Zeitgemäße Angemessenheit

Zwischen Tagblatt-Turm und Altstadt möchte die LBBW in Stuttgart ein Wohn- und Geschäftshaus rea­lisieren. Die eingereichten Entwürfe polarisieren, am Ende gewann das Büro h4a Gessert + Randecker.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

    1. Preis h4a Gessert + Ran­decker Architekten historisieren nicht, das lobte die Jury, Kubatur und Fassade wurden dennoch kritisiert.
    Abb.: Architekten

    1. Preis h4a Gessert + Ran­decker Architekten historisieren nicht, das lobte die Jury, Kubatur und Fassade wurden dennoch kritisiert.

    Abb.: Architekten

    Heikle Aufgabe: Gleichzeitig 6000 Quadratmeter generieren und auf die Altstadtbebauung reagieren.
    Modellfoto: h4a Gessert + Randecker Architekten

    Heikle Aufgabe: Gleichzeitig 6000 Quadratmeter generieren und auf die Altstadtbebauung reagieren.

    Modellfoto: h4a Gessert + Randecker Architekten

    Lageplan
    Abb.: Architekten

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    Abb.: Architekten

    Ansicht
    Abb.: Architekten

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    2. Preis Jo. Franzke schlagen eine kleinteilige Fassadengliederung vor und nehmen mit den Satteldächern Bezug auf die Altstadt.
    Abb.: Architekten

    2. Preis Jo. Franzke schlagen eine kleinteilige Fassadengliederung vor und nehmen mit den Satteldächern Bezug auf die Altstadt.

    Abb.: Architekten

    Modellfoto: Jo. Franzke

    Modellfoto: Jo. Franzke

    Lageplan
    Abb.: Architekten

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    Abb.: Architekten

    Ansicht
    Abb.: Architekten

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Zeitgemäße Angemessenheit

Zwischen Tagblatt-Turm und Altstadt möchte die LBBW in Stuttgart ein Wohn- und Geschäftshaus rea­lisieren. Die eingereichten Entwürfe polarisieren, am Ende gewann das Büro h4a Gessert + Randecker.

Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main

Die Frankfurter können stolz sein oder sich grämen, Vorreiter in Sachen „neue Altstadt“ sind sie keinesfalls. In Stuttgart gibt’s südlich des Rathauses ebenfalls eine solche, gebaut allerdings zwischen 1904 und 1907: An der Stelle von 87 baufälligen Häusern, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammten und beklagenswert hygienische Zustände aufwiesen, hatte der Verein zum Wohl der arbeitenden Klassen unter Oberleitung von Baurat Karl Hengerer 36 neue Gebäude mit insgesamt 141 Wohnungen errichtet. Der Städtebau war geprägt von Theodor Fischer, der 1901 einen Ruf an die TH Stuttgart erhielt, sowie von Camillo Sittes „künstlerischen Grundsätzen“: Verengungen, Aufweitungen, Vor- und Rücksprünge, kleine Parzellen, Giebeldächer sowie einem gut gefassten Platz mit dem aus der Feder Johann Zeitlers stammenden Hans-im-Glück-Brunnen. Heute ist dieses „Altstadt“-Quartier ein besonders bei jungen Leuten beliebtes Ausgehviertel. Südlich und westlich davon wachsen Blockstrukturen, wobei sich mit Tagblattturm und Kaufhaus Schocken auch die Moderne mit zwei Denkmalen einschrieb. Letzteres wurde freilich auf Betreiben des Kaufhauskönigs Helmut Horten trotz internationaler Proteste 1960 abgerissenen und durch einen Bau von Egon Eiermann mit den berühmten Horten-Kacheln ersetzt.
Mit einer zweigeschossigen Brücke über die Steinstraße ist vis-á-vis des Hegelhauses ein 1968 errichteter Erweiterungsbau verbunden, dessen vier Obergeschosse teilweise seit Jahren leer stehen und inklusive der Kacheln einen recht tristen und heruntergekommenen Anblick bieten. Die Immobilienabteilung der Landesbank Baden-Württemberg, die zu knapp 25 Prozent im Eigentum des Bundeslandes Baden-Württemberg und zu knapp 19 Prozent im Eigentum der Stadt Stuttgart ist, hat das Grundstück in bester Innenstadtlage erworben und nach mehreren die zuständigen Behörden nicht überzeugenden Konzeptstudien und der Zustimmung der Stadt Ende November vergangenen Jahres eine „Planungskonkurrenz“ ausgelobt. Ziel war Entwürfe für ein „multifunktionales Wohn- und Geschäftshaus“ zu erhalten, wobei „eine möglichst hohe Ausnutzung des Grundstücks anzustreben“ war. Das Ergebnis soll zudem auch, so eine Ausschussvorlage der Stadt Stuttgart, „Grundlage für einen neuen Bebauungsplan werden“. Zehn arrivierte Büros wurden eingeladen, zwei allerdings zogen sich nach Unstimmigkeiten über Urheberrechte zurück. Die Jury, in der, weil einige angekündigte Preisrichter abwesend waren, vier von dreizehn der LBBW angehörten, beschloss unter Vorsitz von Wolfgang Riehle (ehemaliger Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg) Ende April 2018, den Vorschlag des Stuttgarter Büros h4a Gessert + Randecker mit dem ersten Preis zu belohnen – bei einem Stimmenverhältnis von 9 : 4. Die Arbeit stelle, so das Juryurteil, „einen überzeugenden Lösungsansatz zur schwierigen Bauaufgabe dar, der es schafft, ohne historisierende Zitate einen prägnanten und zeitgemäßen Stadtbaustein an dieser für Stuttgart so wichtigen städtebaulichen Position zu platzieren“.
Auffällig ist, wie häufig und an welch‘ prominenter Stelle die Auslobung (ebenfalls in den Beurteilungen der Preisrichter) über Städtebau, historisches Umfeld und Integration in die Bestandsbebauung sprach. Ein Umstand, der sichtbar zu verschiedenen, sich fast diametral entgegenstehenden Interpretationen führte. Die Teilnehmer aus Stuttgart (neben h4a Wittfoht Architekten und Aldinger Architekten) und Berlin (Hascher Jehle sowie Tchoban Voss) schlugen allesamt Großstrukturen vor. An den drei Frankfurter Teilnehmern dagegen, Christoph Mäckler, KSP Jürgen Engel und Jo. Franzke, ist die heimische Debatte um das Dom-Römer-Quartier offensichtlich nicht folgenlos vorüber gegangen. Alle drei entschieden sich – betont durch ein jeweils wenig vorteilhaftes Modell – für eine Neuinterpretation der kleinteiligen Strukturen der eingangs erwähnten „Altstadt“. Mäckler versuchte eine – eher unglückliche – Mischung aus einer Reminiszenz an das Schocken-Kaufhaus und einigen Puppenhäusern. KSP schlug eine klein parzellierte Bebauung aus leider ziemlich schematischen Giebelhäusern vor. Besser machte es das Team von Jo. Franzke: Dessen Entwurf lag nicht nur eine detailreiche Untersuchung der historischen Bebauung zu Grunde, sondern auch eine überzeugende Fortschreibung dieser, die Blockstruktur mit Giebelhäusern verknüpft, eine einleuchtende Hofsituation schafft und auch – besser als der Entwurf von ha4 – sehr plausibel an die Bestandsbebauung in der Eberhardtstraße anschließt. Diesen Vorschlag würdigte die Jury mit dem zweiten Preis, allerdings kritisierte sie: „So richtig diese Ansätze zum rückwärtigen Altstadtquartier sind, so wenig wird diese Klein­teiligkeit als selbstverständliche Ausformung zur Eberhardstraße gesehen.“
„Zeitgemäße Angemessenheit und städtebauliche Maßstäblichkeit“ sowie eine „positive“ Höhenentwicklung und Baukörperstaffelung an beiden Straßenfronten“ sahen die Preisrichter eher in dem in drei Baukörper gegliederten Stadtbaustein von h4a, der eine vertikal sichtbare Dreigliederung in Läden, Büros und Wohnungen vorsieht. Auch die Flexibilität der Flächenzuschnitte und die „eine hohe Qualität und Nachfrage“ versprechenden Wohnungen wurden gelobt. Dass die Ausarbeitung des Stuttgarter Büros wohl eine ziemlich hohe Grundstücksauslastung verspricht, erwähnt das Juryprotokoll dagegen nicht. Freilich unumstritten ist der ha4-Vorschlag nicht. Schon die Preisrichter, werteten die „zwei- bis viergeschossige Kolossalordnung“ bei den Wohngeschossen negativ und erwar­teten eine „Überarbeitung hinsichtlich einer wesentlich kleinteiligeren und angemesseneren Befensterung“. In einschlägigen Internetforen wird der Entwurf abgelehnt, und, will man der Lokalpresse glauben, auch in der Kommunalpolitik gibt es eine Reihe von Vorbehalten. Die Stuttgarter Nachrichten zitierten überstimmte „Bürgervertreter“, die zum einen den Franzke-Entwurf vorzögen und zum anderen den Gewinner des ersten Preises „als großen, kalten Klotz“ mit „der Anmutung einer Kirche“ beschrieben. Sogar „Widerspruch“ im Gemeinderat und eine „Auseinandersetzung im Bebauungsplanverfahren“ werden prognostiziert. Es ist zu vermuten, dass, sollte die anstehende Überarbeitung nicht überzeugend ausfallen, das Wettbewerbsergebnis an diesem prominenten Innenstadt-Standort weiteren Unmut provozieren wird.

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