Sonnenbeben im DAZ

Installation der Künstlergruppe Das Numen

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Foto: Till Budde

Foto: Till Budde


Sonnenbeben im DAZ

Installation der Künstlergruppe Das Numen

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Wer sich schon mal an das Abenteuer gewagt hat, Architektur auszustellen, kennt sie: die Schwierigkeit, den richtigen „Repräsentanten“ zu finden für die Architektur, die man zeigen möchte. Denn – anders als etwa Kunst – lassen Bauten selbst sich in der Regel ja nicht in ein Museum oder eine Galerie translozieren.
Einer, der Architekturausstellungen macht, muss Stellvertreter bemühen: Modelle, Zeichnungen, Fotos, Filme. Damit hat man auch im Deutschen Architektur Zentrum (DAZ) in Berlin einige Erfahrung.
Doch vielleicht ließe sich das Spektrum der gängigen Stellvertreter ein Stück erweitern, mag man sich im DAZ gedacht haben, wenn man versucht, einmal etwas in den Ausstellungsraum zu bringen, das weit weniger fasslich ist als Architektur, etwas, das unser Vorstellungsvermögen im Grunde überschreitet. Seismische Aktivitäten der Sonne, „Sonnenbeben“, zum Beispiel. Das ist ein Phänomen, das wir auf der Erde zwar messen, aber weder sehen, noch hören können.
Ein Fall für die Künstlergruppe Das Numen, die sich seit gut drei Jahren der Frage widmet, wie sich biologische und physikalische Erscheinungen mit dem Medium Ausstellung sinnlich begreifbar machen lassen. Numen bezeichnet in der römischen Religion das Wirken einer Gottheit, das zum Beispiel einer Naturerscheinung innewohnen kann. Das Numen, das sind Andreas Greiner, Julian Charrière, Felix Kiessling und Markus Hoffmann, Künstler mit einem naturwissenschaftlichen bis architektonischen Hintergrund, die sich an Ólafur Eliassons „Institut für Raumexperimente“ kennengelernt haben. Zuletzt war in diesem Frühjahr ihre Installation „Das Numen Sonor“ zu erleben. Dafür verwandelten die vier den Berliner Schinkelpavillon in eine Klangskulptur, die das unterschiedliche Maß an Aktivität an verschiedenen Orten der Hauptstadt zu Gehör brachte.
Im DAZ gibt es nichts zu hören, dafür eine Menge zu sehen. Die Besucher betreten einen verdunkelten, rundherum schwarzen Raum. Über ihren Köpfen bewegen sich zwei helle Lichter, die sich mal gemächlich umkreisen, mal regelrecht jagen (gelegentlich so­gar heftig zusammenstoßen), mal einträchtig nebeneinander ihre Bahnen um den Mittelpunkt des Raums ziehen. Man legt sich am besten auf den Fußboden, um das seltsame Spiel auf sich wirken zu lassen. Die grellen Lichter hinterlassen auf der Netzhaut des Betrachters Nachbilder, so dass man für Sekundenbruchteile tatsächlich den Verlauf der Lichtbahnen zu sehen meint. Nach einiger Zeit lassen sich wiederkehrende Bewegungsmuster ausmachen. Aber: Haben diese Strukturen eine Bedeutung? Wie entstehen sie? Steht dahinter ein Programm? Ein Zufallsprinzip? Was hat das ganze mit Sonnenbeben zu tun?
Die beiden LED-Leuchten hängen von der Decke herab an einem fünfachsigen sogenannten Chaospendel. Über einen Motor bekommt das Pendel etwa alle fünf Minuten einen Impuls – immer dann, wenn das Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam seismische Aktivität der Sonne misst. Tatsächlich also sind die am Pendel aufgehängten Lichter nur eine Repräsentation von „Sonnenbeben“ in der Ausstellung, es ist nicht der Versuch, bildlich zu übersetzen, wie ein solches Beben aussieht. Lediglich das Pendel selbst erhält seinen Impuls live, quasi direkt von der Sonne (mit dem Umweg über Potsdam), die Bahn der Lichter hingegen resultiert aus der Eigenbewegung, die das angestoßene Pendel vollführt. „Das Numen Momentum“ heißt die Installation denn auch treffend.
Ließe sich ein solches Repräsentations-Prinzip in irgendeiner Weise aufs Architektur-Ausstellen übertragen? Unweigerlich beginnt man darüber zu grübeln, während die Bewegung der Lichter einen immer weiter gefangen nimmt, man allmählich ins Träumen kommt ...

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