Festung London

Mit Hunderttausenden Kameras, Nummernschild-Erkennung und Straßen-Barrieren ist London seit Jahrzehnten eine Hochburg der Überwachung. Ein prominenter Bau am Stadtrand treibt die Architektur der Angst nun auf die Spitze: Die neue Botschaft der USA wirbt mit Offenheit und Transparenz, verschanzt sich aber hinter Wassergräben und stahlverstärkten Hecken. Auch in der Innenstadt wird weiter aufgerüstet

Text: Wainwright, Oliver, London

    Kreative Erweiterung der vorhandenen Infrastruktur
    Foto: Stanislav Halcin/Alamy

    Kreative Erweiterung der vorhandenen Infrastruktur

    Foto: Stanislav Halcin/Alamy

    Der Entwurf für die US-Botschaft ist von europä­i­schen Burgen inspiriert.
    Rendering: KieranTimberlake

    Der Entwurf für die US-Botschaft ist von europä­i­schen Burgen inspiriert.

    Rendering: KieranTimberlake

    Foto: Benjamin John/Alamy

    Foto: Benjamin John/Alamy

    Foto: Roger Cannon/Alamy

    Foto: Roger Cannon/Alamy

    Die Bauantragszeichnungen offenbaren die Verteidigungsstrategie: Die Hecke verbirgt Stahl- und Betonpoller, die einen LKW stoppen können.
    Abb.: KieranTimberlake

    Die Bauantragszeichnungen offenbaren die Verteidigungsstrategie: Die Hecke verbirgt Stahl- und Betonpoller, die einen LKW stoppen können.

    Abb.: KieranTimberlake

    Auch der Graben inmitten der Wiese hält „feindliche Fahrzeuge“ ab.
    Abb.: KieranTimberlake

    Auch der Graben inmitten der Wiese hält „feindliche Fahrzeuge“ ab.

    Abb.: KieranTimberlake

    Der „Ring aus Stahl“ 2015: 50 gesperrte Straßen, 30 Zugänge mit Kameras zur automatischen Nummernschild-Erkennung (ANPR)
    Karte: George Gingell

    Der „Ring aus Stahl“ 2015: 50 gesperrte Straßen, 30 Zugänge mit Kameras zur automatischen Nummernschild-Erkennung (ANPR)

    Karte: George Gingell

    Die Fotografin Henrietta Williams und der Kartograf George Gingell machen den Überwachungsring um die Londoner City sichtbar. Die Foto-Standorte sind in der Karte rot markiert. Hier: Überwachungshäuschen und Kameras zur automatischen Nummernschild-Erkennung an der Fleet Street.
    Foto: Henrietta Williams

    Die Fotografin Henrietta Williams und der Kartograf George Gingell machen den Überwachungsring um die Londoner City sichtbar. Die Foto-Standorte sind in der Karte rot markiert. Hier: Überwachungshäuschen und Kameras zur automatischen Nummernschild-Erkennung an der Fleet Street.

    Foto: Henrietta Williams

    Vor der Deutschen Bank wachen Blumen­kübel aus Stahl und Beton, verpackt in Granit.
    Foto: Henrietta Williams

    Vor der Deutschen Bank wachen Blumen­kübel aus Stahl und Beton, verpackt in Granit.

    Foto: Henrietta Williams

    Am Spi­tal Square finden sich Wasserbecken und private Überwachungskameras.
    Foto: Henrietta Williams

    Am Spi­tal Square finden sich Wasserbecken und private Überwachungskameras.

    Foto: Henrietta Williams

    Um die Fahrt durch die Mark Lane zu verhindern, wurden neben einer Reihe von Pollern auch Bäume in der Mitte der Straße platziert.
    Foto: Henrietta Williams

    Um die Fahrt durch die Mark Lane zu verhindern, wurden neben einer Reihe von Pollern auch Bäume in der Mitte der Straße platziert.

    Foto: Henrietta Williams

Festung London

Mit Hunderttausenden Kameras, Nummernschild-Erkennung und Straßen-Barrieren ist London seit Jahrzehnten eine Hochburg der Überwachung. Ein prominenter Bau am Stadtrand treibt die Architektur der Angst nun auf die Spitze: Die neue Botschaft der USA wirbt mit Offenheit und Transparenz, verschanzt sich aber hinter Wassergräben und stahlverstärkten Hecken. Auch in der Innenstadt wird weiter aufgerüstet

Text: Wainwright, Oliver, London

Ein gedrungener Glaskubus erhebt sich über dem Themse-Ufer bei Nine Elms im Südwesten Londons. Er hat dieselbe dunkle, grünlich-graue Farbe wie das trübe Wasser des Flusses und ähnelt damit der billigen Verglasung der Apartmentblocks, die in der Nähe als Spekulationsobjekte hochgezogen wurden. Doch diese Fassade ist eine der teuersten der ganzen Stadt – und es gibt einen Grund für die Schlammfarbe. Die Glas­wände dieses Gebäudes sind gute 15 Zentimeter dick und bestehen aus einem komplizierten Sandwich laminierter Platten, die dem wuchtigsten Sprengsatz widerstehen können.
Man könnte denken, dies sei die neueste paranoide Phantasie von Londons wachsender Klasse von Scheichs und Oligarchen, für die an diesem Abschnitt des Flusses in rapidem Tempo Hochsicherheitssilos aus dem Boden gestampft werden, inklusive 30 Millionen Pfund teuren Penthousewohnungen mit persönlichen Schutzräumen. Doch dieser elf-stöckige Kubus, der gegenwärtig in einer postapokalyptischen Szenerie von Schlamm und Kränen steht, ist die im Bau begriffene, eine Milliarde Dollar teure Botschaft der Vereinigten Staaten. Die dicke Glashülle ist lediglich einer ihrer Verteidigungsringe in einem weitläufigen, zwei-Hektar-großen Komplex, der die Architektur und den Urbanismus der Angst in neue Höhen treibt.
Seit 1960 in Eero Saarinens elegantem Botschaftsgebäude am Grosvenor Square untergebracht, hat sich die US-Vertretung im Vereinigten Königreich zum Umzug entschlossen, als sich ihr stets anwachsendes Arsenal klobiger Sicherheitsrequisiten nicht mehr innerhalb der schmalen georgianischen Straßen von Mayfair unterbringen ließ – und die nervösen Nachbarn von der ständigen Bedrohungslage die Nase voll hatten. Eine Anwohnerin, die russische Gräfin Anca Vidaeff, trat in den Hungerstreik, während der Nachbarschaftsverein doppelseitige Anzeigen in der Washington Post und der Times of London schaltete, um gegen die Botschaft zu protestieren. Im Jahr 2007 reagierte man darauf mit einem 15 Millionen US-Dollar teuren Sicherheits-Upgrade, bei dem das Gebäude mit einer Fülle betonverstärkter Blumenbeete, zwei-Meter-hoher Explosionsschutzwände, Wachhäuser und Betonpoller umgeben wurde, wodurch sich der vornehme Grosvenor Square in eine militarisierte Stadtlandschaft verwandelte, die Bagdad würdig wäre.
Nach einer Reihe schwerer Anschläge auf US-Botschaften in anderen Teilen der Welt, wie die im Jahr 1998 gegen die Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen 220 Botschaftsmitarbeiter getötet und Tausende verletzt wurden, beschloss der amerikanische Kongress, dass alle Botschaftsgebäude hinter einer 30 Meter tiefen Sicherheitszone von der Straße zurückgesetzt sein und innerhalb eines abgeschlossenen Geländes von mindestens 1,8 Hektar liegen müssen. Nach dem Verkauf von Saarinens Gebäude an den Immobilien-Zweig der königlichen Familie von Katar (die jetzt David Chipperfield beauftragt hat, es in ein Luxushotel umzuwandeln), wurde in der Nähe der Battersea Power Station eine ehemalige Bahn­anlage südlich des Flusses erworben, die nun im Begriff ist, sich in eine städtische Festung zu verwandeln. Die Standortveränderung entspricht in etwa einem Umzug vom Pariser Platz in Berlin nach Potsdam, doch bekamen die Amerikaner damit freie Hand, einen neuen Stadtbaustein zu schaffen, der ganz und gar nach ihren Sicherheitsbedürfnissen ausgerichtet ist, und dies auf einem Kontroll- und Überwachungsniveau, das London noch nicht gesehen hat.
Geht man an der Baustelle entlang, macht man sich keine Vorstellung von der Welt der Abwehrmaßnahmen, die hinter dem harmlosen Bretterzaun entsteht. Als 2010 das in Philadelphia ansässige Architekturbüro Kie­ranTimberlake seinen prämierten Entwurf für das neue Botschaftsgebäude vorstellte, erklärten die Architekten voller Stolz, es werde „keine Zäune und Mauern“ geben. Es war der Versuch, die Abkehr von jenen nach außen abgeschotteten Anlagen einzuläuten, wie sie andernorts zu der Zeit errichtet wurden. Die US-Botschaft in Bagdad war gerade fertiggestellt worden, ein Komplex von der Größe eines Stadtviertels voller Bunker-Architektur hinter Reihen beeindruckender Mauern. Sie ist ein Paradebeispiel des „Standard Embassy Design-Programms“ der Bush-Regierung, das anscheinend darauf angelegt war, den Globus mit einer trostlosen Familie vorgefertigter Betonschuppen zu bevölkern. Demgegenüber lautete Kie­ranTimberlakes Parole „Offenheit und Transparenz“. Ihr Entwurf sei von europäischen Burgen inspiriert, so die Architekten – nicht im Sinne von sechs Meter dicken Steinmauern und Rinnen, um den Feind mit kochendem Öl zu übergießen, sondern weil die Verteidigungsstrategien des Gebäudes in der umgebenden Landschaft verborgen sein würden. Im Prinzip ist ihr Entwurf nicht allzu weit von der mittelalterlichen Turmhügelburg entfernt. Der 60 Meter hohe Glaskubus steht auf einer Anhöhe, von der nächsten Straße über 30 Meter zurückgesetzt, und von einem Wasser­graben umgeben – bzw. einem „Teich“, wie die Architekten ihn lieber nennen.
Die Bauantragszeichnungen offenbaren in dieser Pufferzone eine tak­tische Topografie von Techniken zur „Neutralisierung feindlicher Fahrzeuge“, die in ein hügeliges Idyll von Prä­rie­gras und Trauerweiden eingefloch­ten sind. Nach Norden hin ist das Gelände von einer Taxushecke eingefasst, an die sich mit nordamerikanischen Sorten bepflanzte Wiesen anschließen. Doch dies ist nicht irgendeine x-beliebige Taxushecke. Unter ihrem Laub verbirgt sie eine Reihe von Stahl- und Betonpollern, die einen mit 65 km/h frontal dagegen fahrenden, 7,5 Tonnen schweren Lkw stoppen können. Falls es durch irgendein Wunder einem feindseligen Fahrzeug doch gelingen sollte, die Stahlhecke zu durchbrechen, wird es am anderen Ende der Wiese auf eine Sitzmauer stoßen, dann auf zwei plötzliche Wech­-sel des Gefälles und schließlich auf den großen Teich – eine über 30 Meter breite Wasserfläche, hinter der das Botschaftsgebäude auf einem erhöhten Sockel steht, seine Wehrmauer hinter einem Wasserfall verborgen.
Nach Süden hin ist die Anlage von einer anderen Sitzmauer gesäumt – an einem mächtigen, LKW-abwehrenden Betonklotz sind Bänke befestigt, hinter denen das Gelände in einer Abwehr-Böschung ansteigt, die wahlweise auch als „Wiese mit der für die wogenden amerikanischen Plains so typischen Weite“ bezeichnet wird. Wie aus dem Querschnitt im Bauantrag zu ersehen ist, fällt das Gelände auf einem Drittel des Weges entlang dieser Anhöhe in einen tiefen Graben ab. Offiziell aus ökologischen Gründen angelegt, hat der Graben zufälligerweise gerade die richtigen Abmessungen, um jedes Fahrzeug abzufangen, das versuchen könnte, einen Angriff über die Wiese zu starten. Es ist im Grunde nichts anderes als ein traditioneller englischer Ha-ha oder Saut-de-loup, der ursprünglich Tieren den Zugang zu den Rasenflächen von Landhäusern verwehrte, der hier für die Sicherheitsbedürfnisse des 21. Jahrhunderts aufgerüstet wurde.
Wenn die Botschaft demnächst von einem Komplex mit 2000 Luxuswohnungen in Form der „Embassy Gardens“ umgeben sein wird, wo jedes Gebäude mindestens 50 Meter von der Gebäudelinie der Botschaft zurückgesetzt sein wird, ist diese neue Hochsicherheitsenklave nur das jüngste Beispiel, wie der Terrorismus zu einer wesentlichen Treibkraft in der Gestaltung von Londons Stadtgefüge geworden ist, während die Stadt selbst sich immer mehr zu einem Verbund bewachter Inseln entwickelt.

Urbanismus der Angst

Die Stadt London führte erstmals Anfang der neunziger Jahre eine Reihe von Maßnahmen des sogenannten Freilandschutzes ein, bekannt als der „Ring of Steel“. Der „Ring aus Stahl“ war die Antwort auf die terroristische Bedrohung durch die IRA nach dem Sprengstoffanschlag 1993 in Bishopsgate. Was als eine sichtbare Linie von Kunststoffpollern und Polizei-Checkpoints begann, hat sich allmählich in eine kaum mehr wahrnehmbare Grenzlinie aufgelöst, die aus Überwachungskameras und Kfz-Kennzeichen-Erkennungs-Software, versenkbaren Pollern und strategischer Bepflanzung, Hindernissen und Straßensperrungen besteht. Damit wird die Anzahl möglicher Zugänge zur Finanzmeile zunehmend eingeschränkt, was es leichter macht, die City jederzeit abzuriegeln. In vielerlei Hinsicht hat sich die Finanzmetropole wieder der Festungsstadt des Mittelalters angenähert, deren mächtige Mauern aus Stein und Mörtel heute nur durch unterschwelligere Barrieren ersetzt werden.
Doch die Abwehrmaßnahmen sind vielleicht bald nicht mehr so unterschwellig. Die Behörden der City von London gaben vor kurzem einen Plan zur Nachrüstung des Rings aus Stahl bekannt, mit mehr versenkbaren Pollern, gesperrten Straßen, crash-sicheren Barrikaden und sogar bemannten Checkpoints, die erstmals seit Ende der neunziger Jahre wieder errichtet werden sollen. „Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren erheblich verändert, mit mehreren großen Bauvorhaben in der Genehmigungs- oder Planungsphase“, erzählt Simon Glyn, Leiter des Bereichs „bebaute Umwelt“ der City of London Corporation. „Der Umfang dieser Bauvorhaben erfordert mehr als standort-spezische Sicherheitsmaßnahmen. Wir empfehlen eine viel umfassendere, flächendeckende Lösung.“
Der Hintergrund: Immer mehr neue Bürotürme in der City werden jetzt mit offenen, öffentlich zugänglichen Erdgeschossen entworfen, nach dem Vorbild des von Rogers Stirk Harbour + Partners konzipierten Leadenhall-Gebäudes (unter dem Spitznamen „die Käsereibe“ bekannt), das einen 30 Meter hohen, offenen Raum auf Straßenniveau hat. Auch Eric Parrys Entwurf für den höchsten Turm der City, „One Undershaft“ (Spitzname „das Spalier“) sieht vor, dass das ganze Gebäude auf riesigen diagonalen Streben ruht, so dass die Öffentlichkeit unter 73 Stockwerken der wertvollsten, am stärksten gefährdeten Büroflächen der Hauptstadt flanieren kann.
Derlei Entwürfe mögen ein Segen für die Öffentlichkeit sein, doch be­inhalten sie so viel Offenheit, dass der Sicherheitsperimeter – also die das Gebäude umgebende Zone mit Sicherheitsmaßnahmen – an anderer Stelle angesetzt werden muss. Die Barrieren müssen vom Maßstab der einzelnen Gebäudegrundfläche auf den der umliegenden Straßenzüge oder auf die gesamte Finanzmeile verschoben werden. Der britische Inlandsgeheimdienst hat gewarnt, dass der sogenannte „östliche Cluster“, wo die meisten dieser Türme gebaut werden, jetzt „äußerst anfällig ist für einen feindseligen, mit einem Fahrzeug durchgeführten Angriff“. Nun soll der Zugang des Verkehrs „ohne Voranmeldung bzw. Sicherheitsüberprüfung“ zu dieser größeren Zone beschränkt werden, wodurch die City mehr denn je zu einer Festungsinsel wird.
Die 5 Millionen Pfund für die Nachrüstung des Rings aus Stahl sollen durch eine neue, den Bauträgern neuer Hochhäuser auferlegte „Terrorismussteuer“ von 50.000 Pfund finanziert werden. Die „Section 106 agreements“, die dies regeln, sind ein Teil des Planfeststellungsverfahrens, das Gelder zur Verfügung stellt, um die Auswirkungen neuer Baumaßnahmen abzumildern. Mitsubishi Estates, die einen 40 Stockwerke hohen Glasturm an der Bishopsgate-Straße bauen werden, und AXA Investment Managers, federführend bei einem 62-stöckigen Hochhaus ein paar Häuser weiter, haben schon insgesamt 100.000 Pfund beigesteuert.
Man kann nur hoffen, dass der neue Ring aus Barrikaden nicht so sichtbar sein wird wie derjenige, der sich in den letzten zehn Jahren entlang der Straße vor dem Palace of Westminster, dem Sitz des britischen Ober- und Unterhauses, breit gemacht hat. Während die Regierungsgebäude des benachbarten Whitehall vor kurzem ihre Bürgersteige mit schmucken Balustraden aus Portland-Stein gesäumt haben, die innen raffiniert mit crash-sicheren Stahlpollern verstärkt sind, ist das Parlamentsgebäude selbst immer noch von riesigen schwarzen Stahlbarrieren umgeben, als wäre vor kurzem ein Bürgerkrieg ausgebrochen.
Vielleicht sollten die Parlamentsmitglieder einmal Londons jährliche Security & Counter Terror Expo besuchen, eine Fachmesse der Paranoia, die stolz behauptet, die „wesentlichen Bedrohungsbereiche unter einem Dach“ zu präsentieren – und wie ihnen mit immer raffinierteren Produk­ten beizukommen ist. Zwischen den Ständen, die Überwachungsdrohnen, Entschärfungsroboter und mobile forensische Labors anbieten, begeg­-net man einer endlosen Vielfalt von Pollern und Zäunen, erhältlich mit jeder Menge unterschiedlicher „Aufsätze“ – von Elektrozäunen über Sensor­systeme bis zu gutem alten Stacheldraht. Einer der größten Abteilungen der Ausstellung befasst sich Vorrichtungen zur Abwehr feindseliger Fahrzeuge, die als Straßenmöbel getarnt sind. Hier wird vorgeführt, wie meh­rere Tonnen Beton und Stahl sich auf unterschiedliche Weise in Bänken, Pflanzenkübeln und anderen klobigen Klötzen verbergen lassen, die den Bürgersteig verstellen. Besucht man heutzutage irgendeine der großen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt – von den pseudo-öffentlichen Räumen unter den „Shard“- und „Walkie-Talkie“-Hochhäusern bis zum Bahn­-hof von King‘s Cross und dem Olympiagelände – sieht man Massen dieser Sitzgelegenheiten auf Steroiden, die modernen Gegenstücke von Burggräben und Wällen, nur mit einem Kostüm aus Granit und Laub.
Seit 2007, als es Terroristen gelang, einen mit Propangaskanistern beladenen Geländewagen durch die Glastüren des Flughafens von Glasgow zu fahren und den Terminal in Brand zu setzen, macht die Branche der Freilandsicherung im Vereinigten Königreich gute Geschäfte. In derselben Woche wurden zwei nicht detonierte Autobomben in London entdeckt. Einige Monate später veröffentlichte die Regierung einen Leitfaden für Architekten, Planer und Bauträger, in dem verlangt wurde, dass neue Gebäude 50 Meter von der Straße zurückgesetzt liegen, Fenster nicht größer als drei Quadratmeter sind und bei allen Gebäuden mit mehr als zwei Stockwerken gemauerte Fassaden vermieden werden. Gleichzeitig veranstaltete das National Counter Terrorism Security Office Seminare in Architek­turschulen und bot Beratung für Studierende an, wie man beim Entwerfen und Planen die terroristische Bedrohung mit einbezieht. Die Themen reichten von der Anlegung offener Sichtachsen im Stadtraum bis zur Frage, welches Fassadenmaterial am besten gegen eine Explosion gerüstet ist. „Wir wissen, dass unsere öffentlichen Räume von Personen beobachtet werden, die auf das Erkennen von Schwachstellen trainiert sind“, intonierte ein Sprecher auf dem begleitenden Ausbildungsvideo. „Tatsache ist, dass manche Gebäude und Räume ihnen sogar noch Schützenhilfe leisten. Vielleicht ist Ihnen noch nicht klar, welche Verantwortung Sie hier tragen. Bis das der Fall ist, sind wir wieder dort, wo wir angefangen haben, bei der Verunsicherung, bei der Angst.“
Doch dieser Standpunkt lässt außer Acht, dass die Angst gerade durch solche Doktrinen des Verteidigungs-Designs und der Anti-Terror-Verordnungen geschürt wird. Unmittelbar nach einem Anschlag ersonnen, haben sie zu einer neuen Form des Urbanismus der Angst geführt. Er erzeugt eine Welt, in der öffentliche Räume von so dichten Pollerreihen eingezwängt werden, dass sie wie abgeschottet wirken, eine Welt, in der vor lauter überdimensionierten Pflanzenkübeln kaum noch ein Durchkommen ist. In dieser Welt wird Stadtplanung von dem Gefühl einer unmittelbar drohenden Katastrophe bestimmt. Wenn solch Festungsurbanismus unsere Fähigkeit übertrumpft, Räume so zu gestalten, dass sie öffentliches Leben fördern, dann haben die Terroristen schon gewonnen.
Übersetzung aus dem Englischen: Matthias Müller

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