Bauwelt

Rhythmus ist immer Teil dieser Bewegungen

Kengo Kuma im Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

  • Abb.: Kengo Kuma. Wood/Pile, 2018<br />
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    Abb.: Kengo Kuma. Wood/Pile, 2018
    © Kengo Kuma

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    © Kengo Kuma

  • Abb.: Erieta Attali. Wood/Pile, Krün, Bayern, Deutschland<br />
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    Abb.: Erieta Attali. Wood/Pile, Krün, Bayern, Deutschland
    © Erieta Attali

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    © Erieta Attali

Rhythmus ist immer Teil dieser Bewegungen

Kengo Kuma im Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Als Kengo Kuma seinen Vortrag oder eher eine Plauderei über seine Architektur anhebt, beginnt er mit einem Foto der dichten Bambushecke, die die Villa Katsura vor Blicken abschirmt. Mehr kommt da nicht. Stattdessen Bilder von Bruno Tauts erstem Haus in Japan, am Steilufer knapp über dem Meer. Und dann Bilder eines gläsernen Pavillons, den Kuma just oberhalb des Taut'schen Hauses realisiert hat – ohne vom Vorgängerbau zu wissen.
So schlägt Kengo Kuma eine Brücke zu dem damaligen, aus Deutschland emigrierten Bewunderer der japanischen Baukunst und mittelbar auch zu seinem heutigen Publikum in Berlin. Dort, im Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation, stellt Kuma 86 Handzeichnungen aus, gemeinsam mit 18 großformatigen Farbaufnahmen der Architektur- und Landschaftsfotografin Erieta Attali, die seit 30 Jahren Kumas Bauten mit der Kamera festhält.
Kuma spricht nicht viel und schon gar nicht laut, fast ist es, als rede er vorwiegend zu sich selbst. Es sprechen seine Zeichnungen. Mit dem Kohlestift wirft er knappe Skizzen aufs Papier, die alles andere sind als Zeichnungen gebauter oder baubarer Entwürfe, sondern vielmehr Abbreviaturen, die nur das Nötigste mitteilen. Das Nötigste oder die Essenz. Kuma spricht vom „Rhythmus“ seiner Architektur. Er sei „nicht interessiert an Form, sondern an Beziehung“ – und das meint vor allem die Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Bauwerk und Landschaft, zwischen innen und außen.
Die Vielfalt der Bauaufgaben ist eindrucksvoll. Vom Privathaus bis zum groß dimensionierten Museumsgebäude ist alles dabei, übrigens auch eine hochkomplizierte, mehrgeschossige Metro-Station in Paris. Die entstand für die Olympischen Sommerspiele 2024, so wie er drei Jahre zuvor, für die Corona-bedingt verschobenen Sommerspiele in Tokio, ein neues Olympiastadion entworfen hatte. Zwei von ihren Nutzungsanforderungen vorgeprägte Bauten, sollte man meinen, doch unter Kumas Entwurfshaltung so weit als möglich mit Natur und Landschaft verwoben. In der Metro-Station ist ganz viel Holz verbaut, sind die zahlreichen Rolltreppen gerade nicht als Technik inszeniert, sondern zurückgenommen, und das Olympia- oder offiziell Nationalstadion ist mit mehreren Bändern an Pflanzen umgürtet und im Ganzen um einige Meter in einen Landschaftspark hinabgesenkt.
Das zeigen die Zeichnungen indessen nicht. Sie geben die Rhythmik des Bauwerks zu erkennen, ihr Auf und Nieder, die Schraffur ihrer Bedachung, die senkrechten Stäbe der Fassade. Es sind „Partikel“, wie Kuma sagt, die aus der Grundeinheit zur Vielheit des Gebauten verbunden sind.
In der gebauten Architektur spielt Material eine große Rolle, wobei Holz eine große, aber nicht alleinige Rolle spielt. Stahl und Stein finden sich ebenso. Kuma hat einmal gesagt, „dass der Dialog mit Materialien das Wesen meiner Architektur“ sei. Doch der eigentliche Dialog findet in und mit der Zeichnung statt. Die Bedeutung des Skizzierens, so schreibt er nun in einem dem schön gestalteten Katalog vorangestellten Essay, liege darin, „dass mein Körper den inneren Rhythmus der von mir entworfenen Architektur spüren kann“. Musik und Rhythmus seien „die Essenz der Architektur“, hingegen sei „die Vorstellung, Architektur bestehe aus Form, eine völlige Lüge“. Das sind starke Worte, die aber beglaubigt werden durch die feinen, ja zarten Zeichnungen, die Kuma mit dem Kohlestift auf Japanpapier anlegt; übrigens ungeachtet einer schweren Handverletzung, die er vor Jahrzehnten erlitt und die die Feinmotorik der rechten Hand für immer lädiert hat. „Deshalb mache ich beim Skizzieren große Körperbewegungen, ohne meine Finger zu benutzen“, schreibt er: „Rhythmus ist immer Teil dieser Bewegungen.“
Der 1954 geborene Kengo Kuma hat viele Jahre an Tokioter Universitäten gelehrt und zahlreiche Bücher zur Architektur verfasst. Sein Büro gründete er 1990 und baut in inzwischen mehr als 50 Ländern. Das Nationalstadion ist zweifellos sein bekanntestes und größtes Bauwerk. In den Skizzen aber macht es keinen Unterschied, wie groß oder gar bedeutend eine Bauaufgabe ist. Erieta Attalis Fotografien unterstreichen diese Haltung, indem sie nicht die Gesamtform eines Gebäudes zeigen, sondern dessen Beziehung zum Außen und zur Natur. Vielfach gibt es kein Innen und Außen mehr zu unterscheiden, sondern nur ein Miteinander. Das Arrangement der Zeichnungen und Fotografien in der Tchoban Foundation unterstreicht das: Sie werden nicht getrennt voneinander, sondern neben- und übereinander präsentiert, als unterschiedliche, aber zusammengehörige Formen der Annäherung an Architektur und das, was Kengo Kuma für sich als ihr Wesen entschlüsselt.


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