabilität, die den Lebenden vertraut erscheinen dürfte, vielleicht gar Trost spendet. Außerdem wirkt das Kreuz in die vorangegangene Friedhofserweiterung hinein – von deren zentralem Platz aus steht es exakt in der Blickachse zum Tal.
Das komplette Fragment
Noch während die Bestattungsfelder im Bau waren, entschied die Stadtverwaltung, auch das bereits geplante Gebäudeensemble im Nordwesten zu realisieren. Mit ihm entstanden Räume der Friedhofsverwaltung für unterschiedliche Zwecke: ein kleines Büro, Platz für die Gebäude- und Anlagentechnik, Lager für die Gärtner – streng genommen ist der Besucher hier bereits außerhalb der Nekropole, im Kreis der Lebenden. Die etwas andere Bestimmung dieses Bauabschnitts liefert eine formale Bereicherung, wie sie der Erweiterung der achtziger Jahre mangelt und jener der sechziger Jahre im Übermaß zu eigen ist. So bildet sich gleich hinter dem Friedhofstor aus Kapelle, Service-Gebäude und dem ersten Block des Bestattungsfeldes zusammen mit den angrenzenden älteren Erweiterungen eine Situation, die durchaus „urban“ wirkt. Ob der kreisrunde Platz, den der Architekt an dieser Stelle, am Berührungspunkt der drei Erweiterungen, vorgesehen hatte und dessen Rampen die verschiedenen Niveaus auf dem leicht abschüssigen Gelände stufenlos miteinander verknüpfen sollten, dieses Gleichgewicht noch weiter ausbalanciert hätte? Diese Frage wird unbeantwortet bleiben – nach einem personellen Wechsel in der Verwaltung hat sich die Stadt Gubbio gegen die Realisierung entschieden.



Fakten
Architekten Dragoni, Andrea, Mailand/Perugia
Adresse Via di Porta Romana, Gubbio


aus Bauwelt 31.2013
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