Licht ist die Hoffnung

Neugestaltung des Innenraums der Berliner St.Hedwigs-Kathedrale

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

1.Preis: Sichau & Walter Architekten, Fulda
Zeichnung: Architekten

1.Preis: Sichau & Walter Architekten, Fulda

Zeichnung: Architekten


1.Preis: Sichau & Walter Architekten, Fulda
Modell: Architekten

1.Preis: Sichau & Walter Architekten, Fulda

Modell: Architekten


Licht ist die Hoffnung

Neugestaltung des Innenraums der Berliner St.Hedwigs-Kathedrale

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Die Diskussionen über die Umgestaltung des Innenraums durch Hans Schwippert in den frühen sechziger Jahren nimmt kein Ende. Die Erz­diözese möchte sich davon befreien und überrascht: Sie favorisiert nun den Altar in der Mitte der Halle.
Kirchenräume erfahren im Laufe der Geschichte bauliche Veränderungen. Sie werden verbreitert, verlängert, überformt, vereinfacht, neu ausgestattet. Für bauhistorisch bewanderte Betrachter macht auch dies oft den Reiz eines Kirchenraums aus. St.Peter in Rom ist wohl das eindrucksvollste Beispiel hierfür. Auch bei der Berliner St.Hedwigs-Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert, heute Mutterkirche der Erzdiözese, gab es im Laufe der Geschichte Veränderungen, u.a. durch Max Hasak und Clemens Holzmeister. Der Zentralbau gehört außerdem zu den Kirchen, die nach Kriegszerstörung nicht original wieder aufgebaut wurden. 1953–63 erhielt sie durch Hans Schwippert eine Kuppel in neuer Gestalt. Er öffnete den Zentralbau innen mittig mit einem breiten Treppenabgang in die Unterkirche. Der Altar steht hinter der Öffnung. Dadurch ergibt sich bei der Messe eine gewisse Di­stanz zwischen Geistlichen und Gläubigen. Der Raum mit den sich gegenüber stehenden Sitzbänken ist zweigeteilt (Bauwelt 19.2014).
Das Erzbistum wünscht sich nun einen anderen Innenraum und lobte einen offenen zweistufigen Realisierungswettbewerb aus. Man kombinierte diesen Wettbewerb zugleich mit etwas völlig anderem. Hinter der Kirche steht das „Bernhard-Lichtenberg-Haus“ des Bistums, das in einem schlechten baulichen Zustand ist. Hier sollte eine konzeptionelle und städtebauliche Idee zur Um- bzw. Neuplanung abgeliefert werden. In der ersten Phase beteiligten sich 169 Büros. 15 von ihnen wurden für die zweite Phase ausgewählt. Die Jury (Vorsitz Kaspar Kraemer) tat sich am 30. Juni ganz offensichtlich schwer, denn die Meinung der Denkmalpflege war eindeutig – Hans Schwipperts Architektur steht unter Schutz –, und der Landeskonservator Jörg Haspel war als Sachpreisrichter beteiligt. Man einigte sich dennoch irgendwie darauf, dass die Öffnung verschwindet. Aus der Sicht des Bistums gab es dafür einen stichhaltigen Grund: die Änderung der Liturgie durch das Zweiten Vati­kanischen Konzil, wonach der Altar näher an den Gläubigen stehen und während der Messe umgangen werden soll.
Genau dies bietet der 1. Preis von Sichau & Walter, Fulda, mit dem zentral angeordneten Altar. Man kann den Wunsch nachvollziehen, einen großen Raum auf einer Ebene zu haben. Nun spricht man sogar von einer „Normalzentralität“ – obwohl Zen­tralität vom Auslober nicht ausdrücklich gewünscht war. Es habe sich aber angeblich kein anderer Ort abgezeichnet als die Mitte, um eine neutrale spirituelle Verbundenheit in der „Cummunio“ zu erreichen.
Mit dieser klaren Entscheidung (es wurden zwei dritte Preise vergeben, Seite 10) kauft man sich Probleme ein. Durch die völlige Schließung der Öffnung zur Unterkirche ist diese, wegen der Grabkapellen und Gedenkstätten auch Memorialebene genannt, nun abgeschottet. Eine Aufwertung soll sie durch ein großes Taufbecken (Möglichkeit zur Ganzkörper-Taufe) in ihrer Mitte erfahren. Architekt Peter Sichau spricht von einer neuen ideellen Vertikalachse, vom Taufbecken über den Altar bis zum Licht am Kuppelscheitel. Welchen Verlust dieser Raum durch den Wegfall der Öffnung erfährt, zeigt der Schnitt durch die Krypta, in dem auch die problematische Erschließung von der Vorhalle aus deutlich wird. Die leichte Faltung der Unterseite der Decke ist wohl nur eine Verlegenheitsgeste (Foto links). Ein noch größeres Problem allerdings ist, dass mit dem Entwurf ein Baudenkmal, das den Mut und die Entschiedenheit eines Architekten der sechziger Jahren vor Augen führt, verloren geht.
Man sollte daher das Projekt des Umbaus von St.Hedwig mit einer neuen „Zeitschicht“ noch einmal überdenken. Mir erscheint wichtig, zunächst den Bestand aufzuwerten: Die wunderbare Unteransicht der Kuppel mit einem hellen Anstrich versehen, alle Fensterflächen, auch die große runde Verglasung am Scheitelpunkt der Kuppel, erneuern und dann mit einer Lichtinstallation diesen imposanten Raum mit mächtigem Doppelsäulen-Kranz inszenieren. Damit wäre viel gewonnen. Auch bei der Bestuhlung ist eine offenere Gestaltung sicherlich sinnvoll.
Hinsichtlich der Kosten blieb der Domprobst Prälat Ronald Rother während der Präsentation sehr wortkarg. Man bekam weder Informationen über deren Höhe noch über die Form der Finanzierung. Die Erzdiözese will sich viel Zeit zum gemeinsamen Nachdenken über den preisgekrönten Entwurf nehmen – und ist vorsichtig.

Offener, zweiphasiger Realisierungswettbewerb mit Ideenteil
1. Preis Sichau & Walter Architekten, Fulda; Leo Zogmayer, Wien
ein 3. Preis ARGE Ruf + Partner Architekten & J.-C. Quinton, Berlin
ein 3. Preis 05 Architekten – Raab Hafke Lang mit Rick Scheppat und Hyun-Mee Ahn, Frankfurt/Main
Anerkennung Schulz & Schulz Architekten, Leipzig
Anerkennung Reuter Schoger Architekten Innenarchitekten, Berlin
Fakten
Architekten Sichau & Walter Architekten, Fulda; Leo Zogmayer, Wien; ARGE Ruf + Partner Architekten & J.-C. Quinton, Berlin; 05 Architekten – Raab Hafke Lang mit Rick Scheppat und Hyun-Mee Ahn, Frankfurt/Main
aus Bauwelt 27.2014
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