Gemeinschaftsräume extern | Cafés, Quartiersgärten, Kulturpassagen

Strategien für Collective Spaces

Text: Kohler, Philipp, Frankfurt am Main; Crone, Benedikt, Berlin

Ausstellungseröffnung in und vor der Galerie "die Raum"
Foto: Malte Seidel

Ausstellungseröffnung in und vor der Galerie "die Raum"

Foto: Malte Seidel


Abb.: Architekten

Abb.: Architekten


Grundriss: Architekten

Grundriss: Architekten


Gemeinschaftsräume extern | Cafés, Quartiersgärten, Kulturpassagen

Strategien für Collective Spaces

Text: Kohler, Philipp, Frankfurt am Main; Crone, Benedikt, Berlin

Der "Experimentraum" von BAR Architekten, gebaute Freiräume von carpaneto.schöningh + FAT Koehl + die Zusammenarbeiter , Gemeinschaftsräume und Brücken von bogevischs buero
Kleinstgalerie im Erdgeschoss Berlin | 2003–2010
„Großzügigkeit“ entsteht in dem Gebäude nicht durch das mittlerweile auch bei Baugruppen übliche „Mehr“ an Fläche, sondern durch flexible Raumorganisation, so Jürgen Patzak-Poor von BARarchitekten (Bauwelt 42.2010). Ihr Vorbild: das Narkomfin-Kommunehaus in Moskau. Der Bauherr, eine Baugruppe an der sich BARarchitekten selbst beteiligen, legte großen Wert auf Gemeinschaftsflächen – sowohl intern als auch nach außen. Im obersten Geschoss stehen den Bewohnern ein Gästezimmer und die gemeinsame Dachterrasse zur Verfügung. In der Sockelzone sollen Laden, Café, Musikraum, fünf Wohnateliers und die erwähnte Kleingalerie, die auch von der Baugruppe betrieben wird, zwischen öffentlichem und privatem Raum vermitteln. Bei besonders raumgreifenden Installationen kann die Galerie auch den Vorplatz mitgestalten, wie zum Beispiel 2011, als ein Wohnwagen in den Experimentraum geschoben und die Ausstellungs­fläche somit in den öffentlichen Raum erweitert wurde.
Passend zur Leitidee des Hauses ist noch bis zum 27. Oktober eine von Gregor Harbusch gestaltete Ausstellung über Ludwig Leo zu sehen. Im Werk dieses Berliner Architekten spielen Gemeinschaft, verdichtete Raumfolgen und bewegliche Einzelelemente eine wichtige Rolle. Der kleine Raum zwingt den Kurator, alle zur Verfügung stehenden Medien zu kombinie­ren und die jeweils aussagekräftigste Präsentationsform zu wählen: Von Plänen über Fotografien und einem eigens produzierten Video bis hin zu einem Modell ist alles vertreten und teilweise auf Schiebetafeln angebracht. Es ist die 16. Ausstellung seit der Eröffnung der Kleinstgalerie im Oktober 2010.
Gebaute Freiräume Berlin | 2008–2014
Am Spreeufer des Berliner Bezirks Mitte sind die für die Gegend berühmten Freiräume – Brachen, Strände, Industrieruinen, informelle Kleinsiedlungen und Nachtclubs – in Gefahr. Seit Jahren versucht das von Lokalpolitik und EU unterstützte Standort-Projekt Mediaspree jeden freien Meter am Wasser mit Bürobauten für Medien­unternehmen zu besetzen. Die 2012 gegründete Genossenschaft Spreefeld Berlin will mit einem Wohnprojekt an der Köpenicker Straße 49 nun dagegenhalten. Auf einem 7400 Quadratmeter großen Gelände, zwischen dem Szeneclub Kater Holzig und dem Deutschen Architektur Zentrum (1,3), lässt sie nicht nur eine 50 Meter breite Uferfläche samt Strand, Holzsauna und Bootshaus weitestgehend unberührt – und für die Öffentlichkeit zugänglich. Auch das Erdgeschoss der drei noch im Bau befindlichen Wohnhäuser wird zu je 30 Prozent für gewerbliche und gemeinschaftliche Nutzungen frei gehalten – ganz im Sinne unseres Autors Stefan Rettich (S. 52). Diese „Optionsräume“ sollen zum geplanten ersten Bezug der insgesamt 67 Wohnungen im Frühjahr 2014 bewusst nur in Teilen baulich fertiggestellt und mit Funktionen belegt sein, um Raum für Veränderungen zu lassen. Gerade Existenzgründer könnten hier von einer günstigen Vermietung profitieren: Bis zu einer möglichen kommerziellen Nutzung der Optionsräume werden die anfallenden Kosten von der Genossenschaft getragen. Pro Haus soll sich ein Kurator unter einem je anderen Thema um die Bespielung der Räume kümmern. Die einzige Regel: keine Wohnungen oder Büros im EG, da sie wenig zur Belebung des Umfelds beitragen.
Innerhalb der Häuser führen Cluster-Wohnungen mit Aufenthaltsraum und Kochnische den Gemeinschaftsgedanken des Projekts fort. Wer aus der Genossenschaft hier mit wem Tür an Tür wohnt, entschied die Genossenschaft nach Gesprächen mit den Architekten und den künftigen Bewohnern. Für weitere Mitglieder muss die Spreefeld eG vorerst nicht sorgen: Alle Wohnungen sind bereits vergeben.
Gemeinschaftsräume, Cluster und  Brücken. München | 2005–2016
Als „verlassene Westernstadt“ wurden die Reste der ehemaligen Kaserne zwischen Frankfurter Ring und Domagkstraße vor drei Jahren in einem Immobilienreport beschrieben. Verlassen war das Gelände eigentlich nie. Denn als die Kaserne 1993 für neue Nutzungen freigegeben worden war, siedelte sich hier ein Gemisch aus Studentenwohnungen, Veranstaltungssälen und Künstlerateliers an. Es entstand eine Künstlerkolonie, die sich als „Deutschlands größte“ bezeichnete. 2005 kaufte die Stadt das Gelände und schrieb einen städtebaulichen Wettbewerb für ein neues Wohnquartier aus, das auch die Bedürfnisse der Künstler in einem „Künstlerhof“ berücksichtigen sollte. Das Büro von Ortner & Ortner gewann, ihr Masterplan wurde umgesetzt und die maroden Bauten abgerissen.
Das direkt an den Kunsthof grenzende Grundstück wird zurzeit von bogevischs buero für die Genossenschaft wagnis mit gemischter Wohnbebauung beplant. In fünf unregelmäßig geformten Baukörpern finden auf einer Geschossfläche von 15.000 Quadratmetern 142 Wohnungen Platz. Die freie Kubatur und die Anordnung der Blöcke , die von der orthogonalen Struktur des Ortner-Büros abweicht, wurden in einem diskursiven Prozess von bogevischs buero mit den künftigen Bewohnern ermittelt. Selbst die Fassadengestaltung war Teil der partizipativen Planung. Eine Besonderheit der Wohnanlage sind große Clusterwohnungen. Nach Schweizer Vorbild organisieren sich indi­viduelle Appartements um gemeinsame Koch-, Ess- und Wohnbereiche. In den unterschiedlich geschnittenen Clustern leben bis zu zehn Personen.
In den Erdgeschosszonen, die teilweise von einer größeren Geschosshöhe profitieren, liegen die Gemeinschafts- und Gewerberäume. Brücken­konstruktionen verbinden die einzelnen Häuser auf Dachhöhe und bieten den Bewohner einen halböffentlichen Rundweg, wie er auch in der Oase 22 von Studio uek im 22.Bezirk in Wien-Transdanubien umgesetzt wurde.
Fakten
Architekten BARarchitekten, Berlin; carpaneto.schöningh, Berlin; FAT Koehl, Berlin; die zusammenarbeiter, Berlin; bogevischs buero, München
aus Bauwelt 36.2013
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