Lernen vom Bestand

Seoul bei Aedes

Text: Kögel, Eduard, Berlin

Blick in die Ausstellung
Foto: Aedes

Blick in die Ausstellung

Foto: Aedes


Lernen vom Bestand

Seoul bei Aedes

Text: Kögel, Eduard, Berlin

Das Erscheinungsbild asiatischer Megastädte ist von den gewaltigen Umwälzungen der letzten Jahre geprägt, bei denen oft genug das Kulturerbe wirtschaftlichen Zielen geopfert wurde. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul hat man nun anderes vor: Dort deutet sich nach der Wiederwahl des vor zwei Jahren ins Amt gekommenen Bürgermeisters Park Won Soon ein Paradigmenwechsel in der Stadtplanung an.
Der Bürgermeister hat den üblichen Leitbildern wie Wachstum, Entwicklung und Kontrolle abgeschworen. Stattdessen setzt er auf soziale Entwicklung, Kooperation und behutsamen Umgang mit dem Bestand. Dazu berief er mit Seung H-Sang zum ersten Mal einen Stadtarchitekten, der die Stadtentwicklung und Architekturqualität künftig koordinieren und lenken soll. Die ersten Schritte auf diesem Weg zeigt das Architekturforum Aedes in einer sehenswerten Ausstellung, die mit sieben strategischen Maßnahmen den Wandel illustriert.
Zur Eröffnung fand eine Podiumsdiskussion statt, auf der einige der beteiligten Architekten ihre Ideen zur „Wiederbelebung der Geschichte, Wiederherstellung der Natur und zur Erneuerung des Lebens der Menschen“ erläuterten. Mit dem Erhalt geschichtlicher Spuren und der Verbesserung der extrem knappen Freiraumversorgung stehen zwei Aspekte im Vordergrund, die zusammen mit dem Aufbau sozialer Gemeinschaften den Umschwung der städtebaulichen Leitideen bringen sollen. Auch wenn der sechshundert Jahre alten Stadtmauer dabei eine Schlüsselrolle zukommt – man möchte sie gerne als Unesco-Weltkulturerbe schützen – ist kein rekonstruiertes Idealbild angestrebt. Mit der Mauer werden Freiräume gesichert, die in der 10-Millionen-Einwohner-Metropole dringend nötig sind. Auch der zentrumsnahe Yongsan Park, der auf einem ehemaligen amerikanischen Militärgelände in der Größe des New Yorker Central Park entsteht, soll zur Qualitätssteigerung des städtischen Lebensraums beitragen.
Der Abriss des einen Kilometer langen Sewoon Mega Komplex im Zentrum der Stadt war nach einem internationalen Wettbewerb eigentlich beschlossene Sache. Doch nun wird die Megastruktur renoviert und man erhält damit ein Stück Stadtgeschichte, dessen Ursprünge in der japanischen Kolonialzeit liegen. Die Besatzer hatten 1944 rücksichtslos einen Korridor in die alte Stadt geschlagen, um den Feuerüberschlag bei einem möglichen Luftangriff zu verhindern. Zwanzig Jahre später schloss der Architekt Kim Swoo Geun mit seinem radikalen Konzept die Wunde im Stadtgrundriss. Der Komplex wird jetzt als gemischt genutzte Struktur aufgewertet. Das größte Experiment steht dem einst informell entstandenen Dorf Baeksa am nordöstlichen Stadtrand bevor. Ursprünglich zum Abriss vorgesehen, soll es jetzt unter Anleitung von neun koreanischen und drei ausländischen Architekten erneuert werden.
Bei den vorgestellten Projekten geht es um die erzählerische Qualität der vorgefundenen Spuren, auf deren Grundlage die Stadt ihre Geschichte weiterentwickeln will. In der Ausstellung wird deutlich, dass die öffentliche Hand dafür erhebliche Mittel aufwenden muss und dass die bisherige Praxis der maximalen Gewinnoptimierung dafür unterbunden werden soll. Ob überhaupt und wenn ja, wie lange sich die neuen Ideen politisch gegen die Immobilienlobby durchsetzen lassen, muss die Zukunft zeigen. Stadtarchitekt Seung H-Sang merkte in der Diskussion beiläufig an, dass er mit dieser Strategie im neuen Amt „eine Menge Feinde haben wird“.
Die Stadt als Ort der Identifikation braucht nicht nur politische Unterstützung, sondern muss auch von den Bewohnern getragen werden, die mit ihrem Votum bei den Wahlen den Grundstein für die anstehende Erneuerung gelegt haben.

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