Baustelle Herkules

Text: Schlegel, Astrid, Kassel

    Wahrzeichen von Kassel- der Herkules. Blick vom Neptunbecken bis zum Oktogon im Jahr 2011.
    Bennert GmbH

    Wahrzeichen von Kassel- der Herkules. Blick vom Neptunbecken bis zum Oktogon im Jahr 2011.

    Bennert GmbH

    Fuchs, Lageplan von Wilhelmshöhe, vor 1778.
    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    Fuchs, Lageplan von Wilhelmshöhe, vor 1778.

    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Gesamtansicht der Kaskadenanlage am Karlsberg, 1706.
    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Gesamtansicht der Kaskadenanlage am Karlsberg, 1706.

    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Ansicht der Grottenanlage im unteren Drittel der Kaskadenanlage, 1706.
    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Ansicht der Grottenanlage im unteren Drittel der Kaskadenanlage, 1706.

    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Entwurf für die Pyramide mit Herkules. Signiert und datiert 1713.
    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    G.F. Guerniero, Entwurf für die Pyramide mit Herkules. Signiert und datiert 1713.

    Staatliche Museen Kassel, Graphische Sammlung

    Jan van Nickelen, Blick von der Vexierwassergrotte bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick von der Vexierwassergrotte bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Detail Pyramide und Herkulesstatue

    Jan van Nickelen, Detail Pyramide und Herkulesstatue

    Rymer van Nickelen, Blick über die Gesamtanlage
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Rymer van Nickelen, Blick über die Gesamtanlage

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Rymer van Nickelen, Blick über die Schlossanlage bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Rymer van Nickelen, Blick über die Schlossanlage bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Rymer van Nickelen, Blick vom Fontänebecken bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Rymer van Nickelen, Blick vom Fontänebecken bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick vom unteren Wassertheater bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick vom unteren Wassertheater bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick über das mittlere Wassertheater bis zum Oktogon

    Jan van Nickelen, Blick über das mittlere Wassertheater bis zum Oktogon

    Jan van Nickelen, Blick vom Neptunbecken bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick vom Neptunbecken bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick vom Riesenkopfbecken bis zum Oktogon
    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

    Jan van Nickelen, Blick vom Riesenkopfbecken bis zum Oktogon

    Staatliche Museen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK)

Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK)


Baustelle Herkules

Text: Schlegel, Astrid, Kassel

Heute wird bei Neubauten oft über mangelnde Detailplanung und Ausführung geklagt. Das Kasseler Herkulesbauwerk von Giovanni Francesco Guerniero (1665–1745) ist ein Beispiel dafür, dass auch schon zu früheren Zeiten fehlende Sorgfalt bei der Planung die Kosten in die Höhe trieb. Der Beitrag skizziert die wichtigsten Etappen der Bau- und Restau­rie­rungs­geschichte dieses Monuments, die von gravierenden statischen Problemen und schwerwiegenden Bauschäden bestimmt ist.
Mit dem Bau des Oktogons, der schon 1700 begonnen wurde und 1717 mit der Montage der Herkulesfigur auf der Pyramide seinen vorläufigen Abschluss fand, begann auch die Instandsetzungsgeschichte. Von Anfang an hatte man mit Problemen zu kämpfen, die dem mangelhaften Baugrund, dem wenig tragfähigen Material und statisch-konstruktiven Fehleinschätzungen geschuldet waren. Durch zahlreiche Reparaturen, Verstärkungseinbauten, Ausmauerungen und Rekonstruktionen hat sich der Charakter des Bauwerks grundlegend verändert; seine ursprüngliche Gestaltungsintention ist kaum mehr ablesbar. Alle nachträglich eingefügten Bauteile, die inzwischen untrennbar mit der Substanz des Ursprungsbaus verwoben sind, spiegeln den Wandel in der Betrachtung und Wertschätzung des Gebäudes, den Wandel des denkmalpflegerischen Umgangs mit der historischen Substanz und – vor allem – den nahezu unerschütterlichen Erhaltungswillen wider, der dem an sich funktionslosen Staffagebau über alle Zeiten hinweg trotz immenser finanzieller Belastungen entgegengebracht wurde.
Schon vor seiner viermonatigen Italienreise (1699/1700) hatte Landgraf Karl von Hessen-Kassel die Bauarbeiten zur Anlage von Grotten und Wasserkünsten vorantreiben lassen. Giovanni Francesco Guerniero, den er in Rom kennenlernte, wurde 1701 mit der Vollendung des Projekts beauftragt. Guerniero plante eine den Berghang beherrschende Kaskadenachse, die sich von einem monumentalen Grottenbauwerk auf dem Gipfel des Karlsbergs über eintausend Meter bis zu einem neuen Schloss am Fuße des Hangs und darüber hinaus erstrecken sollte.
Zunächst hat sich Guerniero dem Bau des Vexierwasserplateaus, dem sogenannten Artischockenbecken und den Wasserkünsten gewidmet. Der Unterbau des Oktogons war 1701 bereits soweit vollendet, dass man sich den Verkleidungen aus roh behauenen Tuffstein und dem Bau des achteckigen Beckens in dessen Innenhof zuwenden konnte. Bis 1707 wurden die Kaskaden angelegt. Bereits zu der Zeit mussten „zwischenzeitlich verfallene Mauern“ ausgebessert werden.
1708 war der felsenartig verkleidete Oktogonunterbau vollendet worden. Bis 1711 folgte das zweiten Obergeschoss, das eine fein gegliederte, offen und transparent wirkende Architektur tragen sollte. Weite Arkadenstellungen gaben den Blick in die umgebende Landschaft frei. Der Gegensatz zwischen dem natürlich wirkenden, schroffen und abweisenden Felsmassiv und der erhabenen, leichten Architektur war inszeniert. Das auf dem „Felsmassiv“ thronende Belvedere sollte den Triumph der Kunst über die Natur verkörpern.

Geldprobleme
Während der Baumaßnahmen wurde absehbar, dass die Vollendung des Gesamtprojekts aufgrund unüberwindbarer technischer und finanzieller Schwierigkeiten zurückgestellt werden musste. 1713 entschied Landgraf Karl in Abweichung zur ursprünglichen Planung, das Oktogon durch weitere Aufbauten zu erhöhen, um die Wirkung des Bauwerks zu steigern. Nachdem zunächst sogar zwei steile Pyramiden auf der oberen Plattform postiert werden sollten, beschränkte man sich schließlich auf eine Pyramide an der Ostseite, die die größte Fernwirkung versprach. Die Pyramide sollte von einer monumentalen Kopie des antiken Herkules Farnese bekrönt werden. Das Original hatte der Landgraf 1700 im römischen Palazzo Farnese bewundert. Es schien ihm angemessen, sowohl den Machtanspruch als auch die Tugenden eines weisen und gerechten Herrschers zu verkörpern. Um das Gewicht der Figur zu minimieren und die Montage auf der Spitze der steilen Pyramide in ca. sechzig Metern überhaupt zu ermöglichen, entschied man sich für die Ausführung als Kupfertreibarbeit. Nach einer Vorfertigung in der Werkstatt wurde die einschließlich Sockel 11,30 Meter hohe Statue über einem Innengerüst im Jahre 1717 montiert.
Die Errichtung der Pyramide zog zwangsläufig Verstärkungsmaßnahmen nach sich, die den Anfang einer Kette von Sicherungs- und Instandsetzungarbeiten bildeten, die bis heute andauern. Da der Bau der Pyramide erst zu einem Zeitpunkt beschlossen wurde, als das Oktogon bereits vollendet war, genügten die unterhalb gelegenen Geschosse der Auflast nicht. Außerdem sollte sich auch der Baugrund am Rande des abfallenden Osthangs als äußerst ungeeignet herausstellen, die enormen Lasten abzufangen. Daher sah man sich gezwungen, unter der Pyramide im ersten Geschoss stützende Bogenstellungen einzuziehen, Öffnungen auszumauern und die Gründung der Pyramide zu verstärken. Auch die breiten Fugenkreuze der offenen „Bündelpfeiler“ im zweiten Obergeschoss, die ursprünglich aus vier separaten Pfeilern bestanden, mussten umgehend ausgemauert und durch eiserne Bänder gesichert werden. Die Verstärkung der Bündelpfeiler musste im gesamten Geschoss fortgesetzt werden, da die schlanken Pfeiler schlichtweg unterdimensioniert waren, zumal Guerniero leichtfertiger Weise auf den Einzug von Zugankern in den Gewölben verzichtet hatte.

Bauschäden und Notsicherungen
Frühzeitig eintretende Bauschäden, die Verwitterung des Tuffsteins und die dadurch erzwungenen Reparaturarbeiten verwischten den intendierten Kontrast aus dem felsenartigen Grottenunterbau und dem fein gestalteten, luftigen Galeriegeschoss bald bis zur Unkenntlichkeit. Schon 1730, am Ende der Regierungszeit Landgraf Karls, war das Oktogon in einem baufälligen Zustand. Auch wenn die anstehenden sehr kostspieligen Reparaturarbeiten an dem Bauwerk, dass eben erst unter einem hohen finanziellen Aufwand vollendet worden war, nicht auf Begeisterung stießen, nahm sich der Nachfolger Karls, Friedrich I. König von Schweden, des väterlichen Erbes an und veranlasste die notwendigen Instandsetzungsarbeiten.
Der nordöstliche Bereich des Oktogons bereitete von Anfang an immense statisch-konstruktive Probleme. Zu den bestehenden Planungs- und Ausführungsfehlern kam hier der äußerst ungeeignete Baugrund erschwerend hinzu, dessen Tragfähigkeit man überschätzt hatte. Es waren dadurch massive Rissbildungen, Bauteilausweichungen und Setzungserscheinungen zu verzeichnen. Um das weitere Ausbrechen von Mauerschalen zu verhindern hatte man schon 1738 damit begonnen, die Felsklüfte im Baugrund zu verfüllen und die Hohlräume im Erdgeschoss, die man aus Gründen der Materialersparnis von Bebauung ausgenommen hatte, auszumauern. In der Folge wurden auch weitere Bögen unter der Pyramide unterfangen, unterstützende Arkaden in der östlichen Außengrotte eingezogen und die Hohlräume unter den Freitreppen verfüllt bzw. ausgemauert. Außerdem musste man sich mit den Tonnengewölben im zweiten Obergeschoss unter der Plattform befassen. Durch die schlechte Ausführung, die ungenügende Abdichtung und die mangelhafte Verfüllung der Zwickelräume, mit losem Bauschutt ohne ausreichenden Einsatz kalkhaltiger Mörtel, hatten Frost und Feuchtigkeit Schäden angerichtet. Die Tonnen waren akut einsturzgefährdet. 1754 stellte man neben dem Fehlen von Zugankern, unterdimensionierten Bündelpfeilern und unzureichenden Bindemitteln einen weiteren Baufehler fest: Die Gewölbe aus Verblendersteinen von geringer Tiefe waren mit durchlaufenden Fugen ohne ausreichende Verzahnung ausgebildet worden, so dass der Mauwerksverband statisch nicht wirksam werden konnte. Infolge der fehlerhaften konstruktiven Ausbildung des zweiten Obergeschosses waren in Verbindung mit dem Versagen darunterliegender Bauteile beträchtliche Lotabweichungen zu verzeichnen. Bis 1756 wurden daher mehrere Arkadenstellungen durch zusätzliche Bögen unterfangen und weitere Gewölbe durch den Einbau von Zugankern gesichert.

Heinrich Christoph Jussow
1785 trat Landgraf Wilhelm IX. die Regierung in Kassel an. Unter ihm erfolgte u. a. der ersehnte Schlossneubau am Fuße des Karlsbergs, der Neubau der pseudomittelalterlichen Löwenburg als fiktives Stammschloss der Dynastie sowie die Weiterentwicklung der Kaskaden in Form von romantischen Wasserkünsten mit einem monumentalen Aquädukt und einer bis dahin unerreicht hohen Fontaine. So ist es nur allzu verständlich, dass Wilhelm IX. bestrebt war, das weithin sichtbare Oktogon für die Zwecke fürstlicher Selbstdarstellung zu nutzen. Heinrich Christoph Jussow, der mit den Instandsetzungsaufgaben betraut worden war, skizzierte 1799 sogar Pläne für eine feierliche Illumination von Oktogon und Kaskaden. Der Versuch einer Aneignung und Nutzbarmachung des funktionslosen Staffagebaus spiegelt sich auch in Jussows Planungen für das zweiten Obergeschoss wider, dessen hohe Hallen zu schlossartigen Raumfolgen, bestehend aus Sälen und Kabinetten, ausgebaut werden sollten.
Anfang des 19. Jahrhunderts wurden wegen sich häufender Schadensfälle umfangreiche Instandsetzungen am Oktogon vorgenommen. Wie seine Vorgänger versuchte auch Jussow, die Standsicherheit des Bauwerks durch Ausmauerungen und Verstärkungseinbauten wiederherzustellen. Ein Schwerpunkt war die Konsolidierung der Risalitbauten in den Diagonalen, deren Lastableitung mangelhaft war. Die Schmalseiten der Risalitbauten waren unglücklicher Weise direkt auf den Gewölben des ersten Obergeschosses gegründet, und die Längsseiten saßen auf einem durch weite Bogenstellungen geschwächten Mauerwerk auf. Nun wurden in alle Risalitunterbauten an den Schmalseiten starke Vorsatzschalen mit Ankereinlagen eingezogen und die großen Bogenöffnungen unterfangen. Im Erdgeschoss führte man die 1754 begonnenen Ausmauerungs- und Verfüllungsarbeiten zu Ende, da ihre Umfassungswände durch die nunmehr erhöhten Auflasten der verstärkten Risalitbauten mehr als überbeansprucht waren. Auch zahlreiche weitere Öffnungen wurden ausgemauert oder durch zusätzliche Bogenstellungen unterfangen, die Gewölbe des zweiten Obergeschosses vollständig erneuert und die Gründung der Pyramide durch zwei Paare radial gestellter Bogenwände im Riesensaal konsolidiert. Dennoch stürzte 1812 ein Teil der oberen Plattform am südöstlichen Risalitbau nach Süden ab und beschädigte dabei das Gewölbe über dem ersten Obergeschoss. Jussow musste schließlich konstatieren, dass der Ruin des Bauwerks, das schon in seiner ursprünglichen Konstruktion verwahrlost sei, trotz aller Anstrengungen unvermeidlich wäre. Die Arbeiten wurden aber fortgesetzt, und Jussow ließ noch bis zu seinem Tod 1825 – nach weiteren Einstürzen – den westlichen Zwischenbau, den südöstlichen sowie den südwestlichen Risalitbau in Teilen erneuern bzw. sogar vollständig abtragen und in verstärkter Form wiederaufbauen.

Unaufhaltsamer Ruin?
Der Verfall des Bauwerks war trotz aller Anstrengungen kaum aufzuhalten. Am Oktogon waren zahlreiche Bauteile eingestürzt oder vom Einsturz bedroht, vor allem die Freitreppen, die felsenartigen Verkleidungen und mehrere Gewölbe. Außerdem war der nordöstliche Risalitbau so stark ausgewichen, dass sich zum Pyramidenunterbau ein breiter Riss ausgebildet hatte und die Widerlager der Gewölbeanker geborsten waren. Bei aller Wertschätzung der Leistungen Guernieros konnte sich C. von Decker in seinem 1840 veröffentlichten Reisebericht einer Kritik an Sinn und Zweck des Gebäudes nicht verwehren, bei dem man auf „Abnormitäten und architektonische Grimassen des siebzehnten Jahrhunderts“ stoße, „ohne eigentlichen Styl und ohne eigentlichen Zweck, denn ein jedes Kunstwerk muß als solches einen andern Zweck haben, als den, daß es überhaupt dasteht, dies sagt uns die gesunde Vernunft …“
Wenn man bedenkt, dass das Oktogon zum damaligen Zeitpunkt nicht nur vollkommen baufällig war, sondern auch jeglichen praktischen Verwendungszwecks entbehrte, lässt sich nachvollziehen, dass die Verpflichtung zur kostspieligen Erhaltung des Bauwerks prinzipiell in Frage gestellt wurde. So entwickelte der Oberbaumeister Johann Daniel Engelhard 1842 die Vision, das im Verfall begriffene Gemäuer des Oktogons aufzugeben und es in eine Ruine umzuwandeln. Solch eine malerische Ruine hätte nicht nur die Möglichkeit eröffnet, sich der kostspieligen und kaum beherrschba­ren Bauverpflichtung weitgehend zu entledigen, sondern auch die Chance geboten, das Bauwerk dem aktuellen Zeitgeist entsprechend in den umgebenden Landschaftspark einzubetten.
Glücklicherweise blieben diese Ideen Vision. Stattdessen wurden auch in den 1840er Jahren beträchtliche Summen zur Instandsetzung von Oktogon und Kaskaden aufgewendet. Der dramatische Zustand lässt sich aus der Tatsache ablesen, dass die südwestliche Außentreppe wieder hergestellt werden musste, um überhaupt einen Zugang zum Gebäude zu erhalten. Alle Freitreppen waren eingestürzt. Außerdem mussten die felsenartigen Verblendungen erneuert werden, die baufällig geworden oder sogar eingestürzt waren. Im Gegensatz zur ursprünglichen Konstruktion, die aus hochkant aufgerichteten Nadelsteinen ohne kraftschlüssige Anbindung an den Mauerwerkskern bestand, versuchte man nun, die Standfestigkeit der dünnen äußeren Schale durch regelmäßig folgende Lagen von Bindersteinen zu verbessern. Außerdem waren zahlreiche aufgrund von Rückwitterung und Überlastung geschädigte Steine auszuwechseln und einige einsturzgefährdete bzw. schon eingestürzte Kreuzgratgewölbe zu erneuern. In der südlichen Außengrotte wurden verstärkende Arkaden und Vorsatzschalen eingezogen. Eine besondere Herausforderung stellten der südliche Zwischenbau und der südwestliche Risalitbau dar, die zwischen 1848 und 1850 abgebrochen und wiederaufgebaut werden mussten, „wobei wegen der bedeutenden Schadhaftigkeit des schlecht konstruirten Mauerwerks sehr große Vorsicht nöthig war um Unglücksfälle zu verhüten“.

Neue Erkenntnisse
1863 leitete Heinrich von Dehn-Rotfelser eine umfassende Instandsetzung des Oktogons ein, die er über zwölf Jahre durch gründliche konstruktive Untersuchungen, die Beobachtung der Bauwerksbewegungen sowie die Analyse von Schäden und Schadensursachen vorbereitet hatte. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, insbesondere Engelhard, gegen den er sich erst nach langen Diskussionen durchsetzen konnte, erkannte er den negativen Effekt der zahlreichen historischen Verstärkungseinbauten, die zwar zunächst das betreffende Bauteil zu sichern vermochten, aber in der Folge dazu führten, dass darunterliegende Bauteile und Gründungen aufgrund von Überlastung versagten und somit weitere Verstärkungsmaßnahmen erforderlich machten. Dies hatte in der Vergangenheit eine Kettenreaktion von Verstärkungsmaßnahmen ausgelöst, die letztlich zu einer enormen Gewichtserhöhung und einer radikalen Veränderung des Erscheinungsbildes geführt hatten.
Nachdem Dehn-Rotfelser 1864 die nördliche als letzte der vier Außengrotten im Erdgeschoss durch Arkadenstellungen gesichert hatte, wandte er sich dem nordöstlichen Risalitbau zu, der aufgrund des schlechten Baugrunds von jeher die größten Probleme verursacht hatte. Während Engelhard dafür plädiert hatte, zur Sicherung des Bauteils die noch ausstehende Untermauerung der drei großen Bogenstellungen in gehabter Manier vorzunehmen, sprach sich Dehn-Rotfelser vehement dagegen aus, da er nicht garantieren könne, „daß nicht während oder bald nach dieser Unterbauung Einstürze oder Setzungen eintreten, welche den Abbruch des Risalits doch noch notwendig und ungleich gefahrvoller machen als er es jetzt schon ist“. Er war zu der Überzeugung gelangt, „daß die beabsichtigte Unterbauung der drei großen Bogen in der Risalit-Fassade nicht gewagt werden darf, weil das zweite Stockwerk unter dem Risalit nicht im Stande sein kann, die durch eine solche Unterbauung entstehende, sehr wesentlich vermehrte Belastung zu tragen.“ Anstelle der herkömmlichen Bogenverstärkungen, setzte Dehn-Rotfelser also einen vollständigen Abbau und Wiederaufbau des Gebäudeteils durch. Beim Wiederaufbau war folgerichtig die ursprüngliche, unverstärkte Form maßgeblich, wobei er aus statischen Gründen geschlossene Bündelpfeiler, Zuganker in den Gewölben und ausreichend dimensionierte Steinformate vorsah. Beim Abbruch und Wiederaufbau des westlichen Zwischenbaus ging Dehn-Rotfelser analog vor. Diese zwar radikalen, aber durchaus nachhaltigen Maßnahmen trugen auch dazu bei, zumindest ansatzweise die ursprüngliche, leichte und offene Gestalt des Galeriegeschosses wiederherzustellen.

Künstliche Baustoffe
Um 1870 war der Zustand des Oktogons soweit stabilisiert, dass man sich in preußischer Zeit auf die Instandsetzungsarbeiten an Pyramide und Herkulesfigur beschränken konnte; 1908 folgte die Untermauerung der Bogenstellungen des nordwestlichen Risalitbaus. Erst in den zwanziger und dreißiger Jahren war wieder eine umfassendere Bautätigkeit zu verzeichnen, 1927 wurde eine ausgewichene Seitengrotte der westlichen Außengrotte durch Verstärkungseinbauten stabilisiert. Mit den weiteren Maßnahmen beauftragte man Georg Rüth von der TU Darmstadt, der bei der statischen Sicherung des Mainzer Doms entscheidend mitgewirkt hatte. Nach seinen Plänen wurden zahlreiche Verankerungen, Steinauswechselungen, Zementverpressungen und Neuverfugungen vorgenommen. Hierfür musste der Tuffsteinbruch im Druseltal reaktiviert werden, damit genügend geeignetes Material für Steinauswechselungen zur Verfügung stand. Für die Verfugungsarbeiten kamen optisch angepasste Mörtelmischungen aus Zement, Trass, Basaltsplitt und Tuffgrus zum Einsatz. Für die Injektionsarbeiten hingegen wählte Rüth ein Gemisch aus hochwertigem Zement und Rheinsand. Ein Schwerpunkt der Instandsetzungsmaßnahme war die Sicherung der Pyramide und des darunter befindlichen Riesensaals im zweiten Obergeschoss des Oktogons. Das Sockelgeschoss der Pyramide, das aufgrund der Pyramidenneigung enormen Schubkräften ausgesetzt ist, wurde durch einen vierzig Meter langen Ringanker aus Stahl gesichert. Im Riesensaal wurden sechs Rundstahlanker eingezogen, deren Widerlager an den Außenseiten als kupferummantelte Kopfbänder mit Gegengewinde ausgeführt wurden. Die obere Plattform, deren Undichtigkeiten zur permanenten Durchfeuchtung der darunterliegenden Gewölbe geführt hatte, erhielt eine Terrassendachdeckung. Rüths Ideen reichten ursprünglich noch weiter: Um das gesamte Oktogon sollte mit Ausnahme der Risalitbauten ein 150 Meter langer Ringanker gelegt werden, um die Pfeiler des zweiten Ober­geschosses zu entlasten und diese sogar als offene Bündelpfeiler wiederherstellen zu können. Sie wurden jedoch nicht ausgeführt.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Arbeiten unterbrochen; das Bauwerk selbst wurde aber von den Kriegsereignissen nicht berührt. 1951 setzte das Staatsbauamt in Kassel Helmut Sander als Bauleiter ein, der die Arbeiten am Herkulesbauwerk und an den Kaskaden bis 1971 betreute. Viele Mauerwerksbereiche, so z. B. die felsenartigen Verblendungen des Oktogonunterbaus, mussten instandgesetzt oder wiederaufgebaut werden, wobei man nun verstärkt auf neue Materialien und Verfahren zurückgriff, die eine höhere Festigkeit und Dauerhaftigkeit versprachen. Im Gegensatz zu den Zementmörteln, die extreme Rückwitterungen am Tuffstein verursachen sollten, hat sich der sogenannte Tuffvorsatzbeton zumindest bautechnisch gut bewährt: Anstelle eines traditionellen Mauerwerkverbands wurden in einzelnen Bereichen Trasszementmischungen, denen durch den Zuschlag von Kiessand, Tuffgrus und faustgroßen Tuffbrocken eine tuffsteinartige Aussehen verliehen wurde, vor Ort anmodelliert und mit einem künstlichen Fugenschnitt versehen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt der Gesamtmaßnahme betraf die Sicherung der Gewölbe und Pfeiler durch horizontale Verschließungen. Neben der Instandsetzung und dem punktuellen Einzug weiterer Zuganker musste man sich vor allem auf die Sicherung und Entlastung der Tonnengewölbe und Pfeiler des zweiten Obergeschosses konzentrieren, da hier die Horizontalkräfte aufgrund fehlender Auflasten unvermindert wirken konnten. Das Bayreuther Ingenieurbüro Adam Hereth entwickelte ein starres Stahlbetonsystem, das aus über den Gewölben radial angeordneten Querschotten bestand, die mit einem hofseitigen und einem äußeren Ringanker sowie Randbalken in den Risalitbauten verbunden wurden. Darauf wurde eine zwanzig Zentimeter starke Stahlbetonplatte mit neuer Abdichtung und Plattenbelag auf der oberen Plattform gegründet.
Nach 1971 konnten nur punktuelle Bauunterhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen durchgeführt werden. Im Jahr 2004 wurde durch das Land Hessen eine weitere große Sanierungsphase eingeleitet.
Fakten
Architekten Guerniero, Giovanni Francesco, (1665–1745)
Adresse Herkules 34131 Kassel


aus Bauwelt 38.2011
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading
loading

23.2018

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Immer Freitags: das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine.