Bischöfliches Cusanus-Gymnasium


Auf dem Pausendach


Text: Winterhager, Uta, Bonn


    Foto: Fabian Decker

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    Foto: Matthias Schmidt

    Foto: Matthias Schmidt

Zum dritten Mal wurde an dem Bischöflichen Cusanus-Gymnasium in der Koblenzer Innenstadt weitergebaut. Die größte Herausforderung lag für den Architekten Peter Thomé in der Realisierung eines multifunktionalen Versammlungsraums, ohne dabei den Außenraum des Schulgeländes weiter einzuschränken.
„Funktionalität, Flexibilität und Ästhetik“ – der Direktor des Bischöflichen Cusanus-Gymnasiums in Koblenz überlegt keine Sekunde, welche Kriterien ihm bei der Sanierung und Erweiterung seiner Schule wesentlich gewesen sind. Offenbar hat er schon so viel darüber geredet, dass die drei Schlagworte genügen müssen. Auch auf die Frage nach der Rolle der Ästhetik im Schulalltag kommt die Antwort prompt: „Wertschätzung.“ Schüler und Lehrer verbrächten hier schließlich den ganzen Tag, da möchte man ihnen ein ansprechendes Umfeld bieten. Damit wird eines ganz klar, der Blick der Schule ist nach innen gerichtet, hier geht es nicht um Selbstdarstellung und Wettbewerb, sondern um das tägliche gemeinsame Leben und Lernen.
Bis Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts befand sich das Bischöfliche Cusanus-Gymnasium, 1902 als höhere private Töchterschule gegründet, in der Trägerschaft der Ursulinen von Calvarienberg. Heute besuchen rund 870 Schülerinnen und Schüler aus dem gesamten nördlichen Bereich des Bistums Trier die Schule in der Koblenzer Südstadt. So wie sich das Profil der Schule in den vergangenen hundert Jahren veränderte, waren auch die Pädagogik und die Vorstellung davon, was eine Schule noch alles zu leisten habe, einer kontinuierlichen Fortentwicklung unterworfen. Als das Bistum den Koblenzer Architekten Peter Thomé 2004 mit der Sanierung und Erweiterung der Schule beauftragte, fand er ein dichtes Konglomerat von Bauformen und -stilen vor, mit dem der Gründerzeitbau von der Hohenzollernstraße aus stetig in den Blockinnenraum erweitert worden war. Die bis zu viergeschossigen Unterrichts- und Verwaltungsbauten aus den 50er und 70er Jahren bildeten mit der aufgeständerten Dreifeld-Sporthalle eine E-förmige Struktur. Thomé empfand sie zwar als „gut funktionierend“, konnte aber kaum räumliche und noch weniger freiräumliche Qualitäten darin erkennen.
Eine bemerkenswerte Maßnahme, mit der die Schule ihre Übernahme durch das Bistum 1971 markierte, war die einheitliche Gestaltung aller Fassaden durch den Künstler Diether Domes. Alle Gebäude wurden von ihm mit weißgrundigen Aluminiumpaneelen verkleidet, die teilweise mit abstrakten Mustern in Rot-, Orange- und Brauntönen bedruckt wurden. Hinter dieser futuristischen Gebäudehülle verschwanden nie behobene Kriegsschäden und stilistische Brüche, sodass sich die Schule mit einem homogen kaschierten Ensemble auffällig zukunftsorientiert darstellte. Heute, da die Schule sozusagen in der Zukunft angekommen ist, mag man den Retrocharme der schrägen 70er-Jahre-Kunst-am-Bau belächeln, entfernen möchte und darf man ihn nicht. Ein Oberstufenschüler erklärt die Bedeutung der farbigen Flächen: „Zungen wie von Feuer“ sollen sie darstellen, als Sinnbild für den Heiligen Geist, der die Schule umgibt – gegen diese wunderbare Form der Erleuchtung kann und sollte man nichts sagen.
Bauen ohne Grundstück
Bistum und Schule traten mit mehreren kleinen und zwei großen Aufgaben an Peter Thomé heran: Innerhalb des Bestandes sollten Fach- und Klassenräume eine Neuorganisation erfahren und eine Kita für die Kinder des Kollegiums sowie ein Schülercafé geplant werden; die Sporthalle, bei der man in den 70er Jahren aus Kostengründen auf die flammenumwehte Verkleidung verzichtet hatte, erfordete eine technische und energetische Sanierung; neu gebaut werden sollte ein großer multifunktionaler Versammlungsraum, allerdings so, dass die Schule nichts von ihrer ohnehin schon knapp bemessenen Außenfläche einbüßt. Bauen ohne Grundstück ist ein schwieriges Unterfangen, wenn dies dann noch bei laufendem Schulbetrieb vonstatten gehen soll, eine echte Herausforderung.
Thomé entschied sich, den Neubau für die Aula auf die größte Freifläche des eigentlich nur aus Zwischenräumen und Erschließung bestehenden Schulgeländes zu errichten, zwischen dem dreigeschossigen Riegel aus den 70er Jahren und der Sporthalle. Somit steht die inzwischen „Klangraum“ genannte Aula genau im Mittelpunkt des Schulgeländes. Eine Position, die hohe funktionale, aber auch gestalterische Ansprüche generiert. Der Neubau schließt über die frühere Pausenhalle an den Bestand an und kann dadurch die Fläche des vormals halboffenen, um ein halbes Geschoss abgesenkten Bereichs schließen und als großzügiges Foyer nutzen. Natürlich belichtet und mit hochwertigen Materialien gestaltet, erfährt die von den Schülern zuvor nie wirklich geschätzte Pausenhalle eine enorme Aufwertung.
Der Klangraum bietet dank seiner möglichen Unterteilung durch mobile Wandelemente verschiedene Raumszenarien und kann demnach sowohl für den Musikunterricht als auch für Konferenzen und Seminare, oder in seiner vollen Größe für Abiturfeiern, Konzerte und Theateraufführungen genutzt werden. Zum Vorraum gelangt man über das Schulgebäude oder auch über den Schulhof, sodass die Räume vom Dekanat oder vom Katholischen Forum auch unabhängig genutzt werden können. An seiner Längsseite öffnet sich der Neubau mit einer großen Fensterfront zur Sporthalle, an der schmalsten Stelle bleibt ein nur 9,50 Meter breiter Streifen Abstandsfläche. Mit Sitzstufen versehen, die den Höhenversprung auf das Schulgelände ausgleichen und den knappen Außenraum abwechslungsreich gestalten, wird diese Restfläche als „Forum“ gut angenommen. Um einen Ausgleich für die durch den Neubau verlorengegangene Fläche zu schaffen, wurde das Dach der Aula als Pausendach gestaltet. Gut vier Meter über dem Niveau des Schulhofes spielen oder sitzen die Schüler je nach Jahrgangsstufe auf dem hellgrauen Gummigranulatboden. Möbliert ist das Pausendach mit eigens dafür entworfenen „fliegenden Teppichen“ aus heimischem Douglasienholz. Die gläserne Brüstung stellt nur eine Absturzsicherung dar, visuell sind die Pausenflächen auf allen Ebenen gut miteinander verknüpft, schließlich ist das Sehen-und-Gesehen-werden auf dem Schulhof für alle Beteiligten ein Vorzug, der nicht unterschätzt werden sollte.
Praktizierte Umwelterziehung
Als Antwort auf die ausdrucksstarke Fassade des Bestands entwickelte Peter Thomé für die Aula und die Sporthalle ein System aus eloxierten Aluminiumrohren. Die in fünf Farben und fünf verschiedenen Durchmessern ausgeführten Rohre wurden in vertikaler Anordnung auf eine Unterkonstruktion genietet. An keiner Stelle finden sich zwei gleiche Durchmesser und gleiche Farben nebeneinander, dies garantierte ein Algorithmus zur Ordnung des Zufälligen. Spielraum und Variation sind dem System immanent. Das metallische Braun und Silberfarbene der Rohre fügt sich trotz des ungewohnten Bildes harmonisch in den Bestand der Schulgebäude und in das Straßenbild entlang der Südallee ein. Doch für seinen hohen gestalterischen Anspruch musste der Architekt kämpfen, als im Kollegium Bedenken gegen den Werkstoff Aluminium geäußert wurden, denn die Schule lehrt Umwelterziehung nicht nur theoretisch, sondern bemüht sich auch aktiv um die Lösung ihrer eigenen ökologischen Defizite. Mit der energetischen Sanierung der Turnhallenfassade kam sie diesem Ziel schon erheblich näher, darüber herrschte Einvernehmen. Schließlich aber konnte Thomé mit dem Argument überzeugen, dass sich die Materialien des von ihm entworfenen Fassadenaufbaus aus Aluminiumrohren (mit 30% wiederverwertetem Material) und Mineralwolle im Vergleich zu einem Standard-Wärmedämmverbundsystem besser recyceln lassen. Darüber hinaus gelang es, mit Hilfe zweier Wärmepumpen zur Versorgung der Sporthalle und der Aula sowie einer neuen Lüftungsanlage für die Sporthalle die Gesamtenergiebilanz der Schule erheblich zu verbessern. Der Energieverbrauch der Sporthalle wurde durch die Sanierung halbiert, der Jahresprimärenergiebedarf des Neubaus liegt 37% unter den gesetzlichen Anforderungen.
Auf dem Pausenhof
Es klingelt zur Pause. Das Wetter ist schön, aber noch nicht zu heiß. Die Schüler kommen in kleinen Gruppen auf den Schulhof. Große Sprünge machen kann hier niemand, dafür wird es schnell zu voll, und doch scheint jeder oben, unten oder im Flanieren seinen Platz zu finden. Oberstufe und Unterstufe mischen sich nicht, die Großen nutzen in ihren Freistunden bevorzugt die Außenanlagen, während der normalen Pausen ziehen sie sich vor dem Getümmel lieber ins Foyer zurück.
Vandalismus scheint es nicht zu geben: an den Wänden kein Gekrakel, nirgends eine Spur von Beschädigung. Natürlich stopft einer mal schnell seine Brötchentüte hinter die Alurohre, ungewöhnlich ist jedoch, dass dies andere nicht zum Nachmachen animiert. Erwidern die Kinder auch auf diese Weise die „Wertschätzung“, die der Direktor ihnen mit der Gestaltung ihrer Schule entgegenbringen möchte? Irgendwann wird der Neu-Effekt der frisch sanierten Schulgebäude natürlich abgenutzt sein, doch das lebendige Bild einer sorgsam komponierten Collage, die durch die Vielfalt und Qualität ihrer Elemente eine enorme Bereicherung erfährt, wird bleiben. Darauf kann auch in Zukunft aufgebaut werden, denn die Entwicklung einer Schule ist nie abgeschlossen. 



Fakten
Architekten Thomé, Peter, Koblenz
Adresse Hohenzollernstraße 13, 56068 Koblenz


aus Bauwelt 29-30.2013
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