Cricoteka in Krakau


Tadeusz Kantor, der polnische Altmeister des Happening, gründete noch zu Lebzeiten sein Archiv. Jetzt hat ihm Kraków ein aufregendes Monument gesetzt


Text: Kleilein, Doris, Berlin


    Blick von der Altstadt: links der Cricoteka ein postmodernes Hotel, dahinter neuer Wohnungsbau
    Foto: Marcin Czechowicz/SMPS Media SA

    Blick von der Altstadt: links der Cricoteka ein postmodernes Hotel, dahinter neuer Wohnungsbau

    Foto: Marcin Czechowicz/SMPS Media SA

    Das Kunstzentrum ist Teil einer Aufwertungsstrategie des rechten Ufers der Wisła. Die Rampe führt hinauf zu einem öffentlichen Platz, die Treppe hinab zum Foyer im Untergeschoss.
    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

    Das Kunstzentrum ist Teil einer Aufwertungsstrategie des rechten Ufers der Wisła. Die Rampe führt hinauf zu einem öffentlichen Platz, die Treppe hinab zum Foyer im Untergeschoss.

    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

    Umarła klasa (Die tote Klasse) von 1975 ist Kantors bekanntestes Theaterstück. Die Requisiten sind Teil der Ausstellung
    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

    Umarła klasa (Die tote Klasse) von 1975 ist Kantors bekanntestes Theaterstück. Die Requisiten sind Teil der Ausstellung

    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

    Foto: Iñigo Bujedo Aguirre

Kann man künstlerische Herangehensweisen auf Architektur übertragen? Führt das nicht zwangsläufig zu Platituden? Der polnische Theatermacher, Maler und Happening-Künstler Tadeusz Kantor (1915-1990) hat die Grenzen zwischen den Künsten immer wieder überschritten, auch die zur Architektur. 1970 präsentierte er seine „Monumente einer unmöglichen Architektur“: Er wollte einen zehn Meter hohen Klappstuhl aus Beton auf den Rynek, Wrocławs Hauptplatz, mitten in den Verkehr stellen, ein überdimensionierter Kleiderbügel sollte zur Brücke über die Wisła in Kraków werden, eine haushohe Glühbirne einen weiteren Platz erhellen. Von diesen ins Monströse vergrößerten Alltagsobjekten wurde nur der Stuhl realisiert, 1995, posthum, neben dem Landhaus Kantors im Dörfchen Hucisco. Seit einigen Monaten steht in Kraków allerdings ein noch viel größeres Monument zu seinen Ehren, das Kunstzentrum Cricoteka, das eigens für die Dokumentation der Werke Kantors erbaut wurde – es gibt wohl nur wenige Künstler, für deren Erbe so zügig nach dem Ableben ein singuläres Bauwerk errichtet wurde. Die Architekten (ein Team aus den ortsansässigen Büros nsMoonStudio und Wizja, die 2006 den offenen Wettbewerb gewonnen haben) spinnen Kantors Obsession mit Alltagsgegenständen weiter und entwickeln daraus eine Strategie für Städtebau und Architektur. Der Entwurf gründet auf einer Zeichnung Kantors, bei der ein Mann unter einem Tisch kriecht: Die Architekten zerschneiden die Tischplatte, bohren mit dem Schornstein der bestehenden Altbauten von unten ein Loch hinein und zerlegen sie in Teile, bis nur noch ein schräges V übrig bleibt, das hoch über den Altbauten auf zwei Beinen steht. Diese Operation folgt nicht unbedingt einer nachvollziehbaren formalen Logik – zu willkürlich erscheint das Zerlegen des Objektes, zur stark der Wille zur Skulptur. Und dennoch: Das Ergebnis überrascht, und es funktioniert auf seine eigene, nahezu irrationale Wei-se auf allen Ebenen, architektonisch wie städtebaulich.
Unter den Tisch kriechen
Der Stadtteil Podgórze südlich der Wisła, in dem das Kunstzentrum weithin sichtbar am Flussufer steht, ist nicht unbedingt ein touristischer Hotspot. Massenwohnungsbau aus der Nachkriegszeit und Industrie prägen das Bild – die meisten Besucher bleiben in der prächtigen, im Zweiten Weltkrieg kaum zerstörten Altstadt am gegenüberliegenden Ufer. In Podgórze errichteten die Nationalsozialisten 1941–43 das jüdische Ghetto; Touristen kommen vor allem zum Gelände der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler, wo 2010 ein Dokumentationszentrum zur deutschen Besatzung Krakóws 1939–45 eröffnet wurde. Mit der Cricoteka entstand in Laufweite zu Schindlers Fabrik ein ganz anderes, zeitgenössisches Aushängeschild des Viertels. Das Kunstzentrum, über eine neue Fußgängerbrücke an die Altstadt angebunden, ist Teil einer städtebaulichen Aufwertungsstrategie für das rechte Wisła-Ufer. Zur Wettbewerbsaufgabe gehörte die Sanierung und Einbeziehung eines weitgehend leerstehenden kleinen Kraftwerks aus dem frühen 20. Jahrhundert, ein Ensemble aus zweigeschossigen Backsteinbauten mit Satteldach, einem Schornstein, einem Wohnhaus. Die Architekten inszenieren den Bestand auf surreale Art: Der neue Baukörper legt sich um und über die Häuschen, die nach den Vorgaben des Denkmalschutzes mit frisch sanierter Streifenfassade, rotem Ziegeldach und blauen Fensterrahmen um die Wette strahlen – und das gleich doppelt, da sie sich in der mit Edelstahl verkleideten Untersicht des Ausstellungsgeschosses spiegeln. Die Architekten machen keinen Hehl daraus, dass sie den Bestand gerne anders, weniger pittoresk saniert hätten. Ihr Umgang mit den historischen Artefakten ist als kleiner Seitenhieb auf die allzu perfekten Rekonstruktionen zu verstehen: In den beiden Häusern sind neben Seminarräumen und Büros das Archiv des Künstlers und ein völlig in Schwarz gehaltener Theaterraum untergebracht, das Herzstück der performativen Kunstauffassung Kantors. Die Altbauten sind für Theaterbesucher aber nicht von der Straße aus, sondern von unten, über das tiefergelegte Foyer des Neubaus erschlossen. Die Besucher müssen also ersteinmal unter den Tisch kriechen, um Tadeusz Kantor kennenzulernen.
Der Neubau, diese mit perforierten Platten aus Cortenstahl verkleidete Skulptur, zeigt je nach Standpunkt seine brutale Breitseite oder seine elegante Schmalseite. Er ist die Hülle für ein eher kleines Programm: das Untergeschoss mit Foyer und Buchladen, dazwischen die beiden Treppenaufgänge, oben das Ausstellungsgeschoss mit Café. Die Architekten greifen auf Kantors Technik der Emballage zurück, wonach das Verpacken eines Objektes seine wahre Natur enthüllt, und pumpen das Raumprogramm soweit auf, dass es für eine gewisse Monumentalität ausreicht.
Weder Mausoleum noch Museum
Die mächtigen Tragstrukturen (das Stahlbetonfachwerk der Treppenhäuser und die Stahlträger des Ausstellungsgeschosses) sind in den Innenräumen ablesbar und geben dem Haus etwas gepflegt Brachiales. Durch das eingestanzte Lochmuster der Fassade fällt Sonnenlicht in die Treppenhäuser, so dass man gerne auf den Aufzug verzichtet, um nach oben in die Ausstellung zu kommen. Dort sind die Wände geschlossen, zum Fluss hin kann aber eines der großen Wandfelder mechanisch zu Seite geschoben werden. Die beiden Ausstellungsräume sind Sackgassen, anders als es der Baukörper mit seinen beiden Beinen nahelegt: Das zweite Treppenhaus dient nur als Fluchtweg. Der größere Raum ist Wechselausstellungen vorbehalten, der kleinere der Sammlung Kantor. Eine erste Auswahl führt in die Etappen seines Theaterschaffens ein: vom „Unabhängigen Untergrundtheater“, das Kantor 1943 während der deutschen Besatzung gründete, über das nach dem Krieg ins Leben gerufene „Cricot 2 Theatr“ bis zum „Theater des Todes“. Ganz im Sinne Kantors, der die Cricoteka 1980 als „lebendes Archiv“ selbst gründete, ist Performance das Konzept des neuen Hauses. Weder ein Mausoleum noch ein Museum wünschen sich die Betreiber, sondern Theateraufführungen, Lesungen, Diskussionen. Die Exponate bestehen aus Bühnenbildern und Requisiten, ergänzt um Videos von Aufführungen und Lebensstationen. Die Zeichnungen Kantors sind am bisherigen Standort der Cricoteka in der Krakówer Altstadt verblieben.
Der Platz am Fluss
Ob die im Oktober 2014 eröffnete Cricoteka auch zu einem Ort für die Einwohner der Stadt wird, muss sich noch zeigen. Einen Investor hat der Neubau bereits angelockt, er hat in zweiter Reihe an der Nadwiślańska-Straße einen Komplex mit Eigentumswohnungen und edlen Läden fast zeitgleich mit dem Kunstzentrum fertiggestellt – wie eine dunkle Wand steht er hinter der Cricoteka, die verklinkerte Fassade weit weniger ambitioniert, aber die Penthäuser mit Cortenstahl verkleidet. Auch ein neues Restaurant zeugt davon, dass die raue Uferzone schick werden könnte, die Lage am Fluss lädt dazu ein.
Es wäre allerdings zu leicht, die Cricoteca nur als eine „Signature Architecture“ zu sehen, als einen Vorboten der Gentrifizierung im Dienst des Stadtmarketing. Die Architekten haben ein Wahrzeichen gestaltet, das neugierig macht. So geschlossen es von weitem wirkt, so selbstverständlich öffnet es sich der Nachbarschaft. Das nach oben gestemmte Ausstellungsgeschoss und das in den Boden versenkte Foyer lassen Raum für einen erhöhten, 600 Quadrat-meter großen Platz mit Blick über den Fluss, der über ein paar Stufen vom Gehweg aus und über eine lange Rampe betreten werden kann. Er ist vor Regen geschützt, und die spiegelnde Unterdecke hoch über den Köpfen macht aus den historischen Uferanlagen, aus Menschen und Objekten ein unwirkliches Setting. Die Architekten bieten der Öffentlichkeit einen Ort an, der ganz anders ist als die vielen schönen barocken Plätze der Stadt – er fordert die Wahrnehmung, den verwunderten Blick auf den Alltag. Kraków hat jetzt ein Monument für das, was mit zeitgenössischer Architektur möglich ist.



Fakten
Architekten nsMoonStudio, Krakau
Adresse Cricoteka Nadwiślańska 2 Kraków


aus Bauwelt 8.2015
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