Zumthors Fest

Das Kunsthaus Bregenz wird zwanzig. Zur Feier des Jubiläums ist Peter Zumthor ein­geladen, „sein“ Haus zu bespielen. Er zeigt auf allen vier Etagen, was ihm lieb und teuer ist.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

    Zumthors Fest füllt das ganze Kunsthaus Bregenz. Die Installation "Lungenkraut" von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger ...
    Foto: Markus Tretter

    Zumthors Fest füllt das ganze Kunsthaus Bregenz. Die Installation "Lungenkraut" von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger ...

    Foto: Markus Tretter

    ... die Büchersammlung von Walter Lietha ...
    Foto: Markus Tretter

    ... die Büchersammlung von Walter Lietha ...

    Foto: Markus Tretter

    ... die Lochstreifenspieluhr der Komponistin Olga Neuwirth und Hélène Binets Fotos von Dimitris Pikionis’ Wegen auf der Akropolis.
    Foto: Markus Tretter

    ... die Lochstreifenspieluhr der Komponistin Olga Neuwirth und Hélène Binets Fotos von Dimitris Pikionis’ Wegen auf der Akropolis.

    Foto: Markus Tretter

    Temporärer Veranstaltungsraum im Erdgeschoss.
    Foto: Markus Tretter

    Temporärer Veranstaltungsraum im Erdgeschoss.

    Foto: Markus Tretter

Zumthors Fest

Das Kunsthaus Bregenz wird zwanzig. Zur Feier des Jubiläums ist Peter Zumthor ein­geladen, „sein“ Haus zu bespielen. Er zeigt auf allen vier Etagen, was ihm lieb und teuer ist.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

Auf die Einweihung der Therme Vals 1996 folgte im Jahr darauf die des Kunsthauses Bregenz: Es sind dies die beiden Gebäude, denen der zuvor lediglich architekturinteressierten Insidern bekannte Peter Zumthor seinen Aufstieg zu einem Weltstar der Architektur verdankt. Das radikale Konzept des mit Glasplatten verhüllten Kubus in Bregenz mit seinen übereinander gestapelten, von Sichtbetonwänden umgebenen und über Zwischenräume und Lichtdecken erhellten ­Ausstellungsälen setzt die Messlatte hoch.
Wer hier ausstellt, muss in der Klarheit und Präzision der Architektur bestehen können, die ein Abdriften ins Provinzielle und Beliebige nicht toleriert. Und die bisherigen vier Direktoren Edelbert Köb, Eckhard Schneider, Yilmaz Dziewior und Thomas D. Trummer haben mit ihrer Ausstellungsprogrammierung in bemerkenswerter Weise das Niveau halten und das Haus als Ort von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst ­international positionieren können.
Stärker als in anderen Ausstellungshäusern ist der Architekt, so möchte man sagen, hier stets der unsichtbare, aber vermittels der Stärke seiner Räume spürbare Ko-Kurator. Und so ist die Beziehung des Architekten zu seinem Haus sowie seinen Nutzern stets eng geblieben, enger als die Beziehung anderer Museumsarchitekten zu ihren Häusern. Zum zehnjährigen Jubiläum 2007 lud die Leitung des Hauses Zumthor zu ­ei­-
ner Retrospektive ein, wobei die beiden mittleren Ebenen vom Wiener Künstlerduo Nicole Six und Paul Petritsch mit einer Installation bespielt wurden. Lange statisch Filmprojektionen, die auf den ersten Blick wie Standbilder erschienen, ließen auf kongeniale Weise die Atmosphäre der Bauten erlebbar werden. Fünf Jahre später, 2012, präsentierte das Kunsthaus Bregenz seine Sammlung von Modellen Peter Zumthors im ­be­-
nachbarten Postgebäude.

Ein Fest der Künste

Und wiederum fünf Jahre später, zu seinem 20-jäh­rigen Jubiläum, hat das Kunsthaus seinem Architekten erneut Carte Blanche erteilt und sämtliche Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. „Dear to me“ heißt die Schau, und Peter Zumthor zeigt auf den Ebenen, was ihm lieb und teuer ist, was ihn inspiriert und was er schätzt. Nur die ­eigene Architektur ist diesmal kein Thema, sieht man einmal von der Collage aus Interviews und Sendungen mit Peter Zumthor ab, die der Filmemacher Christoph Schaub zusammengeschnitten hat und die im Hintergrund des Erdgeschosses auf Bildschirmen zu sehen ist.
Zumthor spricht von der Ausstellung als einem „Fest der Künste“, zu dem alle eingeladen sind. Er selbst fungiert als Gastgeber, und weil er nicht allein im Mittelpunkt stehen will, hat er sich Mitstreiter eingeladen, die am Programm mit­wirken. Sein Sohn Peter Conradin Zumthor, ein bekannter Perkussionist, ist mit von der Partie und hat ein Musikprogramm konzipiert; die ­Germanistin Brigitte Labs-Ehlert kuratierte eine Abfolge literarischer Lesungen. Hinzu kommen Gespräche, die Zumthor jeweils sonntags „mit Menschen, die ihn interessieren“ führt.
All diese Veranstaltungen finden im Erdgeschoss des Museums statt, das der Architekt miteinem roten Teppich, einer Reihe selbst entwor­fener Sitzgelegenheiten, einem Podium und einemFlügel in einen loungeähnlichen Veranstaltungsort umgewandelt hat. Die abgehängte ­Decke und die Wandpaneele, die ein wenig an Farbflächenmalereien von Ellsworth Kelly erinnern, schaffen dieakustischen Voraussetzungen für Konzerte und Gespräche, der Kassentresen dient nun als Bar. Die Kasse hat für die Dauer der Ausstellung ihr Domizil im Untergeschoss bezogen, wo sich auchdie Garderoben befinden.
Im ersten Obergeschoss hängen dreizehn großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden, welche die in London lebende Foto­gra­-fin Hélène Binet 1989 von den durch ­Dimitris Pi­kionis entworfenen Pflasterwegen auf der Akropolis angefertigt hat. Zumthor und Binet arbeiten seit langem zusammen, sie hat die Bilder für seine erste Monografie angefertigt; und Pikionis ist einer der Architekten, die Zumthor besonders schätzt. In der Mitte des Raums steht auf einem Sockel eine 33-Ton-Spieluhr, durch die ein 16 Meter langer, mit Rollen an der Lichtdecke befestigter Lochstreifen läuft. „Tinkle for P.Z.“ nennt die Grazer Musikschöpferin Olga Neuwirth ihre Komposition, die die Besucher durch Kurbeln an der Spieluhr in Gang setzen können.

Kein schwarzes Schaf in Sicht

Das Geschoss darüber ist zu einem Leseort geworden. Doppelseitige Regale bilden kreissegmentförmige Konstellationen, die Raummitte ist mit Stühlen ausgestattet und kann ebenfalls für Lesungen genutzt werden. In den Regalen steht die Büchersammlung des mit Zumthor befreundeten Churer Liedermachers und Antiquars Walter Lietha – zufällig arrangiert, nicht nach Wissensgebieten sortiert, zur freien Benutzung.
Ihren Abschluss findet „Dear to me“ im obersten Geschoss mit der den gesamten Raum nutzenden Installation „Lungenkraut“ von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger. Die beiden Künstler haben den Saal in einen ihrer ebenso filigranen wie poetischen Gärten verwandelt, in denen aus Ranken, Ästen und Halmen, Kristallen, Farbpigmenten und Alltagsgegenständen fantastische Welten entstehen, die zwischen Natur und Künstlichkeit oszillieren.
Zumthors Fest mag man auch als ein harmonisches Familientreffen verstehen, also eines, bei dem alle zueinander passen, kein schwarzes Schaf auftaucht und sich niemand danebenbenimmt. Es ist ein Fest der leisen Töne. Man wird zu nichts gezwungen, hat kein pädagogisches Programm zu absolvieren. Dass Peter Zumthor ein guter Gastgeber ist, hatte er schon mit dem „Klangkörper Schweiz“ für die Expo 2000 in Hannover bewiesen. Das gilt auch jetzt in Bregenz.

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