The Illusion of Time
Die Alltagsbeobachtungen der New Yorker Fotografin Ruth Orkin, erstmals in Europa ausgestellt
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
The Illusion of Time
Die Alltagsbeobachtungen der New Yorker Fotografin Ruth Orkin, erstmals in Europa ausgestellt
Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin
Als 17-jährige mit dem Fahrrad quer durch’s Land – meine Mutter, Jahrgang 1935, erzählt noch heute von der großen Tour, die sie und eine Freundin Anfang der 50er Jahre von Westfalen bis zum Bodensee führte, ausgerüstet nur mit Rädern ohne Gangschaltung, ein paar Klamotten und sehr wenig Geld, aber umso mehr Neugier, die Welt zu sehen nach den entbehrungsreichen Jahren im Krieg und in den ersten Jahren danach. Von Ruth Orkin wusste sie dabei nichts. Die 1921 geborene (und 1985 verstorbene) Amerikanerin hatte 1939, ebenfalls mit 17, ein noch verwegeneres Unternehmen in Angriff genommen: mit dem Fahrrad von der amerikanischen Westküste bis nach New York zu strampeln, um die damalige Weltausstellung zu sehen. Die Tour dokumentierte sie mit dem Fotoapparat und gab damit bereits einen Fingerzeig auf ihr späteres Schaffen als Fotografin und Fotojournalistin für Magazine wie Life oder Ladies Home Journal.
In Bologna ist dieses Werk nun – und erstmals in Europa – zu entdecken: 187 ihrer Fotos vor allem aus den 40er und 50er Jahren, dazu zahlreiche Dokumente und Objekte, die ihre Arbeiten kontextualisieren. Diese sind thematisch schnell erfasst. Neben einigen berückend persönlichen Porträts von Größen ihrer Zeit wie Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Robert Capa hat die in Hollywood aufgewachsene Tochter der Schauspielerin Mary Ruby vor allem alltägliche urbane Szenerien festgehalten: in ihrer Wahlheimat New York, vor allem – in der Penn Station etwa, am Gansevoort Street Pier und am Central Park –, aber auch auf Reisen in Europa und hier vor allem in Italien. Dabei entstanden weniger singuläre Schnappschüsse als vielmehr Bildfolgen, die kleine Alltagsgeschichten der Menschen in der Stadt erzählen und Orkins eigentlichen Berufswunsch, Filmregisseurin zu werden, greifbar werden lassen. „Jimmy tells a Story“ etwa, eine Art Fotoroman, mit dem Orkin an dem großen Fotoprojekt „A Family of Man“ teilnahm, das ab 1955 vom MoMA aus durch die Welt wanderte, oder „American Girl in Italy“ (1952), eine Bildgeschichte, die für heutige Diskussionen um Sichtbarkeit und Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum geradezu prophetisch erscheint. Doch auch in Einzelmotiven stecken immer wieder Momente zeitlicher Irritation: Häufig die Bilder, in denen zwei oder gar drei verblüffend ähnlich gekleidete Personen – Frauen, Soldaten, Kinder – den Betrachter kurz zögern lassen, ob er hier ein Abbild von Bewegung zu sehen bekommt oder einen Moment.
Mit „Little Fugitive“, dem 1953 gemeinsam mit ihrem Ehemann Morris Engel als Regisseur und Ray Ashley (Drehbuch) realisierten Film, entstand dann aber doch noch ein Bewegtbildprojekt mit ihrer Beteiligung. Die Geschichte von einem kleinen Ausreißer und seinen Abenteuern an einem Tag auf der Kirmes von Coney Island trägt nicht nur ihren wachen Blick auf das Verhalten von Menschen im öffentlichen Raum. Indem die Kamera eher einem Geschehen zu folgen scheint, als dass sie dieses inszeniert, inspirierte der Film auch die Regisseure der französischen Nouvelle Vague. Wer noch vor der Finissage nach Bologna kommt, sollte den Gang in den Palazzo Pallavicini nicht versäumen – das reiche Geschehen im öffentlichen Raum der italienischen Stadt lässt sich danach mit geschärftem Blick aufnehmen.







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